Dübois gab alles an , was nur irgend auf eine Spur führen konnte , um den Verlorenen zu entdecken , und zerfloß beinah in Thränen , weil er dadurch gezwungen war , alles erlittene Unglück der Familie Evremont sich in ' s Gedächtniß zurückzurufen . Der Graf suchte ihn , nicht ohne eigne Rührung , zu trösten , und Beide kamen darin überein , daß vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müßten , damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe , durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so tiefer verwundet werden müßte . Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt , und der Graf eilte , sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen . Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen , und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung . Die Gräfin hatte in dieser ernsthaften Krankheit , wie er meinte , allen Eigensinn verloren , sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmäßig , und der Graf war so zärtlich besorgt , daß er den Arzt immer wieder angelegentlich bat , ja alle Sorgfalt für ihre Wiederherstellung anzuwenden . Schon den nächsten Abend hatte St. Julien den Trost , eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen , Emiliens und ihrer Freundin Therese zubringen zu dürfen , und die Kranke war zwar sehr ermattet , aber so ruhig und heiter , wie er sie nie gesehen , und die innige zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam , daß früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte . Die unermüdete Sorgfalt des Arztes , verbunden mit der größeren Ruhe des Herzens , welche die Kranke jetzt genoß , hatte bald jede Gefahr entfernt , und die Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden außer dem Bette verweilen ; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu , und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich , das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen . Dieß war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen , und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Thalheim , seine Tochter und auch den Prediger eingeladen . Der Arzt hatte sich im Stolz über die Genesung der Gräfin , die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete , ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemaßt , welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen ließ , und so begleitete er sie nach dem Speisesaale , wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung , als dem Leben wiedergegeben , begrüßt wurde . Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre Nähe , nicht , wie er versicherte , aus thörichtem Hochmuth , sondern seiner Pflicht gemäß , damit er ihr die Speisen widerrathen könne , die ihm schädlich dünken würden ; er übte aber eine so strenge Kritik , daß er der Gräfin beinah nichts erlaubte zu berühren . Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen , als aber die Tafel beendigt war , sagte sie scherzend : Aber , lieber Herr Doktor , Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren , wie der Arzt mit dem Sancho Pansa , nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel geworden war , und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich , als ihm . Niemand konnte begreifen , weßhalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte , daß er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen , die im Zorn feurig blinkten , rief : Ich weiß , es herrscht jetzt die sonderbare Mode , die von müßigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten zu mischen , aber niemals hätte ich geglaubt , daß ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte . Vergeblich bemühte sich St. Julien ihm deutlich zu machen , daß ihn Niemand mit dem edeln Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe , sondern mit dessen gelehrten Arzt . Er blieb zornig und antwortete nicht mehr , bis der Graf selbst ihm ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte , an diesem schönen Tage versöhnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken ; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen , aber man sah , daß er immer noch Verdruß im Herzen hegte . Der Graf erhob jetzt sein Glas , indem er sagte : Und nun auf Ihr Wohl , liebster Herr Doktor , dessen Kunst und treuer Sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken . Jetzt schwanden die Wolken des Verdrußes von seiner Stirn , und er blickte wie ein siegender Held umher . Nachdem die Tafel aufgehoben war , trat die Gräfin zu ihm und sagte : Sie müssen mir heute , da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle , einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken nicht verschmähen . Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an , der die Brillanten , die nun an seinem Finger glänzten , mit demselben Gefühl betrachtete , wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen . Der Graf trat nun hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose , weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte . Emilie näherte sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche , Therese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar , und St. Julien überreichte ihm , trotz seines , beinah zu großen Abscheus gegen alles Tabackrauchen , eine so außerordentlich verzierte , schöne Tabackspfeife , daß dieß Geschenk des Werthes wegen zwar ernsthaft , der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien . Der Arzt blickte in verlegener Freude umher ; Stolz über seine anerkannten Verdienste , dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude über den Werth der Geschenke bestürmten sein Herz dermaßen , daß ihm Thränen in die Augen traten und er nicht gleich