verglich es dem Schnarren einer großen Orgelpfeife , die vor lauter Umfang keinen entschiedenen Ton von sich gibt . Ob dieses Nachtschrecken gegen Morgen nachließ , oder ob Wilhelm , nach und nach daran gewöhnt , nicht mehr dafür empfindlich war , ist schwer auszumitteln ; genug , er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne anmutig erweckt . Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Frühstück gebracht , als eine Figur hereintrat , die er am Abendtische bemerkt hatte , ohne über deren Eigenschaften klar zu werden . Es war ein wohlgebauter , breitschultriger , auch behender Mann , der sich durch ausgekramtes Gerät als Barbier ankündigte und sich bereitete , Wilhelmen diesen so erwünschten Dienst zu leisten . Übrigens schwieg er still , und das Geschäft war mit sehr leichter Hand vollbracht , ohne daß er irgendeinen Laut von sich gegeben hätte . Wilhelm begann daher und sprach : » Eure Kunst versteht Ihr meisterlich , und ich wüßte nicht , daß ich ein zarteres Messer jemals an meinen Wangen gefühlt hätte , zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu beobachten . « Schalkhaft lächelnd , den Finger auf den Mund legend , schlich der Schweigsame zur Türe hinaus . » Wahrlich ! « rief ihm Wilhelm nach : » Ihr seid jener Rotmantel , wo nicht selbst , doch wenigstens gewiß ein Abkömmling ; es ist Euer Glück , daß Ihr den Gegendienst von mir nicht verlangen wollt , Ihr würdet Euch dabei schlecht befunden haben . « Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt , als der bekannte Vogt hereintrat , zur Tafel für diesen Mittag eine Einladung ausrichtend ; welche gleichfalls ziemlich seltsam klang : das Band , so sagte der Einladende ausdrücklich , heiße den Fremden willkommen , berufe denselben zum Mittagsmahle und freue sich der Hoffnung , mit ihm in ein näheres Verhältnis zu treten . Man erkundigte sich ferner nach dem Befinden des Gastes , und wie er mit der Bewirtung zufrieden sei ; der denn von allem , was ihm begegnet war , nur mit Lob sprechen konnte . Freilich hätte er sich gern bei diesem Manne , wie vorher bei dem schweigsamen Barbier , nach dem entsetzlichen Ton erkundigt , der ihn diese Nacht , wo nicht geängstigt , doch beunruhigt hatte ; seines Angelöbnisses jedoch eingedenk , enthielt er sich jeder Frage und hoffte , ohne zudringlich zu sein , aus Neigung der Gesellschaft oder zufällig nach seinen Wünschen belehrt zu werden . Als der Freund sich allein befand , dachte er über die wunderliche Person erst nach , die ihn hatte einladen lassen , und wußte nicht recht , was er daraus machen sollte . Einen oder mehrere Vorgesetzte durch ein Neutrum anzukündigen , kam ihm allzu bedenklich vor . Übrigens war es so still um ihn her , daß er nie einen stilleren Sonntag erlebt zu haben glaubte ; er verließ das Haus , vernahm aber ein Glockengeläute und ging nach dem Städtchen zu . Die Messe war eben geendigt , und unter den sich herausdrängenden Einwohnern und Landleuten erblickte er drei Bekannte von gestern , einen Zimmergesellen , einen Maurer und einen Knaben . Später bemerkte er unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern . Wie die übrigen ihrer Andacht pflegen mochten , ward nicht bekannt , so viel aber getraute er sich zu schließen , daß in dieser Gesellschaft eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte . Zu Mittag kam demselben am Schloßtore der Vogt entgegen , ihn durch mancherlei Hallen in einen großen Vorsaal zu führen , wo er ihn niedersitzen hieß . Viele Personen gingen vorbei , in einen anstoßenden Saalraum hinein . Die schon bekannten waren darunter zu sehen , selbst St. Christoph schritt vorüber ; alle grüßten den Vogt und den Ankömmling . Was dem Freund dabei am meisten auffiel , war , daß er nur Handwerker zu sehen glaubte , alle nach gewohnter Weise , aber höchst reinlich gekleidet ; wenige , die er allenfalls für Kanzleiverwandte gehalten hätte . Als nun keine neuen Gäste weiter zudrangen , führte der Vogt unsern Freund durch die stattliche Pforte in einen weitläufigen Saal ; dort war eine unübersehbare Tafel gedeckt , an deren unterem Ende er vorbeigeführt wurde , nach oben zu , wo er drei Personen quer vorstehen sah . Aber von welchem Erstaunen ward er ergriffen , als er in die Nähe trat und Lenardo , kaum noch erkannt , ihm um den Hals fiel . Von dieser Überraschung hatte man sich noch nicht erholt , als ein Zweiter Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den wunderlichen Friedrich , Nataliens Bruder , zu erkennen gab . Das Entzücken der Freunde verbreitete sich über alle Gegenwärtigen ; ein Freud-und Segensruf erscholl die ganze Tafel her . Auf einmal aber , als man sich gesetzt , ward alles still und das Gastmahl mit einer gewissen Feierlichkeit aufgetragen und eingenommen . Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen , zwei Sänger standen auf , und Wilhelm verwunderte sich sehr , sein gestriges Lied wiederholt zu hören , das wir , der nächsten Folge wegen , hier wieder einzurücken für nötig finden . » Von dem Berge zu den Hügeln , Niederab das Tal entlang , Da erklingt es wie von Flügeln , Da bewegt sich ' s wie Gesang ; Und dem unbedingten Triebe Folget Freude , folget Rat ; Und dein Streben , sei ' s in Liebe , Und dein Leben sei die Tat . « Kaum hatte dieser Zwiegesang , von einem gefällig mäßigen Chor begleitet , sich zum Ende geneigt , als gegenüber sich zwei andere Sänger ungestüm erhuben , welche mit ernster Heftigkeit das Lied mehr umkehrten als fortsetzten , zur Verwunderung des Ankömmlings aber sich also vernehmen ließen : » Denn die Bande sind zerrissen , Das Vertrauen ist verletzt ; Kann ich sagen , kann ich wissen , Welchem Zufall ausgesetzt Ich nun scheiden , ich nun wandern ,