ganz offen : der Marchese habe ihm etwas Verdächtiges gehabt , und die Gräfin , er kenne sie von Jugend auf , sei leichtsinnig ; es tue nicht gut , wo zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten . Der Graf mußte ihn belächeln . Mit dem Marchese bin ich ganz sicher , der hat mich selbst gewarnt , so dachte er in sich , es ist ein edler Mann , der Sinn für alles Edle hat . - Als seine Frau aufgestanden , ging er zu ihr und erzählte ihr offenherzig die ganze Geschichte , das Befremdende in ihr , das er jetzt gar nicht mehr finde , den wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung ; doch sagte er nicht , von wem sie ihm gekommen . Die Gräfin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen Erröten vor sich selbst , und wie tief sie jetzt unter ihm stehe ; sie erkannte seinen Genius mit Schaudern , der ihn so gründlich gewarnt hatte . Ist es ein Glück , daß die lichte Stirne des Menschen so vieles verschließen kann , und der Mund so viel sagen , wovon nichts darinnen ? Des Grafen Glück war es ; die Bestürzung ihrer Schuld wurde , wie es ihr Mund aussagte , zur Empörung über so unwürdigen Argwohn ; der Graf fiel auf seine Kniee nieder , der Kopf glühete ihr ; sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen , wie er spottend zwei Finger gleich einem Geweihe über ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige , das er an jenem Abende ihr entrissen ; sie weinte in Zorn und Verlegenheit , der Marchese verschwand , sie drückte ihren Mann herzlich an sich . Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen , fiel ihm die bestaubte Gitarre in die Hand , er fand sie wenig verstimmt ; nachlässig ging er im Zimmer auf und nieder , dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt , und sie war doch sein , ganz sein ; seine ganze Seele schwebte in den Worten » so warst du nicht verloren , so warst du dennoch mein « , die von Tausenden vielleicht ausgesprochen , doch nie so wie in ihm zu Musik wurden , und diesen wiederkehrenden Tönen gab er immer neue Worte ; so erfand er ein Lied , das er den ganzen Tag halblaut sich vorsingen mußte : So bist du nicht verloren , So warst du dennoch mein ! So bin ich nicht verloren , So bin ich wieder dein ! Ich ging in mir verloren Weit in die Welt hinein , Ich ging mit tausend Toren Und fand mich ganz allein . Ich hatt den Weg verloren In tiefer Nacht allein , Da klang ' s mir vor den Ohren , Im Aug ward Dämmerschein . Es klang : Was du verloren , Das ist der Glaub allein , Die Liebe , treu beschworen , Die wird auch ewig sein . So stand ich vor den Toren Und ging zu Liebchen ein , Da hat sie neu beschworen , Daß sie doch einzig mein . Ich bin zum Glück geboren , Und war in schwerer Pein , Die Lieb hat mich erkoren Aus einer Welt allein . Ich bin wie neugeboren , Von allem Leben rein , Und was mir angeboren Ist alles , alles dein ! Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren , um ganz zur Weinklarheit zu gelangen ; aber auch in der Gräfin ruhte sie nicht , zum Bessern zu wirken , wenn sie auch nicht das Beste erreichen konnte . Die Gräfin nahm sich ernstlich vor , ganz gut zu werden , und die erste Äußerung dieses Entschlusses zeigte sich in der Entfernung alles des Halbguts , woraus bis dahin ihre Gesellschaften bestanden ; eigentlich schämte sie sich , das Volk in der entstandenen Vertraulichkeit zu ihr , dem Grafen vorzustellen , auch ihre politischen Schreibereien verbrannte sie . Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glücks in dieser Erhellung ihrer Schönheit durch die Güte , - dem nichts fehlte als die Dauer . Zwölftes Kapitel Bekenntnis der Gräfin Es ist ein Schreckliches in der Natur , daß sie , unbekümmert um die Gesinnungen der Menschen , ihre Rechte übt und aus der Schande , wie aus der Tugend ihr ewiges Fortleben zieht ; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen , leben ein gleiches Leben wie die Kinder der treuen Unschuld ; wehe aber der armen Unschuld , die aus solcher Schuld hervorgehend , wie ein rächender Engel zwischen die Eltern tritt . Die Gräfin mußte sich nach drei Monaten eingestehen , daß sie wiederum Mutter werden würde , ihr Bewußtsein sagte strafend , daß es eine Frucht ihrer Sünde sei ; der Graf , ohne Verdacht des Bösen , freute sich herzlich des neuen Segens ; Sorgfalt für das Wohlsein seiner Frau beschäftigte ihn ganz , und wenn sie zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise , eines gefährlichen Sprunges zu enthalten errötete , so schrieb er es immer auf die Art von Scheu , die jungen Frauen gegen ihre Männer so wohl läßt , als wenn sie gleichsam fürchteten , ihre Vertraulichkeiten möchten an den Tag kommen . Mancher innere Vorwurf beängstigte sie und ihr Zustand selbst , indem er sie beängstete und beschränkte , zwang sie zur Betrachtung ; oft schwebte das Geheimnis auf ihrer Zunge , vielleicht wäre alles durch ein offenes Geständnis gebessert worden , aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses unmöglich , der jeder Tag neue Angedenken unumschränkter Verehrung brachte ; es schien ihr sogar eine sträfliche Grausamkeit ihrem glücklichen Manne den geheim ernstvollen , von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in die Welt , nach ihrem bösen Glauben zu enthüllen , und das Kind nicht auf Rosen , sondern von Schlangen umwunden zu zeigen . Dieses war eines Abends das