Mutter an , die ihn eher der Lüge beschuldigte , ehe sie an ein Vergehen seines Bruders glaubte ; vielleicht war es dies , was seine Stimme so eisig und mitleidlos machte , als er jetzt sagte : » Dem Fürsten Baratowski war ein wichtiger Posten übergeben worden , mit dem strengsten Befehle , nicht davon zu weichen . Er deckte mit seiner Schar seinem Oheim den Rücken . Fürst Baratowski fehlte auf diesem Posten , als der nächtliche Angriff erfolgte ; der Führer fehlte , und die übrigen zeigten sich dem Ueberfalle nicht gewachsen . Sie setzten sich völlig planlos zur Wehre – es gab ein Blutbad . Einige zwanzig Mann retteten sich durch den Uebertritt auf unser Gebiet und fielen unsern Patrouillen in die Hände ; drei der Flüchtlinge liegen schwer verwundet drüben im Gutshofe . Aus ihrem Mund erfuhr ich das Geschehene – der Rest ist zersprengt oder vernichtet . « » Und mein Bruder ? « fragte die Fürstin anscheinend ruhig , aber es lag etwas Schreckliches in dieser Ruhe . » Und das Morynskische Corps ? Was ist aus ihnen geworden ? « » Ich weiß es nicht , « versetzte Waldemar . » Es heißt , die Sieger hätten die Richtung nach W. genommen . Was dort geschehen ist , darüber fehlen noch die Nachrichten . « Er schwieg . Es folgte eine furchtbare Stille . Leo hatte das Gesicht in beide Hände verborgen ; aus seiner Brust drang ein dumpfes Stöhnen hervor . Die Fürstin stand aufrecht , das Auge unverwandt auf ihn gerichtet – sie rang nach Atem . » Laß uns allein , Waldemar ! « sagte sie endlich tonlos , aber mit der alten Festigkeit . Er zögerte . Die Mutter war ihm stets kalt und oft genug feindselig erschienen . Hier , an dieser Stelle , hatte sie ihm als erbitterte Gegnerin gegenüber gestanden , als der Streit um die Herrschaft in Wilicza endlich zum Ausbruche kam , aber so hatte er sie doch noch nie gesehen wie in diesem Augenblick , und ihn , den harten rücksichtslosen Nordeck , ergriff es wie Angst und Mitleid , als er das Urteil seines Bruders in jenen Zügen las . » Mutter ! « sagte er leise . » Geh ! « wiederholte sie . » Ich habe mit dem Fürsten Baratowski zu reden . Da taugt kein dritter zwischen uns . Laß uns allein ! « Waldemar gehorchte und verließ das Zimmer , aber es bäumte sich wieder heiß und schmerzlich in ihm auf , als er ging . Er wurde verbannt , wo die Mutter mit ihrem Sohne zu reden hatte . Wenn sie diesen auch jetzt ihren Zorn fühlen ließ , der ältere war und blieb ein Fremder dabei ; ihn hieß man gehen – er » taugte « nicht zwischen Mutter und Bruder , mochten sie sich nun in Liebe oder Haß begegnen . Eine tiefe Bitterkeit regte sich in Nordeck , und doch fühlte er , daß diese Stunde ihn an der Mutter gerächt hatte für die versagte Zärtlichkeit , daß sie jetzt in ihrem Lieblingssohne , in ihrem Abgotte aufs schwerste gestraft war . Waldemar schloß die Portiere hinter sich . Er blieb im Nebenzimmer , um auf alle Fälle den Eingang zu hüten , denn er kannte die Gefahr , der sich Leo aussetzte . Fürst Baratowski hatte zu offen und entscheidend an dem Aufstande teilgenommen , um nicht auch hier geächtet zu sein ; auch hier drohte ihm Verurteilung und Verhaftung . Er war , unvorsichtig genug , am hellen Morgen in das Schloß gekommen ; noch befand sich die Eskorte , welche die Verwundeten gebracht , im Dorfe , und jeden Augenblick konnten die Bedeckungsmannschaften mit den übrigen Flüchtlingen Wilicza passieren – es galt Vorsichtsmaßregeln zu treffen . Waldemar stand am Fenster , so weit als möglich von der Thür entfernt . Er wollte nichts hören von der Unterredung , von der man ihn ausgeschlossen , und es war auch nicht möglich – die dicken Samtfalten der Portiere fingen jeden Laut auf . Aber die Zeit drängte . Mehr als eine halbe Stunde war verstrichen und die Unterredung da drinnen währte noch immer fort . Weder die Fürstin noch Leo schienen daran zu denken , daß mit jeder Minute die Gefahr des letzteren wuchs . Waldemar entschloß sich endlich , sie zu unterbrechen . Er trat wieder in den Salon , blieb aber befremdet stehen , denn statt der erwarteten erregten Scene fand er das tiefste Schweigen . Die Fürstin war verschwunden und die vorhin offen stehende Thür zu ihrem Arbeitskabinett fest geschlossen . Leo befand sich allein im Zimmer . Er lag in einem Sessel , den Kopf tief eingewühlt in die Kissen , ohne sich zu regen , ohne den Eintretenden zu bemerken , wie gebrochen und vernichtet . Waldemar trat zu ihm und nannte seinen Namen . Leo lag in einem Sessel , den Kopf tief eingewühlt in die Kissen , ohne sich zu regen und den Eintretenden zu bemerken . » Ermanne dich ! « mahnte er leise und eindringlich . » Sorge für deine Sicherheit ! Wir haben jetzt hundertfache Beziehungen zu L. ; ich kann das Schloß nicht vor Besuchen schützen , die dir gefährlich sind . Ziehe dich fürs erste in deine eigenen Zimmer zurück ! Sie können ja nach wie vor als verschlossen gelten , und Pawlick ist zuverlässig . Komm ! « Langsam hob Leo das Gesicht empor ! es war erdfahl – jeder Blutstropfen schien daraus gewichen zu sein . Er blickte den Bruder groß und starr an , ohne ihn zu verstehen . Sein Ohr fing nur mechanisch das letzte Wort auf . » Wohin ? « fragte er . » Vor allen Dingen nur fort aus diesen Hauptgemächern , die so vielen zugänglich sind ! Komm – ich bitte dich . « Leo erhob sich ebenso mechanisch , wie er vorhin zugehört . Er sah sich im Zimmer um ,