finden sei . Er entließ mich scheinbar wohlwollend , aber kaum hatte ich meine Wohnung wieder betreten , so wurde ich verhaftet ; meine Papiere wurden mit Beschlag belegt und mir jede Möglichkeit genommen , meinen Freunden eine Nachricht zukommen zu lassen . Das nächste Opfer war Rudolph , den man als meinen Freund und Vertrauten kannte . Bei ihm fand man die Correspondenzen unserer Verbindung und damit den Schlüssel zu allem Uebrigen . Noch vier unserer Gefährten theilten unser Schicksal ; der Schlag kam so unerwartet , daß Keiner sich zu retten vermochte . Die Anklage lautete auf Hochverrath – wir mußten auf Alles gefaßt sein . Da , nach kurzer Zeit , wurde ich wieder zum Minister geführt , der mir ankündigte , daß ich meiner Haft entlassen sei . Er habe sich überzeugt , daß ich nur der Verführte , das Opfer Brunnow ’ s und seiner Genossen gewesen sei , und wolle das Geschehene verzeihen , sobald ich mein Ehrenwort gebe , ein- für allemal mit den revolutionären Bestrebungen zu brechen . Ich starrte meinen Chef wie betäubt an . Kannte er meine Stellung zu der Sache wirklich nicht , oder wollte er sie nicht kennen ? Mein Name war allerdings nirgends genannt worden . Rudolph galt als unser Haupt , aber ein so scharfblickender Mann wie der Minister mußte wissen , daß die passive , unselbstständige Rolle eines blos Verführten meinem ganzen Charakter widersprach . Ich ahnte damals noch nicht , daß er blind sein wollte , um verzeihen zu können . Ich verweigerte entschieden das geforderte Versprechen , weil es Verrath an meiner Ueberzeugung sei , und erklärte , das Schicksal meiner Freunde theilen zu wollen . Der Minister behielt seine unerschütterliche Ruhe und wiederholte sein Anerbieten . ‚ Ich gebe Ihnen vier Wochen Bedenkzeit , ‘ sagte er . ‚ Ich setze zu viel Hoffnungen auf Sie und Ihre Zukunft , um Sie in diesem wüsten Demagogentreiben zu Grunde gehen zu lassen . Ihr Kopf kann dem Staate bessere Dienste leisten , als sich auf einer Festung oder im Exile mit unfruchtbaren Verschwörungsplänen abzumühen . Sie sind nicht der Erste , der einen begangenen Irrthum einsieht und später zum eifrigsten Verfechter der Sache wird , die er einst bekämpfte , und gerade der Trotz , mit dem Sie jetzt die gebotene Rettung von sich stoßen und die Umkehr verweigern , zeigt mir , daß ich die Verantwortung übernehmen darf , Ihnen wieder den Staatsdienst zu öffnen , wenn Sie wirklich umkehren . Noch hat Sie Niemand angeklagt , und es hängt von Ihnen ab , ob die Anklage überhaupt erhoben werden soll . Die wenigen Beweise , welche Sie compromitiren sind in meinen Händen und werden vernichtet , sobald ich Ihr Wort habe . In vier Wochen erwarte ich Ihre Entscheidung . Vorläufig sind Sie frei und haben die Wahl zwischen einer ehrenvollen , vielleicht glänzenden Laufbahn und dem Untergange ‘ – damit entließ er mich . “ „ Und Du hast die Wahl getroffen ? “ fragte Gabriele . „ Ich – nein ! “ entgegnete Raven bitter . „ Für mich gab [ 563 ] es überhaupt keine Wahl mehr ; man hatte dafür gesorgt , daß sie mir erspart blieb . Meine ersten Schritte galten dem Versuche , zu erfahren , wie viel von unserer Sache verloren , wie viel davon gerettet war . Ich suchte meine Freunde auf und fand einen Empfang , auf den ich nun freilich nicht vorbereitet war . ‚ Verrath ! ‘ schrie man mir entgegen ; ‚ Verrath ! ‘ tönte es von allen Seiten , wo ich mich nur blicken ließ . Haß , Empörung , Abscheu wogten mir in allen Tonarten entgegen . Im ersten Augenblicke begriff ich nicht , was das zu bedeuten habe – ach , es wurde mir nur zu bald klar . Man hielt mich für den Verräther , der die Entdeckung herbeigeführt hatte . Meine amtliche Stellung , die offenbare Gunst meines Chefs hatten schon früher Anlaß zum Mißtrauen gegen mich gegeben ; jetzt lag es klar am Tage : Ich war das Werkzeug , der Spion des Ministers gewesen ; ich hatte ihm unsere Geheimnisse preisgegeben und verkauft . Meine eigene Verhaftung , so folgerte man , war nichts als eine Komödie , ein abgekartetes Spiel , um mich der Rache der Verrathenen zu entziehen , und meine Freilassung bewies ja sonnenklar , daß ich mit den Feinden im Bunde sei – ich erkannte es jetzt , daß die Großmuth meines Chefs keine so unbedingte war , wie ich glaubte . Er hatte sich gesichert , als er mich freiließ , und mir die Rückkehr in das ‚ Demagogentreiben ‘ ein für alle Mal verschlossen . Anfangs stand ich fassungslos vor der furchtbaren Anklage , dann erhob ich mich mit vollster Empörung gegen dieselbe . Ich gestand offen meine Unvorsichtigkeit ein , die einzige Schuld , die ich mir beimessen konnte . Ich erzählte meine Unterredung mit dem Minister – es war umsonst , man hielt das für leere Ausflüchte . Das Verdammungsurtheil über mich war einmal ausgesprochen und wurde nicht zurückgenommen . Ein Einziger hätte mir vielleicht geglaubt – Rudolph Brunnow ! Ihn traf der Schlag am schwersten und doch , hätte ich vor ihn hintreten können , Auge in Auge , und ihm sagen : ‚ Es ist eine Lüge , Rudolph , ich bin kein Verräther ! ‘ er hätte mir die Hand gereicht und mit mir vereint die Verleumdung bekämpft . Aber er war im Gefängnisse . Ich konnte nicht bis zu ihm dringen . Ich gab den Uebrigen mein Ehrenwort , aber man antwortete mir , daß ich keine Ehre mehr zu verlieren habe , und verweigerte mir sogar die Genugthuung für diesen Schimpf , denn mit Spionen schlage man sich nicht . – Die verfolgten , gehetzten und bis zum Wahnsinn gereizten Menschen waren keines unbefangenen Urtheils fähig , und ich fürchte , ihr Verdacht ist absichtlich auf mich gelenkt