Scham vor sich selber , der starre Wolframstrotz hätten sie von der Leiter jagen müssen ; aber es war nur ein Gedanke , der sie beherrschte , der ihr das Blut stürmisch kreisen machte und ihre Bewegungen lenkte – der Wunsch , so nahe wie möglich in das kleine , blasse Kindergesicht zu sehen und sich mit einem einzigen Blick zu überzeugen , ob der Tod wirklich seine drohende Hand zurückgezogen habe . Sie sah in das Fichtenwäldchen hinein , und dort stand , kaum fünfzehn Schritt entfernt , der Fahrstuhl zwischen den Stämmen . Josés Gesicht war ihr zugewendet . Noch lehnte der kleine Kopf müde an dem blauen Polster , und das vorquellende goldglänzende Gelock hing um ein abgezehrtes Oval ; aber der lebhafte Blick und das schöne Rot des kleinen Kirschenmundes bezeugten unwiderleglich , daß der Lebensstrom in dem schwer angefochtenen Kinderkörper dort gesunde . Außer Jack war niemand bei dem Knaben . Der Schwarze watete im Wiesengras und pflückte die Stengel des Löwenzahns , welche die Händchen des kleinen Kranken auf der Decke zu einer unförmlichen Kette verarbeiteten . Man sah , wie sich die Brust des Kindes in tiefen Atemzügen hob und die freie , von kräftigem Fichtenduft durchtränkte Luft gierig einsog . Auch ein stilles Lächeln der Freude ging über das Gesichtchen . » Geh , Jack , sei gut – lasse Pirat heraus zu mir ! « sagte der Knabe , jedenfalls in bezug auf das Hundegewinsel , das vom Atelier herkam . » Nein , Kind , noch nicht ! Doktor hat ' s verboten ! « rief der Schwarze von der Wiese herüber . » Pirat ist wild , regt dich auf . Heute nicht – morgen ! Will nachher gleich hingehen und ihn zur Ruhe bringen . « Damit stampfte er immer tiefer in das Gras und machte Jagd auf die gelben Blumen und die dicken Federbälle , die unter seiner Berührung auseinander stäubten . Die Augen der Majorin glühten plötzlich auf , und so voller Hast , als habe es ihr eine dämonische Gewalt angetan , die sie vorwärts treibe , verließ sie die Leiter und ging in das Haus . Den Hof betrat sie nicht ; sie nahm den Weg durch die Hintergebäude , den der kleine José neulich gegangen war – über die dunklen Böden hinweg kam sie ungesehen in das Giebelzimmer . Fast wie ein Dieb , der sich auf fremdes Gebiet schleicht , bemühte sich diese Frau , mit dem sonst so majestätisch festen Gang , geräuschlos in ihr eigenes Zimmer einzutreten . Sie schloß den Wandschrank auf , der ihr reiches Silbergerät enthielt – in der einen tiefen Ecke hatte einst auch das verhaßte Patengeschenk mit dem eingravierten Namen Lucian den Augen der Welt möglichst entrückt gelegen – und nahm einen kleinen , schwervergoldeten Silberbecher von herrlicher Form und Arbeit heraus . Das war auch ein Patengeschenk , das einst ein reicher Freund des Hauses der kleinen Therese Wolfram in das Taufzeug gesteckt hatte . Hastig fuhr sie noch einmal mit dem Staubtuch über das goldfunkelnde Innere des Bechers , dann ließ sie ihn in die Tasche gleiten und ging auf demselben Wege , den sie gekommen , in den Garten zurück . Ein Blick über den Zaun und die tiefe Stille , die drüben herrschte , überzeugten sie , daß der Neger zu dem Hund gegangen sei , um ihn zu beruhigen . Mit bebenden Fingern zog sie einen Schlüssel aus dem klirrenden Bund , der an ihrem Gürtel hing , riß die Küchenschürze ab , um sie hinter den nächsten Busch zu werfen , und schloß die kleine Mauertür auf , die hinaus auf die Straße führte . Das alte Brettergefüge ächzte und kreischte in den Angeln , und die Frau fuhr mit kreideweißem Gesicht zurück und biß die Zähne aufeinander . Vor langen Jahren hatte sich diese Tür auch so widerwillig gesperrt und förmlich feindselig gemurrt , als gehöre sie auch zu denen auf Wolframschem Gebiet , die es so ungern sahen , daß die schöne Tochter des Hauses , das bräutliche Mädchen im weihen Kleide , da hinausschlüpfte , um drüben im Schillingsgarten dem schlanken Soldaten in die Arme zu eilen ... Ja , weiß wie eine Taube war sie immer hinübergeflattert – er hatte das so sehr geliebt ... Die Majorin hatte den Fuß unwillkürlich zurückgezogen ; aber nur für einen Augenblick – dann trat sie entschlossen hinaus , und die Tür fiel hinter ihr zu . Die an sich schon öde Straße mit den verlorenen Häusern zwischen langen Gartenmauern war in diesem Augenblick völlig menschenleer . Es bedurfte auch nur weniger Schritte , um die Tür des nachbarlichen Gartens zu erreichen . Sie wurde tagsüber nie verschlossen – der Farbenreiber , die Modelle und auch die Dienerschaft gingen meist da aus und ein . Die Majorin wußte das – sie klinkte die Tür auf und trat ein . Das beklemmende grüne Dämmerlicht unter den uralten , langbärtigen Fichten hauchte sie an wie ein Traum , der längst vergangene Zeiten auferstehen läßt , und im ersten Augenblick war es ihr , als müßten jenseits der Walddämmerung goldene Epauletten im hellen Tagesschein aufblitzen – ein zweischneidiges Schwert ist die Jugenderinnerung , wenn sie über die Schlucht herübergreift , die das jäh hinabgestürzte Lebensglück für immer verschlungen ... Die großen dunklen Augen blickten umflort und wie erschreckt , bis sie auf die blaue Seidendecke fielen , die zwischen den Fichtenstämmen leuchtete . Dort glänzte es ja auch golden , das Knabenköpfchen , das sich bei dem Türgeräusch emporrichtete . Der kleine José sah erstaunt , aber nicht erschrocken zu der Frau empor , die mit wenigen Schritten neben ihm stand – die Frau im schwarzen Kleide mit dem schönen , farblosen Gesicht und den schneebleichen Lippen , die sich zitternd öffneten und schlossen , ohne einen Laut hervorzubringen . Wie ein Fürstenkind lag der Knabe da , den das alte Klosterhaus neulich wie mit tückischen Fangarmen in seinem häßlichsten Winkel festgehalten