deren Versäumnis sich in der Zukunft schwer an uns rächen würde . “ Ernestine sah ihn fragend an . Sie verstand ihn nicht . „ Sie sind befremdet und wissen meine Worte nicht zu deuten “ , fuhr er fort . „ Sie können nicht ahnen , wie weit meine Phantasie bereits der Wirklichkeit vorausgeeilt ist . Aber Sie werden wohl schon jetzt fühlen , daß ich kein Mann bin , der zum Zeitvertreib den Schöngeist spielt , eine Genugtuung darin findet , die eigene Kraft mit Vorteil an der einer Frau zu messen , und dem es Genuß gewährt , sich selbst reden zu hören . Bevor ich mich einem Weibe nähere , muß ich mir klar sein über das , was es mir , über das , was ich ihm sein kann . — Sie , mein Fräulein , können mir nicht viel und nicht wenig , Sie können mir Alles werden — oder nichts . Unser beider Wesen strebt zu sehr nach Vertiefung , als daß wir an einander vorübergehen könnten , freundlich , wohlmeinend — aber ohne Wärme , wie ephemere Erscheinungen der Gesellschaft . Wir sind bereits mit Verleugnung jeder Umgangsform zu einer Intimität gelangt , wo nur der Charakter dem Charakter gegenüber steht , — wo ein höherer Zweck des Verkehrs vorhanden sein muß , als der der Unterhaltung . Sonst wäre ich nichts weiter als ein Grobian , und Ihnen müßte man es zum Vorwurf machen , daß Sie mich um sich duldeten ! Meine Schonungslosigkeit gegen Sie bedarf der Rechtfertigung einer ernsten persönlichen Teilnahme ; weil ich dies fühle , bekenne ich Ihnen dieselbe . Mehr will ich für jetzt nicht sagen ; denn alles Weitere ruht in der Entwicklung unseres Verhältnisses , in der zu- oder abnehmenden Übereinstimmung unserer Lebensansichten . “ Ernestine schwieg . Sie ahnte etwas von der Bedeutung , welche sie für diesen starken ehrenhaften Charakter und welche er für sie gewinnen konnte . Aber es war nicht das süße Gefühl , das die erste Annäherung eines liebenden Herzens in jeder , auch der kältesten Frau erweckt , es ergriff sie vielmehr eine tiefe Beklommenheit . Sein entschiedenes Auftreten hatte ihr die unerschütterliche Überzeugung gegeben , daß er sich nimmermehr nach ihr , — daß sie sich nach ihm umgestalten müsse und daß die Umgestaltung des Einen oder Andern von ihnen unabweislich notwendig sei , wenn sie ihn nicht verlieren sollte , den sie schon jetzt so wert hielt . Sie war nicht gewöhnt , Opfer zu bringen , denn ihr schlauer Oheim hatte sie nach seinen Plänen erzogen und ihre Neigungen so entwickelt , daß sie seinen Wünschen entsprachen und sie stets in dem Glauben war , ihr Wille geschähe , wenn der seine geschah . Sie fühlte sich hier an einem Wendepunkt ihres Lebens , einem Willen gegenüber stehen , dem sie schwere Opfer bringen mußte und den sie als etwas Feindliches empfand , ja sogar fürchtete , weil er auf Überlegenheit begründet war . Johannes wartete auf eine Antwort , sie erfolgte nicht . Er sah , was in Ernestinen vorging und daß seine Worte sie erkältet hatten , so warm sie gemeint waren . Er fand auch das natürlich und zürnte ihr nicht darum . Er nahm ihre Hand und schaute ihr freundlich in die Augen . „ Nicht wahr , nun bin ich schon nicht mehr Ihr guter Herr ? “ Ernestine fühlte das innige Wohlwollen , das seinem Tone entströmte , fühlte den leisen Druck seiner weichen warmen Hand und unwillkürlich reichte sie ihm auch die andere nicht ergriffene dar und sagte fast bittend : „ Nein , Sie werden nicht hart sein , Sie werden mir nicht wehr tun ! “ Er stand schweigend , las in ihrem ernsten , vertrauenden Blick , hielt ihre beiden zarten , schmalen Hände in den seinen und empfand ein unaussprechliches Glück . „ Mein Wort darauf , ich werde Ihnen nicht mehr Schmerz bereiten , als mir selbst “ , sagte er milde . „ Aber das Glück , das wir uns gewähren können , müssen wir teuer erkaufen . Wir gehören nicht zu den harmlosen Seelen , die auf Treue und Glauben hinnehmen , was der Augenblick ihnen in den Schoß wirft . Menschen wie wir stellen dem Himmel Bedingungen , nehmen seine Gaben erst an , wenn sie dieselben geprüft ! Denn uns taugt nicht jedes Glück , was Andere so nennen würden , uns erfreut nicht , was Tausende erfreuen würde . Das ist der Fluch ungewöhnlicher Naturen , daß sie mit ihren Fähigkeiten einen Maßstab entwickelt haben , dem das Gewöhnliche nicht mehr genügt — und wie viele Auserlesene gibt es , welchen die Vorsehung ein ungewöhnliches Glück zu Teil werden läßt ? “ Ernestine lächelte bitter bei Johannes ’ letzten Worten . „ Die Vorseheung ! “ murmelte sie . „ Unsere Vorsehung sind wir . Wir machen uns unser Schicksal , unser Glück und unser Elend , wir tragen die Bedingungen dazu in uns selbst ! “ „ Eben weil wir diesen verhängnisvollen Vorzug vor so Vielen besitzen , eben weil wir innerlich freier , bewußter sind als tausend Andere , deshalb lastet auch die Verantwortung für uns und die , welche wir in unsere Lebenskreise ziehen , schwer auf uns . Es gibt Naturen , die ewig unglücklich sind , weil sie Anforderungen an das Leben stellen , welche dieses nicht erfüllt , und das geringschätzen , was es ihnen bietet , was sie in Aller Augen beneidenswert erscheinen läßt . ‚ Die sind selbst Schuld an ihrem Unglück , Niemand tut ihnen etwas zu Leide , es fehlt ihnen an nichts , warum sind sie so ungenügsam ‘ — heißt es dann . Das eben ist falsch . Sie sind nicht ungenügsam , sie würden vielleicht mit einem weit bescheideneren Los zufrieden sein ; was können sie dafür , daß die Vorbedingungen ihrer innersten Natur der Art sind , daß sie eben etwas Anderes bedürfen ,