, „ und er ist studienhalber auf ein paar Tage nach Berlin gereist . „ Kommt er nicht ’ mal hierher ? “ fragte Tante Emilie . „ Nein , Tante , er hat keine Zeit . Willst du jetzt gehen ? Ich hätte dich gern begleitet , aber ich bin ein wenig müde , und wenn auch die Probe ausfällt , durchsingen möchte ich meine Partie doch noch einmal . „ Nun , dann auf Wiedersehen “ nickte die alte Frau . Damit trippelte sie hinaus , und nun war Aenne allein . Sie hielt den Brief des jungen Arztes noch in der Hand , aber ihr Kopf ruhte an dem Polster des hohen altmodische Lehnstuhles , und ihr Blick schweifte über Dächer und Baumgipfel fort bis zu den fernen Höhenzügen , die im Duft des sinkenden Abends verschwammen Sie seufzte und schüttelte unmerklich den Kopf , seit ein paar Tagen quälten sie plötzlich Zweifel und bange Ahnungen . Wenn ihm bis jetzt nichts gelang , gelingt ’ s wohl nimmermehr – sie hätte ihn doch nicht ohne eine Hoffnung auf die Zukunft hinausgehen lassen sollen – – ! Wenn sonst dieser quälende Gedanke kam , dann hatte sie ihn noch immer mit dem alten frischen Mut in die Flucht geschlagen , heute wollte ihr das nicht mehr gelingen . Herrgott , innerhalb vier Jahren kein Lebenszeichen ! Wenn jemand das wüßte , er würde sie belächeln ob ihres standhaften Wartens . Aber , wachsen denn auch Aemter und Anstellungen gleich Pilzen im Walde für jemand , der sich die nötigen Vorkenntnisse erst erringen muß , und sei es für das geringste Metier , sei es für ein Handwerk ? Nein ! Nein ! Und nun fing sie wieder an zu überlegen , an welche Küste der Sturm des Schicksals ihn wohl verschlagen haben mochte . Ach , vielleicht war er untergegangen , hatte es nicht vermocht , mit seinen schwachen Kräften das Boot zu steuern ? Dann lächelte sie – ach , der Heinz Kerkow , einer von denen , die nur zu wollen brauchen , um ein Ziel zu erreichen der nur nötig gehabt hatte , wieder wollen zu lernen , ner ging nicht unten der nicht , trotz allem und allem ! Und wenn ihn weiter nichts aufrecht hielt , sein trotziges Herz hielt ihn über Wasser ! Sie wußte , daß er ihr beweisen würde , kein Feigling , kein Schwächling zu sein . Und während sie dieses dachte , mit Wangen , die tief gerötet waren vor innerer Erregung , hatten ihre Finger den Bindfaden des kleinen Paketes angeknüpft , das graue Papier entfernt , und nun nahm sie aus seiner weißer Umhüllung ein Buch heraus . Auf dem einfachen braunen Kalikoband stand mit großen goldenen Buchstaben quer über dem Vorderdeckel : „ Im Kampf um das Lebensglück “ . Sie hob das Buch näher empor , schlug es auf und las das Titelblatt „ Im Kampf um das Lebensglück “ . Wahrheitsgetreue Skizzen von einem Schiffbrüchigen . Zehntes Tausend . Wer schickte ihr denn das Buch mit dem seltsamen Titel ? Sie wandte ein zweites Blatt um , und plötzlich stand das Herz ihr still vor großem freudigen Schreck . Verse ! Die alte energische Handschrift , die sie aus den wenigen Zeilen die er einst an sie geschrieben , genau , ach so genau kannte ! Sie war aufgesprungen in mächtiger Erregung , sie blickte in ihrem Städtchen umher , als könnte sie es nicht fassen , und dann sank sie wieder zurück in den Stuhl und versuchte zu lesen . Aber die Hände zitterten ihr so , daß sie das Buch nicht zu halten vermochte , sie legte es auf die Fensterbank und beugte sich tief auf die Blätter und im letzten Tagesschein las sie mit überströmenden Augen .... Aennes Kopf lag plötzlich auf dem Buche , sie weinte , weinte seit langer Zeit zum erstenmal wieder – vor Glück . Dann saß sie , ... das Buch an sich gepreßt , und ließ die Dunkelheit ihr heißes Gesicht verschleiern . Diese Stunde wog alle die langen traurigen Jahre des Wartens auf , in ihrem Ueberschwang von Hoffnung und Seligkeit . Sie dachte nicht darüber nach , was aus ihm geworden . Sie fragte nicht . wann kommt er ? Sie war wie berauscht . Tante Emilie fand sie noch im Dunklen . „ Aber , Kind , was soll denn das heißen ? “ Und dann beleuchtete die herbeigeholte Lampe ein erglühendes Gesicht und Augen , die in einem Schimmer erstrahlten , wie die alte Frau sie nur einmal gesehen vor Jahren , damals als Aenne auf den Schloßball ging , kurz bevor sie sich mit Günther so Hals über Kopf verlobte . „ Kind , “ fragte die Tante , „ ist dir denn etwas geschehen ? Aber Aenne schüttelte den Kopf . „ Nichts , Tante nur gelesen habe ich etwas und muß auch weiter lesen Und sie setzte sich zum Tisch und fuhr fort in der Lektüre des Buches , und als Tante Emilie doch zum Abendessen mahnte , wurde das Mädchen zum erstenmal in ihrem Leben ungeduldig . Die alte Frau zog es ganz gekränkt vor , ihr Schlafzimmerchen aufzusuchen und die lesetolle , unbegreifliche Aenne allein zu lassen . Und das Mädchen las und las . Es waren Schilderungen aus Heinz ’ eigenem Leben , aus denen Aenne mit pochendem Herzen erfuhr , daß er gleich ihr in der Kunst den verlorenen Herzensfrieden wieder zu finden gesucht hatte . Und wie frühzeitig , schon in Breitenfels hatte er den Grund zu seinem jetzigen Erfolge gelegt ! Wie unrecht , wie bitter unrecht hatte sie ihm [ 339 ] damals gethan , als sie dem Schwergeprüften gesagt hatte , er solle zu ihr wiederkommen als ein Mann der Arbeit ! Er war ein solcher aus eigener Kraft schon gewesen ehe ihn das seelische Siechtum befiel . Aber sie konnte die Thränen trocknen , denn was nun