Die Ungeduld , die sie fühlte , war kaum mehr auszuhalten . Da erinnerte sie sich des Dachbodens und wie still es neulich droben gewesen war . Dort konnte sie keiner stören . Sie beschloß hinaufzugehen , und auf dem Weg ging sie noch in die Küche und nahm eine dicke Schnur mit , die von einem Zuckerhut stammte . Als sie an Daniels Zimmer vorbeikam , sah sie , daß die Tür halb offen war . Er spielte noch , zwei Kerzen standen auf dem Klavier , Lenore war an der Seite hingelehnt , hatte den Kopf auf den Arm gestützt und trug ein Kleid von kargem Blau , welches an ihrer schönen Gestalt ruhig herabfloß . Mit großen Augen betrachtete Gertrud dieses Bild . Ein unsägliches Drängen , ein Emporlangen und schmerzliches Zurücksinken lag in Daniels Spiel . Gertrud ging unhörbar weiter , ins Dunkel hinauf , und tastend fand sie sich zurecht . 19 Als eine halbe Stunde verflossen war , begann sich Philippine über das Ausbleiben Gertruds zu wundern . Sie schaute im Wohnzimmer nach , dann in Lenores Zimmer , dann eilte sie die Stiege hinauf und spähte durch die offene Tür in Daniels Stube . Daniel hatte aufgehört zu spielen und unterhielt sich mit Lenore . Philippine kehrte um ; auf der Stiege begegnete ihr der Inspektor , der von seinem abendlichen Gang nach Hause kam . Sie zündete eine Kerze an und schaute in der Küche nach . Gertrud war nicht drinnen . Es regnet doch , und ihr Mantel hängt am Halter und ihr Schirm steht da , fortgegangen kann sie also nicht sein , dachte Philippine . Sie setzte sich auf das Küchenbänkchen und starrte vor sich hin . Etwas gräßlich Ahnungsvolles war in ihr . Sie witterte ein Unglück in der Luft . Abermals war eine halbe Stunde vergangen , da erhob sie sich mit der brennenden Kerze in der Hand , und es jagte sie hin und her , von der Stiege in die Stuben und zurück . Plötzlich fiel ihr der Dachboden ein . Als sie sich des Aussehens Gertruds entsann , wie sie das Kind geküßt hatte , fiel ihr der Dachboden ein . War doch in jedem Hause und in diesem besonders , der Dachboden der Raum , der die größte Anziehung auf sie ausübte und den ihre lichtscheuen Phantasien stets zum Schauplatz erwählten . Rasch und geräuschlos stieg sie hinauf . Sie hielt den Leuchter vor sich her , starrte gegen den Balken , an dem eine Gestalt in Frauenröcken hing und drehte sich mit einem erstickten Gurgellaut rund um ihre Achse . Es erfaßte sie eine Art von Trunkenheit , ein fürchterlicher Trieb zu tanzen , und sie erhob das eine Bein , während die Zähne krampfhaft an den Nägeln der rechten Hand herumbissen . Gleichzeitig dünkte es sie , als befehle ihr jemand mit starker Stimme : Zünde an ! Zünde an ! Neben der Kaminmauer war ein Haufen von Papier und alten Zeitungen . Sie stürzte auf die Knie und schrie . » Lichterloh ! « schrie sie , » lichterloh ! « Dann stieß sie Laute aus , die wie Huhu und ioi-ioi klangen , halb schaudernd und halb jauchzend . Der Papierhaufen flammte auf , dann lief sie mit markerschütterndem Gebrüll die Stiegen hinunter . Ein paar Minuten später war das Haus in Aufruhr . Daniel stürzte die Treppe empor , hinter ihm Lenore . Aus den tiefer gelegenen Wohnungen kamen die Frauen und kreischten nach Wasser . Daniel und Lenore kehrten um und schleppten ein großes mit Wasser gefülltes Schaff hinauf . Schon wurde auf dem Platz Feuer gerufen , fremde Männer drangen ins Haus , und mit Hilfe der vielen Arme wurde der Brand im Keim gelöscht . Der Inspektor war es , der die tote Gertrud zuerst entdeckte . In Glut und Asche stehend , brach er mit dumpfem Seufzen , wie von einem Beilhieb getroffen , zusammen . Die fremden Männer trugen den Leichnam herab , an dem die angesengten Kleider noch rauchten . Philippine war verschwunden . Lenore 1 Es war nun alles vorüber . Der Besuch des Doktors war vorüber und der des Totenbeschauers ; die Nachschau der behördlichen und der Feuerkommission ; die Verhöre , die Protokollierungen , die Feststellungen . Die Ursache des Brandes blieb unaufgeklärt ; kein Schuldiger war zu finden . Philippine Schimmelweis hatte beteuert , die Flamme habe schon gelodert , als sie den Dachboden betreten . So nahm man an , die Selbstmörderin habe in ihren letzten Lebensminuten eine brennende Kerze umgestoßen . Auch der Zudrang der Bekannten und der guten Freunde war vorüber . Dürre Gemüter übten sich in wohlfeilem Mitleid mit dem Kapellmeister Nothafft . Daß einer , der den Kopf so hoch getragen , ihn nun zur Erde beugen mußte , erweckte Befriedigung . Der bestrafte Übeltäter gewann wieder öffentliche Gunst . Damen der besseren Kreise erörterten die Frage , ob ein Verhältnis , welches mit Fug als ein verbrecherisches hatte bezeichnet werden müssen , so lange die arme Frau am Leben gewesen , nach Ablauf der gebührenden Frist zu einem gesetzlichen werden würde . In kupplerischer Milde waren sie entschlossen , alles Vergangene zu vergeben , im Falle dieses geschah . Und das Leichenbegängnis war vorüber . An einem stürmischen Tag war Gertrud in Sankt Johannis begraben worden . Der Pfarrer hatte eine Predigt gehalten , die Leidtragenden hatten ihre Hände frierend in die Manteltaschen und Müffe gesteckt . Als der Sarg in die Erde gesenkt wurde , rief der Inspektor Jordan : » Lebwohl , Gertrud ! Auf Wiedersehn , mein Kind ! « Ein Mann drängte sich bis an den Rand des offenen Grabes vor . Das war Herr Carovius . Er stierte über seinen Zwicker hinweg den Inspektor und Daniel und Lenore an . Es schien ihm , daß die letztere in ihrer Blässe und mit dem schwarzen Gewand schöner sei als die schönste Madonna , die je ein Italiener oder