» Bitte - ich war im Begriff zu gehen , « entgegnete Warburg eisig . » Lassen Sie sich ja nicht stören , um so weniger , als ich mich nur verabschieden wollte , « warf der andere ein . Frau Rubner preßte ihre großen weißen Zähne in die Unterlippe : » Sie fahren ? « » Zu den Eltern , heute abend noch , « und mit abermaliger leichter Verbeugung , wobei ein fast unmerklicher , prüfender Blick von einem der Zurückbleibenden zum anderen flog , ging er wieder . Sie trat zurück , Warburg den Rücken drehend , und zerzupfte langsam die gelben Blüten einer langstieligen Orchidee , die in brauner Bronzevase auf dem Tische stand . » Wird er - ? ! « frug Warburg leise . Sie nickte : » Ich habe eine Entscheidung verlangt . Ob er sie bringen wird ? ! - Sagte ich Ihnen schon , daß die Albatroßwerke ihm einen glänzenden Posten angeboten haben ? « Und sie lachte rauh und mißtönig . » Sie wissen , daß Sie immer auf mich rechnen können - immer ! « rief Warburg , einen leidenschaftlich-pathetischen Klang in der Stimme , der ihm sonst fremd war . Sie wandte sich ihm wieder zu : » Ich weiß , « ihre Hand streckte sich ihm entgegen , » aber im Allerheiligsten der Seele und im Schwersten des Erlebens bleibt man doch immer allein . « Dann wechselte sie rasch , wie auf der Flucht vor intimerem Gespräch , den Ton : » Baron Hochseß kommt morgen , wie Sie sagten ? « » Er hat sich jedenfalls für einen dieser Tage bei Bernhard angemeldet , um seine Denkmalsentwürfe zu sehen . « Es zuckte spöttisch um ihren Mund . » Sagen Sie selbst , lohnt sich ein Leben , das nur noch mit solchen Nichtigkeiten erfüllt ist ? « sagte sie , um nach einer kurzen Pause hastig fortzufahren : » Nun aber gehen Sie , lieber Freund , gehen Sie ! Wir geraten sonst in Gefahr , Ausgrabungen vorzunehmen , in denen man Welten erwartet und Scherben findet . « Und fast gewaltsam schob sie ihn zur Türe hinaus . Auf den Wegen der Erinnerung ging Konrad Hochseß ; er ging allein . Denn niemand wußte , daß er in Berlin war , und keiner hätte ihn erkannt , der ihm begegnet wäre . Er war noch nicht dreißig Jahre , aber seine Züge hatte das Schicksal so herb und hart gemeißelt , als bliebe nun nichts mehr übrig , in sie einzugraben . Seltsam , wie alles , was er sah und hörte , ihm fern und fremd und tot erschien , während nur Eins ihm wahrhaft lebte : die Tote . Es gab Augenblicke , wo er vor sich hinlächelte in Gedanken an die Armen ringsum , die nicht wußten , wie reich er war in ihrem Besitz . Dann freilich gab es andere , wo ihn die ungeheure Einsamkeit überkam , jene erhaben-fürchterliche Einsamkeit der Gletscher , die nichts kennt als Fels und Eis und Schnee , und zuweilen den Schrei des Adlers um ihre Gipfel . Während der vergangenen Monate hatte er Zeiten gehabt , wo er meinte , das Leben riefe nach ihm , und ein Fahnenflüchtiger , der Ehre und der Freiheit verlustig , würde er sein , wenn er sich dem Befehl widersetzte . Nun sah er mit einem Gefühl , aus Selbstqual und Genugtuung gemischt , daß ihn das Leben nicht hatte rufen können , - weil es nicht da war . Beim Wandern zu den Stätten seines vergangenen Daseins kam er dorthin , wo Gina gläubigen Herzens den alten Zauberer gesehen hatte , der die Sterne in seiner großen Kuppel fing . Aber der kleine stille Platz war nicht mehr , und der alte Garten , der einst die Sternwarte dicht umschlossen hatte , lag begraben unter den schweren Pflastersteinen und dem grauen Asphalt der neuen Straße . Hier suchte niemand mehr nach den Sternen . Also war das Leben tot . Irgendwo in der Stadt fesselte ihn die Auslage eines Spielwarengeschäftes : große Kinderpuppen , wie Else sie einmal geschaffen hatte . Er ging hinein und sah genauer zu : sie hatten gleichgültige Fabrikwarengesichter , und irgendeine Firma lieferte sie . Sollte er sich näher erkundigen ? Aber was war ihm Else als eine wehmütige Erinnerung mehr , und was , vor allem , vermochte er ihr noch zu bieten . Denn das Leben war tot . Er geriet immer mehr in das Gewühl der Straßen . War es stets das gleiche gewesen , oder bemerkte er nur zum erstenmal , wie die Menschen durcheinanderhasteten mit sorgenvollen Gesichtern , als ob jeder sich fürchte , der andere könne ihm die Beute abjagen , der er nachlief ? Wozu blühten die leuchtenden Herbstblumen auf den Beeten der Plätze ; wozu glänzte der grüne Rasen wie ein Smaragd ; wozu wölbten die Baumkronen ihr Blätterdach ? Niemand achtete der Pracht , niemand ließ sich Zeit , in ihrem Schatten zu ruhen . Niemand ? ! Doch : die Kinder ! Konrad blieb wie angewurzelt stehen : da saß ein blondes Bübchen auf dem Sandhaufen und griff mit der kleinen , weichen Hand nach dem Sonnenstrahl , der durch die Blätter fiel und auf seinem Blecheimerchen glitzerte , und lachte den verspäteten Schmetterling an , der über der roten Aster neben ihm gaukelte . Durchtränkt von Leben war das Kind , und Leben strömte aus von ihm . Konrads Herz krampfte sich zusammen . Er strich ihm mitleidig über den Lockenkopf : es würde auch einmal bei lebendigem Leibe sterben . Wie gut , daß sein Sohn vorher gegangen war ! Am Tiergarten kam er entlang . Dort drüben hatte ein schlichtes , vornehmes Haus gestanden wie eine verirrte Edelfrau zwischen Marktgesindel . Er suchte es . An seiner Stelle erhob sich jetzt ein Palast in großen , starken Linien , eines Herrschers würdig . » Veit von