wie diese höflichen Edelleute , die jetzt den anwesenden Damen den Arm boten , um sie zu Tische zu führen ... Überdies hatte Gott diesmal das Gebet der Anderen erhört und unsere Wut unterdrückt - der schäumende , mordgierige Feind , der durch die Kraft der göttlichen Verteidigung ( wir nannten es zwar Zündnadelgewehr ) zurückgeworfen worden , das waren ja wir - O du heiliger Widersinn ! ... Das waren so ungefähr meine Gedanken , während wir an der mit Blumen und Fruchtschalen reich geschmückten Tafel uns in bunter Reihe niederließen . Auch das Silber war auf des Hausherrn Befehl aus dem Versteck wieder hervor geholt . Ich saß zwischen einem stattlichen Obersten auf - ow und einem schlanken Lieutenant auf - itz . Lilli selbstverständlich an der Seite ihres Bräutigams ; Rosa war von dem prinzlichen Heinrich zu Tisch geführt worden , und der bösen Lori war es doch wieder gelungen , meinen Friedrich zum Nachbar zu haben . Nur zu ! Eifersüchtig würde ich doch nicht werden : - er war ja » mein « Friedrich , am meinsten ... Es wurde sehr viel und sehr heiter gesprochen . Die » Preußen « fühlten sich offenbar höchst vergnügt , nach den durchgemachten Strapazen und Entbehrungen wieder einmal an wohlbesetzter Tafel und in guter Gesellschaft zu festen ; und das Bewußtsein , daß der überstandene Feldzug ein siegreicher gewesen , trug jedenfalls dazu bei , ihre Stimmung zu heben . Aber auch wir , die Besiegten , ließen von Groll und Beschämung nichts merken und bemühten uns , die möglichst liebenswürdigen Hauswirte zu spielen . Meinem Vater mußte dies zwar - wie ich seine Gesinnungen kannte - einige Überwindung kosten , aber er führte seine Rolle mit musterhafter Courtoisie durch . Der niedergeschlagenste war Otto . Seinem in der letzten Zeit genährten Preußenhaß , seiner Sehnsucht , den Feind aus dem Land zu jagen , ging es sichtlich gegen den Strich , diesem selben Feind nun höflichst Pfeffer und Salz hinüberreichen zu müssen , statt ihn mit dem Bajonett durchbohren zu dürfen . Dem Thema Krieg wurde im Gespräch sorgfältig ausgewichen ; die Fremden wurden von uns behandelt , als wären sie unsere Gegend zufällig besuchende Vergnügungsreisende , und sie selber vermieden es noch ängstlicher , auf die Sachlage - daß sie nämlich als unsere Überwinder hier hausten - anzuspielen . Mein junger Lieutenant versuchte sogar recht angelegentlich , mir den Hof zu machen . Er schwor auf Ehre und auf Taille , daß es nirgends so gemütlich sei , wie in Österreich , und daß daselbst ( mit seitwärts abgeschossenem Zündnadelblick ) die reizendsten Frauen der Welt zu finden seien . Ich leugne nicht , daß ich mit dem schmucken Marssohne auch ein wenig kokettierte ; es geschah , um der Lori Griesbach und ihrem Nachbar zu zeigen , daß ich gegebenen Falles mich einigermaßen rächen könnte ... aber der da drüben blieb ebenso ruhig - wie ich es im Grunde meines Herzens eigentlich auch war . Vernünftiger und zweckmäßiger wäre es jedenfalls gewesen , wenn mein » schneidiger « Lieutenant seine mörderischen Augengeschosse auf die schöne Lori gezielt hätte . Konrad und Lilli , in ihrer Eigenschaft als Verlobte ( solche Leute sollte man eigentlich immer hinter Gitter setzen ) , wechselten ganz auffällig verliebte Blicke und flüsterten und stießen heimlich miteinander ihre Gläser an und was dergleichen Salonturteltauben-Manöver mehr sind . Und , wie mir schien , noch eine dritte Flirtation begann da sich zu entspinnen . Der deutsche Prinz nämlich - Heinrich der so und so vielte - unterhielt sich auf das Angelegentlichste mit meiner Schwester Rosa und dabei malte sich in seinen Zügen unverhohlene Bewunderung . Nach aufgehobener Tafel begab man sich in den Salon zurück , in welchem jetzt der angesteckte Kronleuchter ein festliches Licht verbreitete . Die Terrassenthür stand offen . Draußen war die laue Sommernacht von mildem Mondlicht durchflutet . Ich trat hinaus . Das Nachtgestirn warf seine Strahlen auf die heuduftenden Rasenflächen des Parkes und spiegelte sich silberfunkelnd auf dem im Hintergrunde ausgedehnten Teich ... War das wirklich derselbe Mond , welcher mir vor kurzer Zeit den an eine Kirchhofsmauer gelehnten , vom kreischendem Raubgevögel umkreisten Leichenhaufen gezeigt hatte ? Und waren das dieselben Leute drinnen - eben öffnete ein preußischer Offizier den Flügel , um ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte vorzutragen - waren das dieselben , die vor kurzem noch mit dem Säbel um sich schlugen , um Menschenschädel zu spalten ? ... Nach einer Weile kamen auch Prinz Heinrich und Rosa heraus . Sie sahen mich nicht in meiner dunklen Ecke und gingen an mir vorüber . Jetzt standen sie , an das Geländer gelehnt , nah , sehr nah nebeneinander . Ich glaube sogar , der junge Preuße - der Feind - hielt die Hand meiner Schwester in der seinen . Sie sprachen leise , dennoch drang einiges von des Prinzen Rede zu mir herüber : » Holdseliges Mädchen ... plötzliche , sieghafte Leidenschaft ... Sehnsucht nach häuslichem Glück ... Würfel gefallen ... aus Barmherzigkeit nicht nein ! ... Flöße ich Ihnen denn Abscheu ein ? « Rosa schüttelt verneinend den Kopf . Da führt er ihre Hand an seine Lippen und versuchte , den Arm um ihre Mitte zu schlingen . Sie , die Wohlerzogene , entwindet sich rasch . Ach , mir wäre es beinah lieber gewesen , wenn mir der sanfte Mondstrahl da einen Liebeskuß beleuchtet hätte ... Nach all den Bildern des Hasses und des bitteren Jammers , die ich vor kurzem hatte schauen müssen , wäre mir jetzt ein Bild von Liebe und süßer Lust wie etwas Vergütung erschienen . - » Ach - Du bist es , Martha ! « Jetzt war Rosa meiner gewahr geworden - zuerst sehr erschrocken , daß Jemand diese Scene belauscht , dann aber beruhigt , daß nur ich es war . Im höchsten Grade verlegen und bestürzt war jedoch der Prinz . Er trat an mich heran : » Ich habe Ihrer Schwester soeben