was er liebt oder geliebt hat « - diese Worte Goethes seien Richtschnur . Dies Gefühl , das man philosophisch die Sympathie nennt - meine Herrn , ich erhebe mein Glas auf dies Eine , was den Dichter macht , die » weltumfassende Liebe . « Als er sein langes Pronunciamento beendet , verbeugte sich Leonhart plötzlich mit leichtem Auflachen : » Mahlzeit , meine Herrschaften ! Laßt ' s euch gut gehn ! « und verließ die verblüffte Versammlung , während ihm Lämmerschreyer nach einer eleganten Rundum-Verbeugung mit dem Ruf » Herr Doctor , Ihr Überzieher ! « dienstfertig nacheilte . » Der kommt wohl nicht wieder ! « bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann , welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkündendem Schielen unterm Tisch seinen Kneifer putzte . » Wie er sein Froschtalent größenwahnsinnig aufbläht ! « platzte Rafael mit ungewöhnlicher Heftigkeit los . » Er kann nicht ernst genommen werden . Welche unlöslichen Widersprüche , welche trostlose Unreife und erschreckliche Unwissenheit ! « Der Sagus des Nordens schüttelte majestätisch sein bemoostes Haupt und wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen . Ein Engel durchschritt lautlos das Zimmer . Es war , als ob ein Mehlthau sich auf die Blüthen dieses litterarischen Reform-Frühlings niedergesenkt hätte . Und doch hatte Leonhart ja gar nichts Verletzendes gesagt . Aber ein erdrückendes Gefühl von uneingestandener Ueberlegenheit dieses » Renommisten « beklemmte den freien Odem der stolzen Stürmer und Dränger . So drängen sich die Schafe ängstlich um den Leithammel zusammen , wenn der Löwe in die Herde fiel und sich ein Lamm von dannen trug . » Schändlich , schändlich ! Sehen Sie , Herr Graf , diese Vermöbelung im sogenannten Witzblatt Rempler . Das ist Tell ' s Geschoß , das ist Leonhart ' s grobe Klaue ! « Mit diesem Aufschrei tiefer sittlicher Entrüstung stürmten Haubitz und Edelmann in Krastiniks Stube . » Nun , nun , lassen Sie doch sehn ! « » Das dürfen Sie nicht auf sich sitzen lassen , hochverehrter Herr Graf , « rief der Edle-Mann mit dem Brustton der Ueberzeugung , indem er ihm ein Zeitungsblatt überreichte . » Doch nein , bewahren Sie ein würdiges Schweigen . Das ist vornehmer . Vornehm sein - darin liegt Alles . Seien wir vornehm ! « Krastinik las . Kavalier-Poesie . Es giebt eine gewisse Presse , die dem nicht mehr ungewöhnlichen Sport sich hingiebt , reiche und vornehme Leute , die in ihren Mußestunden der sogenannten Muse opfern , in die thätlich werdende Literatur hineinzuzerren . Solche bevorzugten Geister - sei es nun , daß sie umfangreiche Banquiergeschäfte betreiben , oder Villen in Italien oder sonstwo besitzen , sei es , daß sie sich des Prinzentitels oder doch wenigstens irgend einer andern hohen Geburt erfreuen - werden dann sorgfältig als » Dichter « präparirt . Sie bilden den » neuen hoffnungsvollen Nachwuchs « , welchen man den alten Berühmtheiten , vor denen man sonst auch unterthänigst katzbuckelt , mit triumphirendem Reklamegeschrei gegenüberstellt . Es wird daher leicht begreiflich scheinen , wenn gemeine Sterbliche , welche ohne den Vorzug des Reichthums und hoher Geburt als » Literaten « auftreten , solchen » neuen Byrons , « » deutschen Flauberts , « » Berliner Shakespeares « und vor allem jener gräßlichen Wereschagin-Sorte , die » zugleich ein Sänger und ein Held « die Unreife ihrer Produkte durch prahlerische Ich-Reminiscenzen verbrämt , mit grimmigem Mißtrauen begegnen . Nun , jetzt hat man uns den Dichter Xaver Graf von Krastinik entdeckt . Schon das Hervorheben seiner » vornehmen Weltabsonderung « - die trotzdem die betreffenden M.S. in die Hände der Recensenten fallen ließ - wirkte bedenklich . Wir kennen sie , diese großen Seelen , diese vornehmen Naturen , welche ihren Größenwahn in der Einsamkeit verstecken ( warum publiziren sie denn , da sie ' s ja » doch nicht nöthig haben ? « ) und nur mitleidig hier und da ein Wörtchen davon fallen lassen , daß der hochstrebende gedankentiefe Idealismus ihrer heimlichen Dichtersünden natürlich bei solchen Verlegern , Theaterdirektoren u.s.w. keinen Anklang finden könne . Diese » Vornehmheit « , wozu sich noch die bekannte Wereschagin ' sche » Bescheidenheit « ( diese frechste aller Streberlügen ) gesellt , verfehlt nicht ihren Zweck . Eine stets zu solcher Handlaugerei bereite Corybautenrotte trägt den neuen Götzen in die Arena und steckt mit frenetischem Hosianna natürlich die thörichte Menge an . Jetzt kommt der gewöhnliche Verlauf der Farce . Statt des » Schiller ' schen Gedankenfluges « erhalten wir elendige Coulissenrhetorik , mit raffinirtesten Bühnenmätzchen zugestutzt . Statt » byronischem Weltschmerz « die alten Affen des Titanismus . Aber es hält nicht lange . Der neue Schiller und weiß Gott was Alles und der dämonisch-byronische Hinker werden zum alten Eisen geworfen . » Des Kaisers neue Kleider . « Denn in Berlin ist alles nur Modesache . Man muß den Moment ausnützen , länger als zwei Jahre dauert ' s ja doch nie . Solche und ähnliche Befürchtungen konnten durch die Proben nicht zerstreut werden , die man uns aus Krastiniks Dichtungen bot . Dieselben waren theils ungenießhar , theils platt . Mit Recht hob allerdings ein Referent hervor , daß das Abwischen des Gesäß-Schweißes an seinem Trakehner nach einem Budapester Wettrennen , wie der Herr Graf dies in originell realistischen Versen schildert , von reicher Selbsterlebtheit zeuge . Nun , wir sind der denkbar größte Verehrer der Subjectivität . Aber , offen gestanden , scheint uns eine » Hymne an die Unsterblichkeit « , in der Dachkammer gedichtet , genau ebenso selbsterlebt und jedenfalls um 100 Procent gewichtiger . Man verstehe uns recht . Gegen dies Abwischen in erträglichen Versen haben wir gar nichts . Aber dergleichen uns als besondere Genialität vorzuführen - dagegen haben wir ungemein viel . Denn hieraus resultiert eine Spezies , die man am besten als » Kavalier-Poesie « bezeichnen möchte . Nicht wahr , für das in prosaischen Tagesarbeiten hinschlendernde Publikum muß es ja ungeheuer interessant sein zu hören , wie ein » Graf «