» Und kann auf Sternen gehen . « Da fiel alles Verlangen von ihm ab . Er sah noch das Bild Kathinkas , aber es verdämmerte mehr und mehr , und der Friede des Gemütes kam über ihn , als er jetzt einsam über die breite Schneefläche des Bruches hinflog . Dritter Band Alt-Berlin Erstes Kapitel Im Johanniter-Palais Der alte Vitzewitz war bald nach sechs Uhr früh in Berlin eingetroffen und in der Burgstraße , nur hundert Schritt von der Langenbrücke , in dem dazumal angesehenen Gasthofe » Zum König von Portugal « abgestiegen . Er gab einige Weisungen an Krist , die sich auf den » Grünen Baum « , wo , wie herkömmlich , das Gespann untergebracht werden sollte , bezogen , und beschloß dann , in zwei Stunden Morgenschlaf alles , was er in der Nacht versäumt haben mochte , nachzuholen . Viel war es nicht , denn er gehörte zu den Glücklichen , denen , wenn die Müdigkeit kommt , Bett oder Brett dasselbe gilt . Um neun Uhr , er hatte die zwei Stunden pünktlich gehalten , saß er frisch bei seinem Frühstück . Die Stutzuhr tickte , das Feuer im Ofen prasselte , die Eisblumen schmolzen , alles atmete Behagen ; Berndt trat an das Fenster und sah geradeaus über den Fluß hin , auf die gotischen , im hellen Morgenschein erglänzenden Giebel des hier noch mittelalterlich gebliebenen Schlosses . » Das kann nicht über Nacht verschwinden « , sprach er vor sich hin und begann dann , aus der Fensternische zurücktretend , sich mit militärischer Raschheit anzukleiden . Er wählte statt seiner neumärkischen Dragoneruniform , die sich für die Mehrzahl der Visiten , die er vorhatte , wohl am besten geeignet hätte , den roten Frackrock der kurbrandenburgischen Ritterschaft und war eben mit seiner Toilette fertig , als ein eintretender Diener meldete , daß Geheimrat von Ladalinski vorgefahren sei . Berndt nahm Hut und Handschuh , drehte den Schlüssel im Schloß und saß eine Minute später an der Seite des Geheimrats , mit dem er sich brieflich zu gemeinschaftlicher Abmachung einiger Neujahrsgratulationen verabredet hatte . Der Geheimrat war in Gala . Sie begrüßten sich herzlich , verzichteten aber auf ein eigentliches Gespräch , da der ihnen zunächstliegende Zweck ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . Nur die Namen einzelner Minister und Gesandten wurden genannt , bei denen Karten abzugeben waren , bis endlich der Wagen auf die Rampe des an der Ecke des Wilhelmsplatzes gelegenen Johanniterordens-Palais rollte . In diesem Palais wohnte der Herrenmeister des Ordens , der alte Prinz Ferdinand , zu dem Geheimrat von Ladalinski seit einer Reihe von Jahren beinahe freundschaftliche Beziehungen unterhielt , während Berndt von Vitzewitz , der ihn nur oberflächlich kannte , lediglich den Bruder Friedrichs des Großen in ihm verehrte . Hierin begegneten sich damals viele Herzen , und dem zweiundachtzigjährigen Prinzen wurden Huldigungen zuteil , die bis dahin seinem langen und immerhin ereignisreichen Leben versagt geblieben waren . Er hatte die » große Zeit « mit gesehen und mit durchgekämpft ; das gab ihm in diesen Tagen der Erniedrigung ein Ansehen über seine sonstige Bedeutung hinaus , und manche Hoffnung richtete sich an ihm auf . Auch konnt es nicht ausbleiben , daß ihm der Heldentod seines ältesten Sohnes zu Dank und Mitruhm angerechnet wurde . Dieser älteste Sohn war der in Liedern vielgefeierte Prinz Louis , der , die hereinbrechende Katastrophe voraussehend , am Tage vor der Jenaer Schlacht bei Saalfeld gefallen war . Der alte Prinz , als ihm die beiden Herren gemeldet wurden , war bereit , dieselben zu empfangen , und ließ sie bitten , ihn in seinem Arbeitszimmer erwarten zu wollen . Als sie dasselbe betraten , wurden die Rollen zwischen ihnen dahin verteilt , daß Berndt so weit wie möglich die Konversation führen , der Geheimrat aber nur gelegentlich sekundieren solle . Das prinzliche Arbeitszimmer schloß die Front des Hauses nach links hin ab und sah mit zweien seiner Fenster bereits auf die Wilhelmsstraße . Es war von größerer Behaglichkeit , als sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen . Dicke türkische Teppiche , halb zugezogene Damastgardinen , Portieren und Lambrequins verliehen dem nicht großen Raume das , was er bei vier Fenstern und zwei Türen eigentlich nicht haben konnte : Ruhe und Geschlossenheit , und das Feuer im Kamin , indem es zugleich Licht und Wärme ausströmte , steigerte den wohligen und anheimelnden Eindruck . An den Fensterpfeilern befanden sich niedrige Bücherschränke und Etageren , so daß Raum blieb für Büsten und Bilder , darunter als bestes ein Landschaftsbild mit Architektur , Schloß Friedrichsfelde , den Sommeraufenthalt des Prinzen , darstellend . Sein eigenes lebensgroßes Porträt , von der Hand Graffs , hing über dem Kamin . Daneben zog sich ein breites Sofa ohne Lehne bis an die nächste Türeinfassung , während ein runder , mit einer alabasternen Blumenschale geschmückter Tisch in den durch das Sofa gebildeten rechten Winkel hineingeschoben war . Berndt , der sich zum ersten Male an dieser Stelle sah , hatte seine Musterung kaum geschlossen , als der Prinz , die Portiere der zu seinem Schlafzimmer führenden Türe zurückschlagend , früher eintrat , als erwartet war , und , die Verbeugung beider Herren mit freundlichem Gruß erwidernd , durch eine Handbewegung sie aufforderte , auf dem Sofa Platz zu nehmen . Er selber stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin , die Hände nach hinten zu gefaltet und ersichtlich bemüht , soviel Wärme wie möglich mit ihnen einzufangen . In diesem Bedürfnis verriet sich sein hohes Alter ; sonst ließ weder seine Haltung noch der Ausdruck seines Kopfes einen Zweiundachtziger vermuten . Berndt erkannte gleich das Eigentümliche dieses Kopfes , das ihm in einer seltsamen Mischung von Anspruchslosigkeit und Selbstbewußtsein zu liegen schien . Und so war es in der Tat . Von Natur unbedeutend , auch sein lebelang , zumal an seinen Brüdern gemessen , sich dieser Unbedeutendheit bewußt , durchdrang ihn doch das Gefühl von der hohen Mission seines Hauses und gab ihm