wie einst der göttliche Nazarener , Blinde sehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferstehen machen . Und von Ihren Worten und Werken begeisterte Schüler werden ausziehen in alle Lande , und so wird der Kreis Ihrer Wirksamkeit , wie der jedes wahrhaft großen und guten Menschen , eine unendliche Peripherie gewinnen . Was Sie in Grünwald leisten können , das können Andere auch . Was Sie dort leisten können , das können Wenige , und es ist recht und billig , daß jeder Soldat in der großen Fortschrittsarmee da marschirt , wo seine Stelle ist in Reih ' und Glied . Und nun abgesehen von diesen innern und moralischen Gründen , die Sie gebieterisch zwingen , auf den Ruf des großen Geistes , der durch Kurzenbachs Mund Ihnen geworden ist , mit Hier ! zu antworten , so sprechen auch selbst die äußeren Verhältnisse mehr für als gegen die Sache . Ich weiß sehr wohl , welche Motive Sie zu Ihrer Weigerung bestimmten ; aber - verzeihen Sie , Franz , wenn ich ganz aufrichtig spreche - sollten Sie dabei , wenn auch nicht Ihre Kraft überschätzt , so doch die meinige zu gering angeschlagen haben ? Ich weiß es : der Tod hat mich nur vorläufig gezeichnet , um mich bei nächster Gelegenheit desto sicherer zu treffen ; indessen sobald tritt diese Gelegenheit denn doch vielleicht nicht ein ; ich schätze , wenn Sie nicht etwas Besonderes dagegen haben , mein Leben immer noch auf zwei , drei Jahre , vielleicht noch länger . So lange werde ich meine Collegien lesen und meine Kranken besuchen , nach wie vor , und wenn ich nicht allein fertig werden sollte , so werde ich mir Jemand wählen , der mir nicht eine so gefährliche Concurrenz machen kann , wie mein vortrefflicher Schwiegersohn , den man mir jetzt schon hier und da vorzuziehen anfängt . Im Ernst , Franz , wir stehen uns vorläufig hier nur im Wege . Und wenn ' s doch einmal darauf ankommt , Geld zu machen , so ist es besser : Sie gehen nach Osten , und scheren Ihre Schafe , und ich schere hier im Westen die meinen . Franz war durch diese Argumente nicht ganz überzeugt ; aber er fühlte , daß der Geheimrath als Mann von Ehre nicht anders handeln könne . So ging er denn zu seiner Braut und sagte ihr : daß er einen Ruf nach der Residenz erhalten habe . Was sie dazu sage ? Ob Du dem Ruf folgen mußt , erwiderte Sophie nach kurzer Ueberlegung , das zu unterscheiden , muß ich natürlich Dir und dem Vater überlassen , denn ich verstehe nichts davon . Wenn ' s aber sein muß , werde ich gewiß nicht Nein sagen . Wann sollen wir fort ? Ich muß gegen Weihnachten spätestens da sein ; aber auch jetzt schon muß ich gleich nach unserer Hochzeit auf ein paar Tage hinüber , um das Terrain zu recognosciren . So reise ich mit Dir . Du sollst sehen , daß ich gar nicht so unpraktisch bin , wie Du glaubst . Wenn Sophie so ruhig , beinahe kühl über einen Plan sprach , der für ihre und Franzens Zukunft entscheidend war , dessen Ausführung sie von Vaterstadt und von Vaterhaus , von ihren Freundinnen und Bekanntinnen , von tausend und aber tausend Gewohnheiten vielleicht für immer trennte , so war ihr doch der Gedanke , von dem Vater , den sie so liebte , von dem sie so sehr geliebt wurde , scheiden zu sollen , unsäglich schmerzlich ; aber sie wußte , daß er in der Stunde der Entscheidung an den Grundsätzen , die er der Tochter eingeprägt , festhalten und von ihr dieselbe Festigkeit erwarten würde . Von diesem Momente an war Sophiens ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet , Alles im Hause zu ordnen , daß der Vater nach ihrer Entfernung wenigstens den Comfort des Lebens , an den er sich nun einmal gewöhnt hatte , nicht vermißte . Vor Allem handelte es sich darum , ein weibliches Wesen zu finden , das ihre Stelle an der Tafel und beim Theetisch ausfüllen und überhaupt die Leitung der häuslichen Angelegenheiten übernehmen könnte . Ihre Wahl war bald getroffen . Bemperlein hatte , auf Sophiens ausdrücklichen Wunsch , ihr Mademoiselle Marguerite schon am nächsten Tage nach der denkwürdigen Unterredung vor dem Kaminfeuer zugeführt . Sophie hatte an der hübschen schwarzäugigen Französin großes Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu seiner Wahl gratulirt . Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen , ob Marguerite nicht später , wenn sie selbst verheirathet war , dem Vater die Wirthschaft führen könnte . Jetzt beeilte sie sich , diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen . Der Vater , auf den » die kleine Lacerte , « wie er das zierliche Figürchen nannte , einen sehr günstigen Eindruck gemacht hatte , fand den Plan seiner Sophie » so übel nicht ; « Franz » billigte « ihn , und was Bemperchen anbetrifft , so verstand es sich von selbst , daß er mit Enthusiasmus darauf einging . Er , als die geeignetste Person , erhielt demzufolge den Auftrag , Marguerite ' s Sinn in dieser Hinsicht zu erforschen und bei einem so feinen Diplomaten wie Anastasius Bemperlein , meinte Sophie , sei es selbstverständlich , daß der entschiedenste Erfolg seine delicate Mission kröne . Marguerite erklärte , daß sie die ihr zugedachte Ehre annehmen werde , sobald sie sich von ihren jetzigen Verhältnissen losgemacht habe . Jetzt fehlte also weiter nichts , als die Entlassung der Demoiselle Marguerite Martin aus ihrem bisherigen Verhältnisse zu bewirken . Dies ging zu Aller Erstaunen leichter , als man erwartet hatte . Der Baronin waren die klugen Augen ihrer Gouvernante schon lange unbequem gewesen , besonders , seitdem in ihrem Hause so Mancherlei vor sich ging , was eine scharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte . Ueberdies hatte sie stets den Grundsatz gehabt