der Kunst sei . Das Auge soll nur geübt und unterrichtet werden , die Seele müsse schaffen , das Auge soll ihr dienen . In Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er mir , dort , wo ich einen Zweifel hätte , ob ich etwas sähe oder nur wisse , es lieber nicht anzugeben , und überhaupt in der Farbe lieber unbestimmter als bestimmter zu sein , weil dadurch die Gegenstände an Großartigkeit gewinnen . Sie werden durch die Unbestimmtheit ferner und durch dieses allein größer . Durch Linien des Zeichnenstiftes auf dem kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand könne man nichts groß machen . Durch Verdeutlichung werden die Körper näher gerückt und verkleinert . Wenn überhaupt ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht werden müsse - und kein Mensch könne Dinge , namentlich Landschaften , in ihrer völligen Wesenheit geben - , so sei es besser , die Gegenstände großartiger und übersichtlicher zu geben , als in zu viele einzelne Merkmale zerstreut . Das erste sei das Künstlerischer und Wirksamere . Ich sah sehr gut ein , was sie sagten , und wußte auch , woher die Fehler kämen , von denen sie redeten . Ich hatte bisher alle Gegenstände in Hinblick auf meine Wissenschaft gezeichnet , und in dieser waren Merkmale die Hauptsache . Diese mußten in der Zeichnung ausgedrückt sein , und gerade die am schärfsten , durch welche sich die Gegenstände von verwandten unterschieden . Selbst bei meinem Zeichnen von Angesichtern hatte ich deren Linien , ihr Körperliches , ihre Licht- und Schattenverteilung unmittelbar vor mir . Daher war mein Auge geübt , selbst bei fernen Gegenständen das , was sie wirklich an sich hatten , zu sehen , wenn es auch noch so undeutlich war , und dafür auf das , was ihnen durch Luft , Licht und Dünste gegeben wurde , weniger zu achten , ja diese Dinge als Hindernisse der Beobachtung eher weg zu denken , als zum Gegenstande der Aufmerksamkeit zu machen . Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand plötzlich geöffnet , daß ich das , was mir bisher immer als wesenlos erschienen war , betrachten und kennen lernen müsse . Durch Luft , Licht , Dünste , Wolken , durch nahe stehende andere Körper gewinnen die Gegenstände ein anderes Aussehen , dieses müsse ich ergründen , und die veranlassenden Dinge müsse ich , wenn es mir möglich wäre , so sehr zum Gegenstande meiner Wissenschaft machen , wie ich früher die unmittelbar in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte . Auf diese Weise dürfte es zu erreichen sein , daß die Darstellung von Körpern gelänge , die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Körpern schwimmen . Ich sagte das meinen Freunden , und sie billigten meinen Entschluß . Wenn der Nebel oder überhaupt die trübe Jahreszeit einen Blick in die Ferne gestattete , wurde das , was mit Worten gesagt wurde , auch an wirklichen Beispielen erörtert , und wir sprachen über die Art und Weise , wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von ihnen oder näher gehende , von der Hauptkette sich ablösende Gründe darstellten . Es ist unglaublich , wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte unterrichtet wurde . Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern , welche ich las , und erzählte ihm von dem großen Eindrucke , welchen ihre Worte auf mich machten . Wir gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bücherzimmer , er führte mich vor die Schreine , in welchen die Dichter standen , und zeigte mir , was er in dieser Hinsicht besaß . Er sagte auch , ich machte während des Aufenthaltes in seinem Hause von den Büchern Gebrauch machen , wie ich wollte ; ich könnte sie im Lesezimmer benützen oder auch in meine Wohnung mit hinübernehmen . Es waren Werke in den ältesten Sprachen da , von Indien bis nach Griechenland und Italien , es waren Werke der neueren Zeiten da , und auch der neuesten . Am zahlreichsten waren natürlich die der Deutschen . » Ich habe diese Bücher gesammelt , « sagte er , » nicht , als ob ich sie alle verstände ; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd ; aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt , daß die Dichter , wenn sie es im rechten Sinne sind , zu den größten Wohltätern der Menschheit zu rechnen sind . Sie sind die Priester des Schönen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten über Welt , über Menschenbestimmung , über Menschenschicksal und selbst über göttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende . Sie gehen es uns im Gewande des Reizes , der nicht altert , der sich einfach hinstellt und nicht richten und verurteilen will . Und wenn auch alle Künste dieses Göttliche in der holden Gestalt bringen , so sind sie an einen Stoff gebunden , der diese Gestalt vermitteln muß : die Musik an den Ton und Klang , die Malerei an die Linien und die Farbe , die Bildnerkunst an den Stein , das Metall und dergleichen , die Baukunst an die großen Massen irdischer Bestandteile , sie müssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen ; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen Stoff mehr , ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung , das Wort ist nicht der Stoff , es ist nur der Träger des Gedankens , wie etwa die Luft den Klang an unser Ohr führt . Die Dichtkunst ist daher die reinste und höchste unter den Künsten . Da ich nun meine , daß es so ist , wie ich sage , so habe ich die Männer , welche die Stimme der Zeiten als große in der Kunst des Dichtens bezeichnete , hier zusammengestellt . Ich habe Dichter in fremden Sprachen , die ich nicht verstand , dazu getan , wenn ich nur wußte , daß sie in der Geschichte ihres Volkes vorzüglich genannt werden , und wenn ich