Lachtaube . Während der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken aufmerksam und still dasitzen sah , nahm ich Papier und Feder und schrieb meine Gefühle für sie in feurigen Worten nieder . Ich erinnerte sie an die zärtliche Begebenheit auf dem Grabe der Großmutter , nannte sie mit ihrem Namen und brachte so häufig als möglich das Du an , welches ehedem zwischen uns gebräuchlich gewesen . Ich ward ganz beglückt über diesem Schreiben , hielt manchmal inne und fahr dann in um so schöneren Worten wieder fort . Das Beste , was in meiner zufälligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag , befreite sich hier und vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage . Überdies wob sich eine schwermütige Stimmung durch das Ganze , und als das Blatt vollgeschrieben war , durchlas ich es mehrere Male , als ob ich damit jedes Wort der Anna ins Herz rufen könnte . Dann reizte es mich , das Blatt offen auf dem Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen , damit es der Himmel oder sonst wer durch das offene Fenster lesen könne ; aber nur die völlige Sicherheit , daß jetzt doch keine menschliche Seele in der Nähe sei , gab mir diese Verwegenheit , mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte , nach dem Fenster hinaufschauend , hinter welchem meine schöne Liebeserklärung lag . Ich glaubte etwas Rechtes getan zu haben und fühlte mich zufrieden und befreit , verfügte mich aber bald wieder in die Stabe , da ich dem Frieden doch nicht recht traute , und kam gerade dort an , als das Blatt , durch den Luftzug getragen , zum Fenster hinaussäuselte . Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder ; ich lief wieder in den Garten ; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf das Bienenhaus zufliegen , wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich festklemmte und verschwand . Ich näherte mich dem Korbe , allein die Bienen waren , in Betracht der kurzen Sommerzeit , polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert und in vollster Bewegung und Tätigkeit begriffen ; es summte und kreuzte sich vor dem Hause wie auf einem Jahrmarkte , daß an kein Durchkommen zu denken war . Unschlüssig und ängstlich blieb ich stehen , doch ein empfindlicher Stich auf die Wange bedeutete mir , daß meine Liebeserklärung für einmal der bewaffneten Obhut dieses Bienenstaates anheimgegeben sei . Für einige Monate lag sie allerdings sicher hinter dem Korbe ; wenn aber der Honig ausgenommen wurde , so kam sicher auch mein Blatt zutage , und was dann ? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall als eine höhere Fügung und war halb und halb froh , meine Erklärung aus dem Bereiche meines Willens einer allfälligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen , gleich einem verlornen Samenkorn des Aufblühens harrend . Meine gestochene Wange reibend , verließ ich endlich die Bienen , nicht ohne genau nachzusehen , ob nirgends ein Zipfelchen des weißen Blattes hervorgucke . Der Gesang in der Kirche ertönte wieder , die Glocken läuteten , und die Gesellschaft kam in einzelnen Gruppen zerstreut nach Hause . Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas Gestalt durch das Grüne allmählich herannahen . Ihren weißen Hut abnehmend , stand sie vor dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleißigen Tierchen mit Wohlgefallen zu betrachten ; mit noch größerm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch sie , welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand , und ich bildete mir ein , daß die Ahnung desselben sie an der blühenden und lieblichen Stelle festhalte . Als sie heraufkam , zeigte sie jene zufriedene Fröhlichkeit Andächtiger , welche aus der Kirche kommen , und machte sich nun ein wenig lauter und zugänglicher als vorher . Beim Mittagessen , wo ich wieder neben ihr zu sitzen kam , begann jedoch meine herb annehmliche Schule wieder . An Sonn- und Festtagen glich der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwürdige und malerische Zusammensetzung in allen Stücken . Drei Vierteile desselben , von der Jugend und den Dienstleuten besetzt , trugen große ländliche Schüsseln mit den entsprechenden Speisen mächtige Stücke Rindfleisch und gewaltige Schinken . Neuer Wein aus einem großen Kruge wurde in einfache grünliche Gläser geschenkt , Messer und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Löffel von Zinn . Nach der Spitze der Tafel zu , wo der Oheim und die allfälligen Gäste saßen , veränderte sich die Gestalt dieser Dinge . Dort waren die Ergebnisse der Jagd oder des Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen aufgestellt ; denn da die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht grün war , so behandelte sie dieselben apothekerhaft und zimpferlich , gleich einem Grobschmied , der eine Uhr zusammensetzen will . Auf einem bunten alten Porzellanteller lag hier ein gebratener Vogel , dort ein Fisch , einige rote Krebse oder ein feines Salätchen . Alter starker Wein stand in kleineren Flaschen , uralte Ziergläser der verschiedensten Form dabei ; die Löffel waren von Silber , und das übrige Besteck bestand aus den Trümmern früherer Herrlichkeit , hier ein Messer mit einem Elfenbeinhefte , dort eine komisch gezackte Gabel mit Emailgriff . Aus dem Gewimmel dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie ein Berg empor , als ein mächtiger Ausläufer des untern Speisengebirges , dessen Anwohner sich an der Ausschließlichkeit der oberen Feinschmecker dadurch rächten , daß sie eine scharfe Kritik über deren Geschicklichkeit im Essen ausübten . Wer nicht rasch und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die Knöchelchen eines Vogels zu zerlegen wußte , hatte für den Spott nicht zu sorgen . Da ich bei der Mutter an die einfachste Lebensweise gewöhnt war , so war meine Gewandtheit in Fisch- und Vogelessen nur gering , und ich sah mich daher am meisten den Witzen der Tischgenossen ausgesetzt . So hielt mir auch heute ein Knecht einen Schinken her und bat mich , ihm diesen Taubenflügel zu zerlegen , da ich so geschickt hierin sei ;