gefehlt haben ; - obwol ich gern zugeben will , daß der Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehörenden Umgebungen ganz geeignet ist , zu erschüttern und aus dem Gleise zu bringen . « » Ich habe hiervon in dem Maaße , wie Sie es voraussetzen , Nichts empfunden « - erwiederte Leonin und versuchte , seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende Stimme zu mäßigen . » Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen , wie dieser erste Versuch befürchten läßt , so ist es besser , ich folge meiner ohnehin stärkeren Neigung , mir selbst zu leben , und verlasse einen Schauplatz , dessen Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine ! « » Nun , wahrlich , « lachte die Marschallin hell auf - » ich freue mich , daß Sie nicht ganz das wilde Blut der Crecy verläugnen und bei der ersten kleinen Züchtigung Ihrer Eitelkeit gleich über die Leine schlagen und davon laufen wollen . Das ist mir lieb , und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter für angethane Beleidigung in die Schranken rufen , soll mich das nicht verdrießen . Eine Mutter ist so oft das Opfer ihrer Liebe für die Kinder ihres Herzens , daß sie selbst vor den Züchtigungen nicht zurückbeben darf , die diese Kinder ihr geben möchten . - Du zürnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter , Leonin ? « rief sie liebevoll scherzend und reichte ihm die Hand . Diese Art und Weise , von der größten Strenge und Härte plötzlich in die Zärtlichkeit einer Mutter überzugehn , war fast unwiderstehlich für Leonin . - Sein Herz fühlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlöst , das Blut floß wieder warm daraus hervor , und wenn seine Ueberzeugungen gegen ihre scharfen Geißelungen sich fest verhielten , wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt , als diese Weichheit hervortrat , die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen schien und ihn anregte , jede unsanfte Berührung von der zärtlich Hingegebenen abzuhalten . » O , meine Mutter , « rief er , ihre dargereichte Hand küssend , » wer könnte je Ihre ewig gleiche Liebe , Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen ? Vergeben Sie meine Aufwallung , die so natürlich ist bei der Befürchtung , Ihnen mißfallen zu haben ; doch lassen Sie mich hinzufügen , ich fürchte in Wahrheit und nicht aus Empfindlichkeit , wie es Ihnen eben schien , ich werde die Aufforderungen nie erfüllen können , die hier mit der Entäußerung unserer ganzen Ueberzeugung , an uns ergehen . « » Mein Kind , stelle Deine Ueberzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen Ansprüchen gemäß fest , so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nöthig haben . - Hierüber bist Du noch im Unklaren , daher entsteht der Widerspruch , der Dich reizt und den Du - von kleinen jugendlichen Phantasien abgezogen - nicht kräftig genug beseitigest . « » Nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien , meine Mutter ! « unterbrach sie hier Leonin hastiger , als sie es erwartet hatte - » worauf Sie hindeuten mit diesen Worten - es ist der ernste , heil ' ge Kern meines Lebens , den Sie mütterlich schützen müssen , wenn Sie Ihren Sohn glücklich sehen wollen ! « Er hoffte einen großen Schritt gethan zu haben ; er erwartete jetzt , sie werde ihm zu Hülfe kommen ihr endlich sein ganzes Verhältniß offen darlegen zu können ; aber die Marschallin zürnte sich und ihm , daß es so weit gekommen war , und dachte nur daran , ihn entweder zurückzudrängen oder seine Zuversicht zu erschüttern . Ehe sie indeß das Geeignete sagen konnte , sank Leonin , verführt von ihrem Stillschweigen , ihr zu Füßen . » Ich weiß , « - rief er , tief bewegt - » Sie erfuhren Alles ! Souvré hat Ihnen Nichts verschwiegen - er durfte es auch nicht ! Habe ich auch schnell , vielleicht voreilig gehandelt , so habe ich doch Nichts gethan , was mich verunehrt ; und das neue Verhältniß sichert mir Glück und die schönste Zukunft ! « Das Herz der Marschallin schwoll auf von Zorn . Sie mußte ihre Augen niederschlagen , um der Wichtigkeit dieser Mittheilung nicht Geltung zu verschaffen durch das Funkeln des Unwillens , dessen sie sich bewußt war . » Nehmen wir diese Sache , über die der Marquis de Souvré mir allerdings Einiges mitgetheilt hat , nicht zu wichtig , mein Sohn ! Es wäre besser gewesen , Du hättest es bei dem bewenden lassen , was ich darüber durch Souvré erfuhr . Es ist kein passender Gegenstand , um ihn mit Deiner Mutter zu verhandeln , die stets eine Frau von so reinen Sitten und so untadelhaftem weiblichem Gefühle war , daß sie selbst die Erzählungen von den Verirrungen ihres Geschlechtes in jenen niederen Ständen von sich abzuhalten wußte . Wenn ich gewünscht hätte , Deine Sitten auch in dieser Beziehung vollkommen rein erhalten zu sehen , so habe ich doch alle Schwächen einer Mutter , die nicht allein zum Verzeihen geneigt ist , sondern den Verführungen , die dazu hinlockten , gern einen bedeutenden Theil der Schuld beilegt . - Ich darf Dir übrigens den Trost geben , daß Dein Vater über diese Jugendthorheit gänzlich in Unkenntniß erhalten ward , und daß es uns auch gewiß leicht werden wird , ihn ferner darin zu bewahren . Seine ungemessene Heftigkeit würde , im Falle der Entdeckung , Dir und mir unangenehme Stunden machen . « So sehr Leonin sich auch mehrere Male bestrebte , die Worte seiner Mutter zu unterbrechen , so wollte ihm dies doch nicht gelingen , und er mußte den ganzen Inhalt ihrer Ansicht über sein Verhältniß erfahren , und damit den vollen Umfang seiner unglücklichen Stellung erkennen . » Um Gotteswillen , theure Mutter , in welchem Irrthume sind Sie über dies Verhältniß , daß Sie es so herabwürdigend bezeichnen können ! Hat man Ihnen denn nicht gesagt , welcher Heiligung es genießt -