Werkzeug der Rache werden in der Hand des Juden ? « Ein verächtliches Lächeln spielte um Bardeloh ' s Mund . » Dieser Sorge hätten Sie sich doch wol entschlagen können , « erwiederte er . » Mich äfft kein Mensch , nur der Zeit könnte es gelingen , durch einen schnellen Umschwung meine Berechnungen zu vernichten . Darüber würde ich mich aber freuen . Ich weiß , was ich will , Sigismund , weiß , was der Jude treibt und bin einig mit ihm . Und nun , Lieber , schweigen Sie still und stören Sie nicht meine festgezogenen Kreise . Gehen Sie nach Amerika , wenn Sie zu feig sind , auszuhalten bis zum letzten Athemzuge in unserm hilfsbedürftigen Vaterlande . Der Starke versucht Alles , bevor er Alles aufgibt . Das ist mein Glaubensbekenntniß , dem sich das Mardochai ' s anschließt , obgleich dieser Mann des Schicksals nicht nur die Gegenwart zu berichtigen , sondern auch noch die Vergangenheit zu sühnen hat . Gehen Sie , ich höre ihn kommen . Sie werden es noch erleben , daß ich kein Feigling bin , noch weniger ein Betrogener . Gehen Sie ! Ihre Gegenwart wäre überflüssig bei unsern Verhandlungen , weil Sie wol die Zeit begreifen , aber noch lange nicht ihre unendlichen Schmerzen in sich durchgelebt haben . « Fast gewaltsam drängte mich der räthselhafte Mann fort . An der Thür begegnete ich dem Juden . Ich war froh , als die Unheimlichen meinen Blicken entschwanden . - So scheitert an der unerbittlichen Hartnäckigkeit dieses Mannes jeder Versuch , ihn zu stillem , besonnenen Handeln zu nöthigen , in dem ich , wie nun eben die Zeit vorliegt , doch das einzige sichere Heil erblicke , so wenig auch mein eigenes Naturell sich mit langsamem Umhertasten vereinbaren läßt . Gern will ich zugestehen , daß es beleidigend ist für einen reifen Geist , immer nur die Feinde siegen zu sehen , aber wo hinaus mit dem Sturm und Drange , selbst , wenn er nur heimlich sich austobt ? Die Betrachtung der Welt hat Bardeloh auf den Punkt getrieben , wo er selbst des Sohnes nicht mehr schonen würde , wollte er sich ihm - und sei es aus wahrhaftiger Güte - widersetzen . Dies muß unglücklich enden ! Denn ein solches Erfassen der Umstände ist selbst schon ein fertiges Unglück , das nur in sich selbst hinein seine Thränen weint . Wahrhaftige Männlichkeit vermag ich nicht zu erblicken in solchem Thun . Auch muthige Ausdauer liegt nicht im Harren und Hoffen , wo eben jedes Hoffen ein bloßes Morden des heiligsten Gedankenlebens ist ! Darin kann ich nicht stimmen mit Bardeloh . Was er bei mir Feigheit nennt , das halte ich für rüstige Kraft , seine Kraft aber ist krankhaft und wird , bricht sie aus , nur verwüstend , gleich einer Pest , Alles um sie her ergreifen . Raimund , mir graut vor dem Grimm des starken , europamüden Mannes ! Drei Tage später . Ein Brief des Amerikaners aus Paris meldet mir seine Zurückkunft in etwa vierzehn Tagen . Burton hat ganz Frankreich durchstreift und sich längere Zeit an den wichtigsten Orten aufgehalten , um die Sitten und den Willen des Volkes kennen zu lernen . Mit großen Erwartungen trat der Mann die Reise an , und arm daran kehrt er zurück . Burton hat sich bitter getäuscht gefunden , nur wenig Hoffnung ist ihm geblieben . » Die Franzosen von heut , « schreibt er mir , » sind nicht mehr die Franzosen von 1789 . Der Heldenmuth ist zum Speculanten geworden , der nur nach Pfunden die Freiheit abwiegt . Das Volk scheint mir gegenwärtig sehr erschlafft zu sein und wird es täglich mehr durch den scheinbaren Wohlstand , den die Klugheit Philipps der Hauptstadt zu geben weiß . Jammer und Elend aber nisten im Innern der Provinzen . Ein Anblick , wie ihn Lyon bietet , war mir neu , obwol ich die Welt kenne und gewohnt bin an Schreckensscenen . Das war ein schweigender Schrecken , der mir in dieser Stadt begegnete , und ich wundere mich nur wie der lebhafte Geist des Volks diesen Jammer so geduldig erträgt . Solche Armuth ist kein Zeichen der Freiheit , denn wo wahre Freiheit wohnt , da verhungert Niemand.- - - Die Politik behandeln die Franzosen gegenwärtig wie eine Boulevard-Liebschaft . Sie ist ihre Grisette , sie müssen mit ihr tändeln und wär ' s auch blos zum Zeitvertreib während des Frühstück ' s. Aber wohin ist der republikanische Ernst , der in den Zeiten der Revolution mit Blitz und Donner die Welt erschütterte ? Schauspiele und Gassenemeuten , gleich dazu eingerichtet , um sie am nächsten Tage im Guckkasten für einen lumpigen Sou dem Pöbel zu zeigen ; das sind die schmachvollen Vergnügungen der großen Nation . - O , wohin ist es gekommen mit den blühenden Hoffnungen der Julisonne von 1830 ! - Oder wäre auch dies blos eine allgemeine St. Simonistische Liebschaft des ganzen Volkes gewesen ? Es scheint beinahe so , und mein Argwohn , der nie viel Gutes hoffen konnte von dieser dreitägigen Farce in der europäischen Weltgeschichte , steigert sich , je länger ich den Geist des Volkes erforsche . Zwar lebt noch die alte Lust , die alte Hoffnung in diesem Geschlecht , aber sie liegt verschleiert unter einer merkwürdigen Apathie , die mir eine völlig neue Erscheinung bleibt an den Franzosen . Eine recht eclatante Dummheit könnte sie wol wieder zur Vernunft bringen , oder irgend ein vielversprechender Krieg . Nur mit der Industrie allein ist den Franzosen nicht geholfen , überhaupt dem ganzen Europa nicht . Der europäischen Freiheit fehlt es noch immer an dem allseitig Beglückenden , doch , hoffe ich , wird ihr auch dies mit der Zeit zu Theil . Gegenwärtig läßt sich aber auf nichts mit Gewißheit bauen . Wer darauf warten will , kann zu Grunde gehen und als ein gutmüthiger Narr der Zeit sterben