Hand nach ihm deutend aus und rief : Sieh da , Lord Richmond ! Augenblicklich wandten sich alle Köpfe , und im selben Augenblick flogen die Schwestern und Cousinen auf ihn zu , und unter den freudigsten Begrüßungen der Uebrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten Ungestüm sich in seinen Besitz zu setzen . Unter den liebenswürdigsten Scherzen erwiederte er die zärtlichen Begrüßungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Gräfin Melville entgegen . In der anmuthigsten Ruhe lehnte sie an der Brüstung des Altans , während ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete , womit die Scene vor ihr sie theilnehmend erfüllte . Hold lächelnd richtete sie sich jetzt dem Nahenden entgegen , Richmond aber eilte den Uebrigen voran . Hier , rief Lucie hervorspringend , hier , Richmond , hast Du meinen Engel Marie ! Und welchem glücklichen Zufall habe ich es zu danken , der Lady Melville bekannt zu sein ? sprach Richmond . Bekannt ? erwiederte sie . In Wahrheit , Mylord , ich sah Euch nie vor diesem Augenblick . Aber , setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck natürlicher Unschuld hinzu , als ich Euch gewahrte , wußte ich gleich , daß Ihr es sein müßtet . Richmond hatte unwillkürlich seine bewegten Augen , während sie sprach , zur Erde gesenkt , er genoß den Ton dieser klangvollen Stimme , und schon schwieg sie , aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen . Er hob die Augen zu ihr auf , sein Blick traf den ihrigen , und zwei schöne Seelen hatten sich erkannt . Möchte Lady Melville das Wohlwollen , welches sie meiner Familie schenkt , auch auf den übertragen , der sich erst so spät darum zu bewerben vermag , sprach er endlich mit furchtsamer Stimme . - Es würde mir schwer werden , Euch , Mylord , als einen Fremden anzusehen ; die Liebe , die Ihr in Eurer Familie genießt , erhält Euch auch während Eurer Abwesenheit darin gegenwärtig . Ich könnte Euch von Euch erzählen , wäret Ihr etwa Euch fremd geworden , setzte sie lächelnd hinzu . O ! rief Richmond lebhaft und heiter , Ihr dürft nicht zweifeln ! Wer bliebe nicht der Wahrheit am getreuesten , wenn er eingestände , von sich am wenigsten zu wissen ; werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen , wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will ? Lord Richmond , erwiederte das schöne Mädchen , ich habe viel von der großen Kunst gehört , die Wahrheit verschweigen zu können , aber bis jetzt selbst noch so wenig Fortschritte darin gemacht , daß Ihr viel Hoffnung habt , sie zur Zeit von mir zu hören . - Und möchte dieser schöne Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden , sprach eine männliche Stimme , ehe Richmond antworten konnte , hinter seinem Rücken . Amen ! sagte lächelnd Lady Marie , hell aufblickend , und im selben Augenblick lag Richmond in den Armen des liebenswürdigen Grafen von Ormond , welcher , ohne von der lebhaft beschäftigten Gruppe bemerkt zu werden , sich herbei geschlichen hatte . Bald füllte sich nun der Altan mit mehreren Gästen , durch die Nachricht von Richmonds Ankunft herbei gezogen , und eben erschien Lovelace mit der Bitte der beiden Herzoginnen , nach dem Ballsaale sich zu verfügen , welcher willkommenen Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte . Der Ballsaal war eine offene weite Halle , welche mit dem Parke gleich lag und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente , besonders aber zum geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen hatte . Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele , und ein kleines Schießhäuschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust hin , reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei Geschlechts . Auch heute ging man bei der Schönheit des Wetters sogleich zu den Spielen auf dem Rasenplatze vor dem Hause über , und Alles schien von einer besonders heitern Stimmung belebt . Man stellte Wetten an , wer das Ziel in der Scheibe treffen würde , wobei die Damen theilnehmend mitwirkten , und als Richmond von den Herzoginnen , die mit der älteren Gesellschaft die Halle vorzogen , beurlaubt ward , schloß er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem fröhlichen Schwarme an . Gräfin Melville , von Jugend auf in allen möglichen Leibesübungen erfahren , trug nicht allein über die Damen stets den Sieg davon , sondern über die meisten der anwesenden Kavaliere . Dies sollte sich jedoch bei Richmonds Ankunft ändern , denn bei dem ersten Schuß war der Mittelpunkt der Scheibe durchbohrt , und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust , daß seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang . Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die Bemühungen der Uebrigen . Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des Pfeiles im Ziel , doch mußte Richmond für den Sieger anerkannt werden . Lord Richmond schien sich zwar äußerlich der allgemeinen Geselligkeit hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Antheil zu nehmen , er konnte sich aber nicht enthalten , fortwährend Lady Melville zu beobachten , deren dunkles und sonderbares Schicksal , eben wie ihr Einfluß auf das Herz seines Bruders , ihn zu einem Interesse für sie bewog , welches durch ihren Anblick nicht verringert werden konnte . Er hatte sich trotz dem , was ihm über ihren Werth reichlich von allen Seiten mitgetheilt ward , nicht zu ihrem Vortheil einnehmen lassen ; denn die Angaben , welche sie über ihre Geburt und ihr Leben gemacht , waren von keiner Seite bestätigt und mußten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer Person Raum geben . Dabei fühlten sich sein Herz und seine strengen Grundsätze von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand , worin er seinen zärtlich geliebten Bruder