lesen sollte . Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit , und störte seinen ganzen Plan , daß er beim Eintreten die Herzogin schon beschäftigt sah , seine Stanzen zu lesen . » Ich habe da zufällig etwas von Ihrer Hand gefunden , was ja auch wohl kein Geheimnis sein soll « , sagte sie unbefangen . » Es sind recht hübsche Verse , aber so allgemein , daß ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe . Das ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen , daß sie , was wir andern mit blutendem Herzen empfinden , wieder in ein leichtes Spiel auflöset , wobei der Dichter kaum etwas fühlt , wenigstens nicht in unsrem Sinne . Möchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen können . Setzen Sie sich , mein Freund , so darf ich Sie nennen ; wir sind eine geraume Zeit vertraulich nebeneinander hergegangen . Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre Wirtin sein , und sehn Sie mich nicht an , ich bin auch gegen Sie in Schuld . « Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit Zucker . Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schönen Finger zu , und aß , um nur etwas vorzunehmen , denn er war in großer Verlegenheit . » Als Sie in das Schloß kamen « , fuhr die Herzogin fort , » hätte ich Sie anfangs gern entfernt gesehen . Da ich Sie aber näher kennenlernte , segnete ich mein Geschick , welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien . Ich vertraue Ihnen ein Unglück unsres Hauses . Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist hier geschehn . Ich fühlte mich berufen , die verletzte Würde der Familie wiederherzustellen , und doch war ich zu schwach ; ich bedurfte eines männlichen Arms . Diesen werden Sie mir leihen , wie ich hoffe . « Sie erzählte ihm hierauf mit errötenden Wangen die Geschichte von Johanna und Medon , legte den Brief , dessen wir uns aus einem der vorigen Bücher erinnern , auf den Tisch , und sagte ihm den Inhalt desselben , daß er nämlich den Versuch enthalte , die Irrgeführte auf die rechte Bahn zurückzuleiten . Er wußte durchaus nicht zu erraten , wohin das alles zielte , hörte es jedoch nun sogleich . » Wer sollte mein Bote an die Unglückliche sein ? « sagte die Herzogin . » Nur ein zarter , feiner , kluger Mann war imstande , dieses Geschäft zu vollführen . Der Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt ; Wilhelmi hätte alles durch Laune und trübes Wesen verdorben . In Ihnen sah ich die Eigenschaften , die den Freunden fehlten ; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste , welcher der wichtigste ist , der dem Herzoge und mir geleistet werden kann . Ich hätte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen . Aber nach Frauenart tat ich das nicht , ich liebte es , mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn . Ich wollte Sie erst recht tief ergründen , prüfen , ausforschen . Ich suchte jede Gelegenheit , mit Ihnen unter vier Augen zu sein . Wissen Sie , Lieber , daß Walter Scott und das Englische für Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen , als ich Sie zum Korrektor meiner Übersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte . Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen , an dem ich Sie zu meinen Zwecken festhielt . Jeden Tag wollte ich meine Lippen öffnen , und verschob es dann doch wieder . Ich bin Ihnen gewiß oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rätselhaft erschienen . Als Sie abreisten , empfand ich die größte Not . Nun mußte gesprochen werden ; doch ich vernahm , daß Sie wiederkehren würden , und schwieg abermals . Wie durch einen bösen Dämon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben . Ich vergaß die so ernste Pflicht . Ernüchtert , bin ich von meinem Gewissen hart gescholten worden über das Vergessen , über den Leichtsinn , auch über das heimliche und künstliche Betragen gegen Sie . « Sie erhob sich . » Wollen Sie nach dieser Beichte einer Sünderin vergeben ? « sagte sie , liebenswürdig , wie nie . » Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hände legen ? Werden Sie ihn nach der Residenz tragen , sagen , was er nicht ausspricht , handeln , vermitteln , leise , schonend , wie ich es an Ihnen kenne ? Ich bitte Sie darum , machen Sie es mir möglich , daß ich mich als die treue , die helfende Gattin des Herzogs erweise , bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim . « Er empfing den Brief , bejahte nicht , verneinte nicht . » Was ist das ? « sagte er draußen . » Nur eine Absicht war alles ? Aber das Tagebuch ! Das Tagebuch ! « Er nahm abermals die Blätter in die Hand . Zum ersten Male fiel ihm auf , daß das Papier etwas ausgebleicht war , wie von langem Liegen . Hastig blickte er nach der letzten Seite , wo das geschrieben stand , was er bis dahin immer übersehn hatte . Es war eine so unleserlich kleine Hand , und so blasse Dinte , daß es auch jetzt am Tageslichte ihm schwer ward , den Inhalt zu entziffern . Doch gelang es ihm endlich . Wer schildert seine Bestürzung , als er folgende Zeilen in französischer Sprache abgefaßt , lesen mußte : » Ich bin , meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend , über ihr Tagebuch geraten . Vergib mir , Geliebte ! Alles , was von Deiner Hand ausgeht , übt eine magnetische Gewalt über mich ; unwiderstehlich zog es mich ; ich mußte in den Bekenntnissen Deines unschuldigen Herzens blättern . Mein Närrchen ! Was für seltsame Sorgen machst Du Dir über unser Verhältnis , auf welches der Segen der Eltern und die Gnade aller Heiligen