gelitten , vor den Augen des Geistes vorüber , und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung ängstlich betrachteten , rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen : Mein guter alter Dübois ! und streckte ihm die Hand entgegen , die der alte Mann faßte , um sie zu küssen ; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt . Der Haushofmeister wußte nicht , wie ihm geschah , und er stand und sah dem Grafen noch nach , als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte . Am andern Morgen , als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besänftigt waren , ließ der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit höchster Güte : Ich weiß es jetzt erst , mein guter Dübois , wie Viel ich Ihnen schuldig bin ; die Gräfin hat es mir vertraut , was Sie für sie gethan und gelitten , und daß ich außer der Erhaltung ihres mir so theuern Lebens Ihnen vielleicht noch große Summen schuldig bin , die Sie ausgelegt und nicht zurückerhalten haben ; lassen Sie uns also darüber nun aufrichtig sprechen , damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren , wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können . Der alte Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an , und Thränen traten in die gutmüthigen Augen und flossen über die gefurchten Wangen . So ist mir denn endlich der Trost geworden , rief er aus , daß die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat , und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen . Ja , gnädiger Herr Graf , fuhr er fort , wir haben Viel , entsetzlich Viel gelitten , und ich kann nicht zweifeln , daß Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur deßhalb erhalten hat , damit ich der unglücklichen Frau nützlich sein konnte ; dieß ist mir gelungen , und dafür danke ich dem Himmel täglich . Was ich damals an Geld ausgegeben , ach gnädiger Herr Graf ! Welches Herz hätte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken , oder die armseligen Summen zählen können ; doch bin ich überzeugt , daß die Frau Gräfin mir Alles längst vielfach ersetzt hat , und ich habe in dieser Rücksicht nichts zu fordern . Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen , sagte der Graf gerührt , so geben Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns , dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben . Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen ? fragte der Haushofmeister lächelnd . Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will , sagte der Graf , indem er die Hand des alten Mannes drückte . So hoch mich dieß Wort auch ehrt , versetzte Dübois mit großer Bescheidenheit , so erlaube ich mir doch zu bemerken , daß ich nicht einzusehen vermag , worin meine Erniedrigung bestände , wenn ich bei meiner gewohnten Beschäftigung bleibe . Ich glaube , es hängt von der Art ab , wie ein Geschäft betrieben wird , ob es edel oder unedel zu nennen ist , und wenn die wichtigsten Aemter im Staate mit knechtischer Seele , bloß des eigenen Gewinns wegen , verwaltet werden , ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung für den Monarchen , so ist derjenige , der sie ausübt , mag er äußerlich so hoch stehen , wie er will , doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen ; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme , und wenn mein treues Auge darüber wacht , daß bei Ihrem großen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben , unendlich viel Gutes zu thun , so habe ich Antheil an allem Guten und Großen , was auf diesem Wege erreicht werden kann , und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt . Sie haben Recht , sagte der Graf , durch die Wahrheit in den einfachen Worten des alten Mannes überrascht . Handeln Sie ganz , wie Sie wollen , nur versprechen Sie mir , keine Anstrengung zu übernehmen , die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig sein könnte . Der alte Mann versprach dieß willig und sagte dann : die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden . Er wird gewiß einmal ein ausgezeichneter Gelehrter , daran läßt sich bei seinem großen Fleiß gar nicht zweifeln , und er war schon ein halber Student , als sein edler Beschützer sich seiner annahm . Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge genommen , daß er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste leistete , die dieser bedurfte , so lange ihm die Mittel fehlten , es anders einzurichten , und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten , der solcher Liebe fähig war ? Sie haben Recht , sagte der Graf , und ich freue mich , so oft ich den jungen Menschen in der Bibliothek antreffe . Seine Bescheidenheit , sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung , die er früher gehabt , und sobald mein Vetter zurückkommt , wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen . Der Haushofmeister fühlte sich für alles , was er jemals gethan , durch dieß Wort des Grafen mehr als belohnt , der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte , und seine Liebe wuchs in dem Maße , wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete , ihm eröffnend , daß er entschlossen sei , dem Schicksal des jungen Evremont auf ' s Eifrigste nachzuforschen und , wenn er ihn gefunden , ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten . Der alte