alle einem tückischen Dämon mit stacheligem Zepter dienen ; und Charlotte , die ihm täglich , ja stündlich Weihrauch streut , die mit mathematischer Konsequenz das Unglück für alle vorbereitet . Ist die Liebe nicht frei ? - Sind jene beiden nicht verwandt ? - Warum will sie es ihnen wehren , dies unschuldige Leben mitund nebeneinander ? Zwillinge sind sie ; ineinander verschränkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen , und sie will diese Keime trennen , weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld ; das ungeheure Vorurteil der Sünde impft sie der Unschuld ein . O , welche unselige Vorsicht . Weißt Du was ? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe , jeder glaubt an die gemeine , und so pflegt , so gönnt man kein Glück , das aus jener höheren entspringt oder durch sie zum Ziel geführt könnte werden . Was ich je zu gewinnen denke ! es sei durch diese idealische Liebe ; sie sprengt alle Riegel in neue Welten der Kunst , der Weissagung und der Poesie ; ja , natürlich , so wie sie in einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fühlt , so kann sie auch nur in einem erhabneren Element leben . Hier fällt mir Deine Mignon ein , wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern tanzt . Meine Liebe ist geschickt , verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt , sie wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun . Du nimmst teil an meinen Zöglingen der Kunst , das macht mir und ihnen viel Freude . Der junge Mensch , welcher mein Bildchen radiert hat , ist aus einer Familie , deren jedes einzelne Mitglied mit großer Aufmerksamkeit an Deinem Beginnen hängt ; ich hörte den beiden älteren Brüdern oft zu , wie sie Pläne machten , Dich nur einmal von weitem zu sehen ; der eine hatte Dich aus dem Schauspiel gehen sehen , in einen großen grauen Mantel gehüllt , er erzählte es mir immer wieder . - Wie mir das ein doppelter Genuß war ! - Denn ich war ja selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen , und dieser Mantel schützte mich vor den Augen der Menge , wie ich in Deiner Loge war , und Du nanntest mich Mäuschen , weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten hervorlauschte ; ich saß im Dunkel , Du aber im Licht der Kerzen , Du mußtest meine Liebe ahnen , ich konnte Deine süße Freundlichkeit , die in allen Zügen , in jeder Bewegung verschmolzen war , deutlich erkennen ; ja , ich bin reich , der goldne Pactolus fließt durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab . Nun sieh ! - Solch süßer Genuß von Ewigkeit zu Ewigkeit , warum ist der den Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt ? - Oder warum genügt er ihnen nicht ? - Ja , es kann sein , daß ein ander Geschick noch zwischen uns tritt , ja , es muß sein ; da doch alle Menschen handeln wollen , so werden sie einen solchen Spielraum nicht unbenutzt lassen ; laß sie gewähren , laß sie säen und ernten , das ist es nicht ; - die Schauer der Liebe , die tief empfundnen , werden einst wieder auftauchen ; die Seele liebt ja ; was ist es denn , was im keimenden Samen befruchtet wird ? Die tief verschloßne noch ungeborne Blüte , diese , ihre Zukunft , wird erzeugt durch solche Schauer ; die Seele aber ist die verschloßne Blüte des Leibes , und wenn sie aus ihm hervorbricht , dann werden jene Liebesschauer in erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen , ja , diese Liebe wird nichts anderes sein als der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens , drum klopft uns auch das Herz , und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl ; bald schöpft er mit tiefem Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit , bald kann er mit Windesschnelle kaum alles erfassen , was ihn gewaltig durchströmt . Ja , so ist es , lieber Goethe , ich empfinde jede Minute , in der ich Deiner gedenke , daß sie die Grenze des irdischen Lebens überschreitet , und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit den raschen Pulsen der Begeisterung ; ja , so ist es , diese Schauer der Liebe sind der Atem eines höheren Lebens , dem wir einst angehören werden , und das uns in diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst . Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren , der einer der liebenswürdigsten Familien angehört , deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen . Ludwig Grimm , der Zeichner , machte schon vor zwei Jahren , da er noch gar wenig Übung hatte , aber viel stillen vergrabenen Sinn , ein Bildchen von mir ; für mich hat es Bedeutung , es hat Wahrheit , aber kein Geschick fürs Äußere , wenig Menschen finden es daher ähnlich ; auch hat mich noch niemand über der Bibel eingeschlafen gesehen , im roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle , mit den Grabsteinen und Inschriften rund umher , ich eingeschlafen über der Weisheit Salomonis . Lasse es einrahmen als Lichtschirm und denke dabei , daß , während er Dein Abendlicht in stille Dämmerung verwandelt , ich träumend einer Hellung nachspähe , die den feurigliebendsten der Könige erleuchtet . Des jungen Künstlers Charakter ist übrigens so , daß das übrige Gute , was Du für ihn sagst , nicht anwendbar ist ; er ist furchtsam , ich habe ihn mit List erst nach und nach zahm gemacht , ich gewann ihn dadurch , daß ich mit Lust ebenso Kind war wie er ; wir hatten eine Katze , mit der wir um die Wette spielten , in einer unbewohnten Küche kochte ich selbst das Nachtessen ; während alles beim Feuer stand , saß ich daneben auf einem Schemel und las ; wie es der Zufall wollte war