war es aber für unsre beiden Liebenden der süßeste Genuß , zwischen alle diesen Spielen einer unstet umherflackernden Einbildung auf Augenblicke heimlich im stilleren Herzen einzukehren und die Gedanken auf das Bild der nächsten reizenden Zukunft zu richten , sich einander mit einem halben Wort ins Ohr , mit einem Händedruck zu sagen , wie man sich fühle , was eines am andern besitze , wieviel man sich erst künftig noch zu werden hoffe . Schon eine Zeitlang hatte Raymund von ferne ein Fuhrwerk zu hören geglaubt ; es kam jetzt näher und eine Laterne lief mit . Es war der Wagen des Barons . Der Herr Förster schicke ihn entgegen , sagte der Knecht mit einem Tone , der eine schlimme Nachricht fürchten ließ . Der gnädige Herr , hieß es , sei schnell dahingefallen , von einem Nervenschlag spreche der Arzt , vor zwei Stunden habe man ihm auf das Ende gewartet , sie möchten eilen , um ihn noch am Leben zu sehn . Welche Bestürzung ! welche Verwandlung der frohen Gemüter ! Schnell wurden die Wagen gewechselt , der eine fuhr zurück , der andre eilte Neuburg zu . Der Baron erkannte bereits den Maler nicht mehr , er lag wie schlummernd mit hastigem Atem . Theobald kam nicht von seinem Bette , er und die einzige Schwester des Sterbenden , eine achtungswürdige Matrone , und ein alter Kammerdiener waren zugegen , als der verehrte Greis gegen Morgen verschied . So hatte Nolten einen andern Vater , es hatte der Förster den würdigsten Freund verloren ; ja dieser durch und durch erschütterte Mann , da ihm zugleich ein neues Glück in seinen Kindern tröstlich aufgegangen war , gewann doch seinem ersten Schmerzgefühl kaum so viel ab , als billig schien , um , wie es sonst in seiner frommen Art gewesen wäre , dankbar und laut eine Wohltat zu preisen , die ihm der Himmel mit der einen Hand als reichlichen Ersatz nicht minder unerwartet schenkte , als er ihm unerwartet mit der andern ein teures Gut entrissen hatte . Was Theobald betrifft , so war ein solcher Verlust für ihn noch von besonderer Bedeutung . Wenn uns unvermutet eine Person wegstirbt , deren innige und verständige Teilnahme uns von Jugend an begleitete , deren ununterbrochene Neigung uns gleichsam eine stille Bürgschaft für ein dauerndes Wohlergehn geworden war , so ist es immer , als stockte plötzlich unser eignes Leben , als sei im Gangwerk unseres Schicksals ein Rad gebrochen , das , ob es gleich auf seinem Platze beinah entbehrlich scheinen konnte , nun durch den Stillestand des Ganzen erst seine wahre Bedeutung verriete . Wenn aber gar der Fall eintritt , daß sich ein solches Auge schließt , indem uns eben die wichtigste Lebensepoche sich öffnet , und ehe den Freund die frohe Nachricht noch erreichen konnte , so will der Mut uns gänzlich fehlen , eine Bahn zu beschreiten , welche des besten Segens zu ermangeln , uns fremd und traurig anzublicken scheint . Wer dieser trüben Stimmung Theobalds am wenigsten aufhelfen konnte , war Agnes selbst , deren Benehmen in der Tat den sonderbarsten Anblick darbot . Sie war seit gestern wie verstummt , sie ließ die andern reden , klagen oder trösten , ließ um sich her geschehen was da wollte , eben als ginge sie ' s am wenigsten an , als werde sie nicht von dieser allgemeinen Trauer , sondern von etwas ganz anderem bewegt . Sie kämpfte mit Erhebung gegen ein Gefühl , das sie mit niemand teilen zu können schien . Dann wieder war ihr Wesen auf einmal feierlich gehoben ; sie griff die gewöhnlichen häuslichen Geschäfte mit aller äußern Ruhe an , wie sonst , aber nur der Körper , nicht der Geist , schien gegenwärtig zu sein . Auf mitleidiges Zudringen des Bräutigams und Vaters bekannte sie zuletzt , daß eine unerklärliche Angst seit gestern an ihr sei , ein unbekannter Drang , der ihr Brust und Kehle zuschnüre . » Ich seh euch alle weinen « , rief sie aus , » und mir ist es nicht möglich . Ach Theobald , ach Vater , was für ein Zustand ist doch das ! Mir ist , als würde jede andere Empfindung von dieser einzigen , von dieser Feuerpein der Angst verzehrt . O wenn es wahr wäre , daß ich meine Tränen auf größeres Unglück aufsparen soll , das erst im Anzug ist ! « Sie hatte dieses noch nicht ausgesagt , als sie in das fürchterlichste Weinen ausbrach , worauf sie sich auch bald erleichtert fühlte . Sie ging allein ins Gärtchen , und als Theobald nach einer Weile sie dort aufsuchte , kam sie ihm mit einer weichen Heiterkeit auf dem Gesicht , nur ungewöhnlich blaß , entgegen . Der Maler im stillen war über ihre Schönheit verwundert , die er vollkommener nie gesehen hatte . Sie fing gleich an , jene traurigen Ahnungen zu widerrufen , und nannte es sündhafte Schwäche , dergleichen bösen Zweifeln nachzugeben , die man durch aufrichtiges Gebet jederzeit am sichersten loswerde , und es sei auch gewiß das letzte Mal , daß Nolten sie so kindisch gesehen . Mit der natürlichen Beredsamkeit eines frommen Gemüts empfahl sie ihm Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe , von welcher sie nach solcher Anfechtung nur um so freudigeres Zeugnis in ihrem Innersten empfangen habe . - So wahr ihr auch dies alles aus dem Herzen floß , so wich sie Noltens Fragen , was denn eigentlich der Grund jenes Verzagens gewesen sei , mit einiger Unruhe aus . Sie glaubte ihn mit dem Bekenntnisse verschonen zu müssen , daß , als sie gestern den Brief des Hofrats gelesen , ihre Freude hierüber auf der Stelle mit einer dunkeln Furcht vor diesem Glück , vielleicht gerade weil es ihr zu groß gedeucht , seltsam gemischt gewesen war . Den folgenden Tag war die Beisetzung des Barons . Alle , auch Agnes , die ihm die Totenkrone flocht , hatten ihn