Wallrade von Dir denken ? Du bist ja kein Ungeheuer , das sich nicht am Tage sehen lassen darf . Komm , komm doch ! « - Sie zog den schüchternen Buben , der sich aus allen Kräften sträubte , mit Gewalt herbei , und erschrak jetzo selbst über die Blässe , die sein Gesicht überzogen hatte . Ängstlich gebückt , mit niedergeschlagnen Augen , stand der Kleine da , als hätte er ein Verbrechen begangen . Nichts konnte ihn bewegen , der Fremden nur einen Blick , eine Sylbe zu schenken . Diese Scheu , welche Diether und Margarethe sich nicht enträthseln konnten , machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf Wallraden . Sie stand auf , - zweifelhaft , ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden , oder es von ihm kehren sollte . Ihre Augen brannten , ihr Mund zuckte und ihre gespannten Züge drückten die Leidenschaftlichkeit aus , die ihre Brust beseelte . Ihren Unmuth mühsam bemeisternd , wies sie des Knaben Hand schweigend von sich , als die Mutter , in deren Arme er sich geflüchtet hatte , ihn bewog , ihr die widerstrebende zu überlassen . Zugleich zog sie den Schleier über Stirn und Augen . » Da das Herrlein meinen Anblick unerträglich findet , « - sprach sie mit angegriffener Stimme , - » so thue ich am besten , wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe . « - Wirklich schien es auch , als ob der Knabe sich begütigen wolle , denn seine Ängstlichkeit verlor sich nun so ziemlich , und er heftete dann und wann die blauen Augen staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens , und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger . Auf alle Fragen , Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiederte er nichts ; jedoch in demselben Augenblicke , als man ihn zu vermögen gedachte , zwischen Margarethen und Wallraden niederzusitzen , erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm , und er suchte abermals in Margarethens Schooß Zuflucht , wie vor einer Gefahr . - » Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet ; « begann Wallrade mit beleidigtem Stolze : » wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde , so muß er sie freilich fliehen , wie die Sünde . « - » Ei , « erwiederte Diether : » das hat meine Hausfrau sicherlich nicht gethan , darauf wollte ich schwören . « - » Mein werther Herr dürfte es auch ; « bekräftigte Margarethe mit gesteigerter Empfindlichkeit : » Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen . Ich wollte wetten , er hat vergessen , daß er eine Schwester hat . Unerwartet kam ihm daher deren Anblick ; wenn wir nicht annehmen wollten , « - setzte sie wie im Scherz hinzu , obgleich der Ernst hinter ihrem Lächeln lauerte , - » daß Kinder eine richtigere Ahnung haben , denn die Erwachsenen , ob man sie von Herzen liebt , oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweißt . « - » Das Letztere möchte seyn ; « entgegnete Wallrade rasch und kalt : » Ich muß bekennen , daß ich Kinder dieses Alters nicht liebe , wären sie auch die Söhne meiner werthen Stiefmutter . Die Tölpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider , und ich werde es als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen , ehrsame Frau , wenn Ihr mir , so oft ich des Vaters Haus besuche , den Anblick des ungeberdigen Stiefbrüderleins erspart . « - » Soll gerne geschehen , verlaßt Euch darauf ; « versetzte Margarethe gekränkt , und beschäftigte sich damit , die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhütlein zu ordnen , das sie ihm aufsetzte , - damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend . - » Das wird ja alles werden ; « sprach Diether begütigend : » Was läßt mich aber Deine Rede muthmaßen , liebe Wallrade ? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem Hause « ? » Nein , mein Vater ! « antwortete das Fräulein bestimmt : » Ich bin seit Langem gewöhnt , in meiner Behausung Herr zu seyn ; und meine Gewohnheiten könnten Eurer Ehefrau lästig seyn , so wie mir vielleicht ihre Hausordnung . Daher habe ich ' s für gut erachtet , in der Herberge zum Eichhorn abzutreten . Dadurch erspare ich uns allen manche Unannehmlichkeit , die um so überflüssiger ist , als mein Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer seyn kann . « - Diether wollte sein Bedauern nicht verhehlen , und der Tochter zureden , aber Margarethe unterbrach ihn schnell . » Es sey fern von uns , « sagte sie hitzig : » des Fräuleins Willen beschränken zu wollen , und darum geschehe nach ihrem Wunsche , aber die Freude , Euch an unsrem Tische zu bewirthen , werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen ? - Der arme , kleine , ungeberdige und tölpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart stören . « - » Ihr verbindet mich immer mehr , gute Frau ; « erwiederte Wallrade in gleichem Tone : » und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet , so fordre ich Euch selbst auf , nach der Stadt zu kehren . An meines Vaters Seite sitzend , will ich ihm vom Ohm erzählen , der ihn zärtlich grüßen läßt . « - » Gruß ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr ; « entgegnete Diether seufzend , und , zum Weggehen fertig , sich auf Wallradens Arm stützend : » aber wehe thut mir ' s doch , daß er nicht selber kam , und daß Dagobert ausbleibt , auf dessen treuen Kindessinn ich Felsen gebaut hätte . « - » Von Dagobert laßt mich schweigen ; « äußerte Wallrade mit geheuchelter Bekümmerniß , und war aber im Augenblicke , auf die Aufforderung der väterlichen Besorgniß , bereit , dies Schweigen zu brechen . Mit dem alten Diether vorausgehend , entwarf sie dem ängstlich Zuhörenden ein mit