Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewußten Schuld . Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft mäßigen . Der Marchese ging von ihr mit dem Entschlusse , den andern Morgen abzureisen , sie wünschte ihm alles Unglück auf den Weg , das er über ihr Haus gebracht , daß er vom höchsten Felsen stürze , wie die Verräter in Rom . Wir ziehen einen Schleier über sie , denn es gibt Grenzen , wo der Zorn auch des schönsten Weibes aufhört , schön zu sein . Der Marchese war solcher Szenen gewohnt ; er machte alle Anstalten zur Reise und hatte sich auf sein Lager gestreckt , und schlief schon ; aber die Gräfin ließen tausend Leidenschaften nicht ruhen , sie mußte auf , sie mußte dem verhaßten Geliebten noch einmal alles sagen , was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen . Sie schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke , der ihr unbemerkt über die Hand geflossen ; der Marchese erschrak , er fürchtete die Gewalt ihrer Rache nicht , aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen ; doch er irrte sich zweifach ; ohne eine Begierde , ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette , ihm alles das noch einmal vorzuhalten , was er schon so oft gehört , wie er jede Treue ihr und ihrem Manne gebrochen , jede Liebe unnatürlich betrogen und verletzt , jede Rache , jeden Haß teuflisch in ihr geweckt . So sprach sie im ew ' gen Einerlei , daß ihm , wie ihm noch nie geschehen , fast alle Gedanken wahnsinnig vergingen ; er hätte sie umgebracht , wenn nicht der wiederkehrende Tag sie in ihr Zimmer zurückgeführt hätte . Der Marchese stand gleich auf und reiste ab ; um alles Aufsehen zu vermeiden , schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der Stadt , die sein Bedauern ausdrückten , dem Befehl seines Hofes , der ihn so plötzlich entfernte , folgen zu müssen . Die Gräfin war zu heftig bewegt , um sich krank zu stellen , sie veranstaltete einen Ball , und überließ sich dem Tanze so ganz , daß wenn sie einen Tänzer gefunden , der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt gewesen , sie wahrscheinlich nicht den nächsten Morgen erlebt hätte , wo sie nun wie zerschlagen , matt und erschöpft , die Ärzte kommen ließ , welche die ganze Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben , wogegen sie schon so oft vergebens gewarnt worden . » In jedem Ballsaal « , meinte der eine , » sollte auf Befehl der Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein , die an Auszehrung und Lungensucht krank liegen , ferner Abbildungen in Wachs von der Zartheit der Lungen . « Wie roh dieses Völkchen meist den Menschen nimmt ; ist nicht alles Leben ohne Freude die drückendste Krankheit , und darum ist die arme Gräfin schwer krank , ungeachtet die Ärzte ihre völlige Besserung versichern ; sie kann nicht aus den Augen sehen und ist doch nicht blind , sie hört niemand und ist doch nicht taub , sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm . In diesem Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklärlichen Abreise des Grafen vom Landschlosse ; zwar war dies nichts Ungewöhnliches , selten erklärte er sich über kleine Geschäfte , die ihn irgend wohin beriefen ; diesmal wurde sie doch dadurch erschreckt , sie wußte nicht warum , es war ihr aber , als könnte er ihre Schuld wissen ; ja gegen Bekannte , gegen Diener selbst war sie ungewöhnlich nachsichtig , immer in dieser einen Furcht ; bei allem , was rasch durch die Zimmer ging , erschrak sie ; sich selbst konnte sie nicht begreifen , weder wie sie jetzt sei , noch wie sie dazu gekommen . Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie seinetwegen bange ; sie träumte von Zweikämpfen und sah ihn oft blutend vor sich stehen , wie er sein Blut ihr mit Vorwürfen ins Gesicht sprützte ; langsam vergingen ihr die Tage und schwer die Nächte . Eilftes Kapitel Heimkehr des Grafen zur Gräfin Etwas über vier Wochen waren vergangen , als der Graf fast erschöpft mit einem Mute , den er sich in einer Flasche Wein angetrunken , spät Abends in das Zimmer seiner Frau trat ; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde , wie sie neben der Wiege stand , und sich über den Schlaf freute , dem es so ganz überlassen . Ihr freudiges Aufrufen bei seinem Anblicke war ungeheuchelt . Bald saß der Graf neben ihr , alle Sorge war plötzlich ihm benommen , auch sie wurde fröhlich ; sein Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt , wie ein großes Meer nach dem Ungewitter , wenn schon lange heller Himmel darüber ruht . Ihr blickte die Hoffnung , daß alles Unglück vergessen werde , aus den Augen , doch so sparsam wie das Grün auf einer Wiese , die ein Strom in einem unseligen Durchbruche versandet hat ; die schöne alte Liebe ist nicht untergegangen , aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld , und nur wenig Leben kann daraus hervorschießen . In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler ; kaum hielt er sich , ihr nicht spottend seinen , wie er jetzt sicher meinte , törichten Argwohn aufzudecken ; ziemlich unverständlich brachte er wenigstens das auf dem Wege ausgesonnene Märchen vor : wie ihn ein alter Familienprozeß zu einem ganz geheimen Nachsuchen in einem großen Archive gezwungen . Sie gab nicht Achtung darauf , und glaubte alles ; sie war so zärtlich gegen ihn , um ihm reichlich zu vergüten , was sie ihm von dieser Zärtlichkeit entwendet , und der Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen . Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar gleichgültigen Miene , was er denn mit seiner Warnung damals hätte sagen wollen . Der Alte sagte