und mit seinem finstersten Tyrannengesicht durch die Küche nach dem Eßzimmer schreiten , die Majorin fragte nicht ; sie trug pünktlich das Essen hinein , nahm die Küchenschürze ab und setzte sich an den Tisch . Aber nur Veit führte das Wort – die beiden anderen schwiegen . Dagegen trat eine neue Gewohnheit der Majorin immer mehr in den Vordergrund – jeden freien Augenblick , den sie den Hausgeschäften abstehlen konnte , brachte sie im Garten zu . Sie hatte zwar dort auch ihre Beschäftigung , das Abpflücken der Erbsen und Bohnen , das Begießen der Gemüsebeete und des bleichenden Leinens . Aber die Mägde kicherten und meinten , die Leinwand würde niemals trocken , so oft rausche die Gießkanne drüber hin , und in der heißen Nachmittagssonne begieße doch kein vernünftiger Mensch das junge Gemüse . Es fiel ihnen auch auf , daß » die Frau « so oft auf der Gartenbank stehe und über Nachbars Zaun gucke – das war auch eine neue Mode und zu verwundern an der » Aparten und Stolzen « , die sonst keinem Menschen einen Blick gönnte , und immer tat , als mache sie sich aus der ganzen Welt nichts ... Lächerlich ! Auf die Bank zu steigen , um immer wieder die dicke , watschelnde » Mohrin « anzusehen , denn nach dem kleinen Mädchen , das die Schwarze zu behüten hatte , guckte sie doch nicht . Sie konnte ja die kleinen Kinder nicht leiden . Heute war es den ganzen Tag über mit dem Rat kaum auszuhalten gewesen . Einer der Knechte , der die Kohlenfuhren nach der Bahn zu besorgen hatte , erzählte , der Herr sei nun doch gezwungen , der dummen Wassergeschichte wegen › gelehrte ‹ – Leute aus weiter Ferne kommen zu lassen – es sollte und müßte in den Gruben alles anders werden , und das koste ein Heidengeld . Bald nach dem Mittagessen war der Rat wieder nach dem kleinen Tale gegangen ; Mosje Veit schwitzte in der Wohnstube unter der Zucht seines strengen Privatlehrers , der keinen Spaß verstand , und die Mägde , die in der Küche aufwuschen , steckten lachend die Köpfe zusammen ; denn dort ging die Frau Majorin richtig wieder über den Hof nach dem Garten , wie allemal , wenn der Herr nicht zu Hause war ... Sie hatte nicht einmal ihren Kaffee getrunken , der noch in der Küche stand und kalt wurde . Es war überhaupt in den letzten Tagen , als habe sie Essen und Trinken nahezu verlernt ; und das sah man ihr auch an – die Backenknochen standen ihr scharf aus dem weißen Gesicht , und die Kleider saßen gar nicht mehr so hübsch knapp , sie schlotterten recht auffällig um die Schultern ... Und die Leute meinten , wenn sie auch nicht spreche und ordentlich die Zähne zusammenbeiße , damit ja kein Wörtchen durchschlüpfe , sie ärgere und gräme sich doch im Stillen furchtbar über das viele Geld , das das Unheil in den Gruben kosten würde , denn – sie hätte ja keine Wolfram sein müssen . Nun ging sie langsam zwischen den Buchsbaumrabatten auf und ab . Ihre schlanken , weißen Finger pflückten mechanisch am Schürzenband und die Augen hingen tiefgesenkt am Boden . Sie , die sonst mit scharfem Blick nach jeder abgefallenen Obstfrucht suchte , sie bemerkte nicht , daß ihr Fuß an den ersten reifen Rosenapfel stieß , daß die goldgelben Frühbirnen wie herabgeregnet im Grase und zwischen den Kohlrabi- und Salatköpfen verstreut lagen und ganze Scharen von Wespen herbeilockten – ihre ganze Aufmerksamkeit schien sich im Ohr zu konzentrieren . Bei jedem Geräusch , das von fern her über den Zaun kam – ob sich die Enten klatschend in den Teich stürzten oder ein Menschenfuß auf dem kreischenden Kies eines nahen Weges eilfertig hinging – zuckte sie zusammen und hemmte aufhorchend den Schritt . Die Gießkannen brauchten heute nicht allzufleißig in Bewegung gesetzt zu werden , denn der Himmel war vom frühen Morgen an bedeckt gewesen . Aber die Wolkenschicht , die keinen heißen Sonnenstrahl hindurch lieh , war von einem festen , gleichmäßigen Grau und wölbte sich hoch wie eine granitene , kühle Domkuppel . Die Vögel schössen jubilierend droben hin , und eine köstlich erquickende , balsamische Luft wehte , ein wahrer Genesungsodem für Kranke . Die Majorin verließ plötzlich den geradlinigen Hauptweg , und auf die Gartenbank am Zaun tretend , schlug sie die rauschenden Syringen- und Haselzweige auseinander . Ein schwaches Rädergeräusch kam von der Platanenallee her . Jack , der Neger , schob einen eleganten Kinderfahrstuhl langsam über die Kiesbahn – der hellblaue Seidenschimmer der Auspolsterung und einer übergebreiteten Decke leuchtete herüber , und so bedeutend auch die Entfernung war , die Frau am Zaun sah doch ein blondes Köpfchen auf dem Polster liegen – fast wäre sie von der Bank gestürzt , ein solch jähes Aufschrecken ging durch ihren Körper . Das kleine Gefährt rollte noch einigemal auf und ab , dann kam es nicht mehr zurück , es mochte droben beim Atelier haltmachen . Die Majorin stieg von der Bank herab und ging auf dem schmalen Weg am Zaune hin . Sie machte dann und wann einen Versuch , das Gezweig in der Höhe ihres Gesichts auseinanderzudrängen ; allein die seit langen Jahren geflissentlich gehegte und gepflegte Wildnis wies sie unerbittlich mit Dornen und Stacheln zurück ... Und die einzige Bank des Gartens war nicht verstellbar , ihre steinernen Träger fußten tief in der Erde ; aber dort an der Mauer , die den tiefsten Teil des Gartengrundstücks , den großen mit Obstbäumen bestandenen Grasfleck , von der Straße abschloß , lagen unter vorspringender Bretterverdachung die Leitern , die im Herbst beim Obstbrechen benutzt wurden . Sie lehnte eine der Leitern an die Mauer und stieg so weit hinauf , daß sie gerade den Kopf über den seitwärts liegenden Zaun heben konnte . Wäre sie fähig gewesen , in diesem Augenblick an vergangene Zeiten zu denken , die