so trocken und streng , daß sie ihm jedes Gefühl verbergen mußte ? Hätte sie es ihm entdeckt , es wäre ihr gewesen , wie wenn sie ihre Rosen freiwillig dem Erfrieren in Schnee und Eis preisgäbe . Sie wußte noch recht gut , wie sehr sie einstmals bereute , den Namen Gottes vor ihm ausgesprochen zu haben . Er hatte ihr damals ihren Gott genommen — er würde ihr jetzt ihren Freund nehmen , den ersten , einzigen , den sie gefunden ! Es war ein reines ernstes Geheimnis , das sie da vor ihm im Herzen trug , so rein und ernst wie das , was sie mit dem gestirnten Himmel gemeinsam hatte , wenn sie allein in der Nacht auf die Sternwarte stieg . Indessen war die Tür geöffnet worden , ohne das sie es gewahrte , und die Äolsharfe erklang in dem Zugwind , der dadurch entstand . Die Vögel , die sich wie immer bettelnd um sie geschart , flogen zwitschernd auf , als plötzlich eine fremde Gestalt erschien und eine weiche , tiefe Stimme fragte : „ Nun , wie geht ’ s ? “ Ernestine schreckte zusammen wie vom Blitz getroffen . Sie wandte sich um und blickte den Fremden an , tief errötend , aber mit unverkennbarer Freude . „ Warum erschrecken Sie vor mir ? “ fragte er . „ Ich weiß es nicht . Sie traten so plötzlich ein , ich sah Sie doch nicht auf der Landstraße kommen ? “ „ Ich schlug einen Seitenpfad ein , der mich im Schatten hierher führte . Ich machte den Weg zu Fuße . “ „ O , Sie werden müde sein ? ! “ sagte Ernestine und trat mit ihm in das Zimmer . „ Setzen Sie sich ! “ „ Mein liebes Fräulein , zuerst geben Sie mir eine Hand – so ! Und nun sagen Sie mir , ob Sie keinen Groll mehr gegen mich auf dem Herzen haben ? “ „ Nein , mein Herr – Doktor ! Darf ich Sie Doktor nennen ? Man muß doch für Alles einen Namen haben , – warum soll nur ich Ihnen keinen geben ? “ sie lächelte . Zum ersten Male sah er sie lächeln und er konnte das Entzücken darüber kaum verbergen . „ Nun denn , wenn es Ihnen so schwer wird , mich nicht bei Namen zu nennen , so taufen Sie mich selbst . Es gibt ja eine Menge von Ehrentiteln , welche Freundschaft und Wohlwollen erfunden haben . Bin ich noch keines derselben vor Ihren strengen Augen würdig ? “ „ Doch , doch — es gibt keinen Ehrentitel , der Ihnen nicht gebührte , Sie sind so gut — so — o ja , ich weiß jetzt , wie ich Sie nenne ! “ „ Nun ? Ich bin begierig ! “ „ Mein guter Herr ! Darf ich so sage ? “ „ O mein gutes — gutes Fräulein , das tut unaussprechlich wohl ! “ Ernestine lächelte wieder . Eine leichte Röte überflog ihr Gesicht . Johannes betrachtete sie . „ Wissen Sie denn , daß ich Sie heute viel heiterer finde als neulich ? “ „ Das ist Ihr Verdienst , mein guter Herr ! “ „ Wirklich ? Trotz meiner bittern Arzneien ? “ „ Ja , sie schmeckten schlecht , aber die gute Wirkung kam nach . “ „ Also fühlten Sie die Wahrheit in dem , was ich sprach ? “ Sie wurde wieder ernst . „ Nein , das nicht . Allein ich erkannte ein edles , großes Herz darin und die Bewunderung für dasselbe überwand die Kränkung ; die Freude , seine Teilnahme gewonnen zu haben , besiegte den Schmerz , von ihm verkannt zu sein . “ „ Das ist mehr , als ich nach einer so kurzen Bekanntschaft von Ihnen fordern kann . Wären Sie minder groß , als Sie sind , so würden Sie mich hassen , denn ich habe Ihre Eitelkeit auf das Tiefste verletzt — und , um ganz offen zu sein , — ich gedenke dies auch ferner zu tun ! “ „ Eine schlimme Aussicht , doch — ich will standhaft sein . Sprechen Sie mir auch die Stärke des Mannes ab , so sollen Sie mich wenigstens nicht den Schwächen der Frauen unterworfen finden , zu deren verächtlichsten ich die Eitelkeit zähle . “ Johannes lächelte . „ Und dennoch sind Sie nicht frei von diesem Fehler . Sie werden meine Beleidigungen Ihres Stolzes nur deshalb ertragen , weil Sie die Eitelheit haben , dadurch zu zeigen , daß Sie nicht eitel sind ! “ Ernestine senkte die Wimpern . „ Sie sind ein scharfer Diagnostiker “ , sagte sie nicht ohne Bitterkeit . „ Ich bin nur ein ehrlicher Mann . Sehen Sie , mein liebes Fräulein , ich weiß , seit Sie mich heute so freundlich begrüßten , daß es mir ein Leichtes wäre , Ihr Vertrauen und Wohlwollen zu gewinnen , wenn ich ein klein wenig Schonung für Ihre Schwächen hätte . Ich gestehe Ihnen aber offen , daß ein so billig erkauftes Wohlwollen mir nicht genügt . Tändeleien , Scherze können auf einer Täuschung beruhen , denn sie währen nicht länger , als diese selbst . Das Gefühl aber , das ich für Sie hege und das ich in Ihnen für mich erwecken möchte , kann , darf nur auf der Wahrheit beruhen , darf nur aus dem innersten eigentlichen Kern unseres Wesens hervorgehen , und stimmt diese nicht überein — so ist ein innigeres Verhältnis unter uns unmöglich und ein oberflächliches wäre zwischen Menschen , wie wir sind , eine Sünde . Wenn ich daher mit eiserner Hand den verborgensten Grund Ihrer Seele aufwühle , wenn ich Ihrer Eitelkeit Beleidigungen zufüge , die selbst die Eitelkeit , sich groß und selbstverleugnend zu zeigen , nicht mehr ertragen hilft — so erfülle ich damit nur eine heilige Pflicht der Wahrheit gegen uns Beide ,