nickten , und nahm die Tasse Thee , die jene ihr brachte . „ Ach , siehst du , “ sagte sie herzlich , die runzlige Hand streichelnd , „ das ist die schönste Stunde des Tages , so wohlig und traulich , und heute brauche ich nicht ’ mal wieder fortzugehen , Tantchen , denn die Konzertprobe im Gewerbhaussaal fällt aus , ich darf nach Herzenslust faulenzen . Aber nun zeig ’ ’ mal den Brief von unserm Freund her – wahrhaftig , aus Berlin ! Und das Paket ? Ach , was wird in dem Paket sein – natürlich ein Album , in dem ich mich verewigen soll ! Uebrigens , Tantchen , denke dir , Fräulein Hochleitner hat sich in New York verheiratet , mir erzählte es eben eine frühere Schülerin von ihr . Nun aber , was will der Herr Doktor ? Dann las sie den Brief still für sich . „ Meine liebe , sehr verehrte Freundin ! Wie kommt denn der nach Berlin ? werden Sie sagen , wenn Sie droben in der Ecke den Namen der Reichshauptstadt lesen . Ja , das raten Sie nur ’ mal ! Des Landes bin ich nicht verwiesen , auf die Brautfahrt habe ich mich auch nicht begeben , denn das bekannte Citat : ’ Willst du immer weiter schweifen ... ? ’ scheint ganz extra für mich erfunden zu sein . Ich könnte Ihnen nun vorlügen , daß der Kaiser mich zu allerhöchst seinem Leibarzt ernannt habe , oder daß ich von einem hiesigen Millionenonkel als Reisedoktor engagiert worden bin , fürchte aber , Fräulein Aennes klare Augen würden finster blicken , und sie sagte dann zu sich selbst , Er kann doch die Faxen nicht lassen , Gott weiß , was dahinter steckt ! ’ Drum also heraus mit der Wahrheit , das heißt – erst zur Hauptsache ! Mein Rapport über das Befinden Ihrer Frau Mutter war bereits vorgestern fällig , mich hielten indes allerlei Reisevorbereitungen vom Schreiben ab , und außerdem nahm [ 338 ] Frau Rat ein so eminentes Interesse an meiner Ausfahrt , daß sie mir faktisch die Zeit nicht gönnte , an Sie , Fräulein Aenne , zu schreiben . Und nun zu des Pudels Kern ! Ihre Frau Mutter befindet sich gut , und es sollte mich nicht wundern , wenn sie eines Tages urplötzlich in leibhaftiger Person in dem Stübchen meiner lieben Freundin erschiene , um – – Ja , nun werden Sie ungläubig lächeln . Aber sehen Sie , Fräulein Aenne , Ihre verehrte Frau Mutter glaubt mir ganz einfach nicht , daß ich nach Berlin reise . Sie denkt – das geht aus ihrem ganzen Benehmen hervor – sie denkt : Gelt , der Doktor reist nach Dresden und holt sich die Braut , als welche Sie gemeint sind . Diese fixe Idee ist chronisch bei ihr , und nichts dagegen zu thun . Ich vermute , sie ist mit allerhand Schlichen hinter unsern harmlosen Briefwechsel gekommen , und ihre Kombinationen gelten ihr als Thatsachen . Ja , Fräulein Aenne , es ist zum Lachen , wenn ich aber mitlachen soll , so kann ich ’ s nicht hindern , daß ich dabei eine Grimasse schneide , wie die Kinder es thun , die das Weinen unterdrücken wollen . Jedenfalls wissen wir beide , daß Mutter May sich irrt , ich darf wohl sagen – leider irrt , aber eines anderen zu überzeugen war sie partout nicht . Sie ließ sich ganz genau von mir beschreiben , wie man es macht , um nach Dresden zu gelangen , und ich wette , die eilige Citation der Schneiderin hing mit diesem ihrem Phantasiegespinst aufs engste zusammen . Also halten Sie sich bereit , einen abermaligen Sturm der Enttäuschung à conto meiner Reise über sich hinbrausen zu lassen . Ich bin unschuldig diesmal ; ich bin nach Berlin gereist , um in der Charite eine neue , höchst interessante Heilmethode der Diphtherie kennenzulernen und zugleich mir das neue Krankenheim eines Kollegen in Charlottenburg anzusehen , nach dessen Muster ich das meinige in Breitenfels bauen will . Ja , Fräulein Aenne , ich habe die Idee der Anlage einer Kinderheilanstalt ausgegeben , um mich der Nervenheilkunde zuzuwenden , und eine Klinik für Nervenkranke soll es werden . Steht dieses Haus , dann führe ich auch die Braut heim . Ihnen will ich es anvertrauen – sie ist ein vernünftiges , gutes , kleines Mädchen , ist Ihre Cousine , und was dann ja doch die Hauptsache , sie will mich , so verwunderlich es auch bleibt ! Wir beabsichtigen keine lange Verlobung , schon deshalb , um nicht Ihre Frau Mutter zu irritieren und um das Gerede der Leute zu vermeiden , die sich die geehrten Mäuler zerreden würden über das Brautpaar unter einem Dach . Zu Ostern mag dann die Bombe platzen , das heißt , mögen die Verlobungsanzeigen in die Welt gehen , dann am nächsten Sonntag die Verkündigung von der Kanzel , drei Wochen später die Hochzeit ! Aber seien Sie nicht böse , Sie lade ich nicht ein , Aenne ! Nun aber habe ich ordentlich gebeichtet , liebe Freundin . Leben Sie wohl ! Mein Weg fuhrt mich zwar an Dresdens Nähe vorbei , aber – ich habe wenig Zeit übrig , und dann , nun den anderen Grund kennen Sie – das Herz thut mir immer noch ein wenig weh in Ihrer Nähe . Leben Sie wohl ! Ich wünsche , ich hörte einmal von Ihnen , daß Sie glücklich geworden sind – Sie wissen , was ich meine . Immer Ihr treu ergebener Dr. Lehmann . Die alte Dame hatte , während Aenne las , Hut und Mantel angelegt , ein Körbchen an den Arm genommen und wartete nur noch auf Mitteilung über den Inhalt des Schreibens , bevor sie ging , für den morgenden Tag einzukaufen . Aenne sah sie freundlich an . „ Mutter ist wohlauf , “ sagte sie