; und als ich zwischen meinen beiden Cousinnen saß , war ich überrascht , wie leicht ich mich bei der gänzlichen Vernachlässigung der einen , und bei den halb sarkastischen Aufmerksamkeiten der andern fühlte — Elise kränkte und Georgine verletzte mich nicht . Die Ursache war , ich hatte über andere Dinge nachzudenken . In den letzten wenigen Monaten waren viel mächtigere Gefühle in mir angeregt worden , als sie anzuregen im Stande waren — ich hatte viel lebhaftere Schmerzen und Freuden empfunden , als mir aufzuerlegen oder zu gewähren in ihrer Macht stand — so daß ihr Benehmen weder einen guten noch einen schlimmen Eindruck auf mich machte . „ Wie befindet sich Mistreß Reed ? “ fragte ich bald , indem ich Georgine ansah , der es einfiel , eine verwunderte Grimasse zu machen , als wäre die direkte Anrede eine unerwartete Freiheit , die ich mir nehme . „ Mistreß Reed ? Ah ! Sie meinen Mama . Es geht sehr schlecht mit ihr ; ich zweifle , daß Sie sie heute werden sprechen können . “ „ Wenn Sie hinaufgehen und ihr sagen wollten , daß ich da bin , “ sagte ich , „ so würde ich Ihnen sehr verbunden sein . “ Georgine erschrak fast und öffnete ihre blauen Augen verstört und weit . „ Ich weiß , sie hegte den ausdrücklichen Wunsch , mich zu sehen , “ fügte ich hinzu , „ und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches nicht länger aufschieben , als es durchaus nöthig ist . “ „ Mama läßt sich am Abend nicht gern stören , “ sagte Elise . Bald darauf stand ich auf , nahm ruhig und unaufgefordert meinen Hut ab , zog meine Handschuhe aus und sagte , ich wolle nur zu Bessie hinausgehen , die wahrscheinlich im Bedientenzimmer sei , und sie bitten , sich zu erkundigen , ob Mistreß Reed geneigt sei oder nicht , an dem Abend noch meinen Besuch anzunehmen . Ich ging , und nachdem ich Bessie gefunden und abgeschickt , begann ich , weitere Maßregeln zu nehmen . Bisher war es meine Gewohnheit gewesen , vor dem Hochmuthe zurückzuweichen , und noch vor einem Jahr würde ich bei einem solchen Empfange , wie mir heute zu Theil geworden , beschlossen haben , Gateshead am nächsten Morgen zu verlassen ; doch jetzt sah ich sogleich ein , daß dies ein thörichter Plan sei . Ich hatte eine Reise von hundert Meilen gemacht , um meine Tante zu besuchen , und mußte bei ihr bleiben , bis sie wieder hergestellt oder todt war . Den Stolz oder die Thorheit ihrer Töchter durfte ich nicht berücksichtigen und mußte mich davon unabhängig machen . Ich wendete mich also an die Haushälterin , bat sie , mir ein Zimmer anzuweisen , sagte ihr , ich würde wahrscheinlich eine oder zwei Wochen dableiben , ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und folgte selbst dorthin . Auf der Treppe begegnete mir Bessie . „ Missis wacht , “ sagte sie ; „ ich habe ihr gesagt , daß Sie da sind : kommen Sie und lassen Sie uns sehen , ob fie Sie kennen wird . “ Ich bedurfte der Führung nicht zu dem wohlbekannten Zimmer , zu dem ich in früheren Tagen so oft gerufen worden , um bestraft oder gescholten zu werden . Ich eilte Bessie voran und öffnete leise die Thür . Ein beschattetes Licht stand auf dem Tische , denn es war jetzt dunkel . Da war das große Bett mit den vier Pfosten und den ambrafarbigen Vorhängen , wie in früheren Zeiten ; da war der Toilettentisch , der Lehnsessel und der Fußschemel , auf den ich wohl hundertmal hatte niederknieen und mir für Vergehungen Verzeihung erbitten müssen , die ich nicht begangen . Ich blickte in eine gewisse Ecke , wo ich fast die einst so gefürchtete Ruthe zu erblicken fürchtete , die dort lauerte , um , gleich einem Kobold , hervorzuspringen und meine bebende Hand oder meinen zitternden Nacken zu verletzen . Ich näherte mich dem Bette ; ich öffnete die Vorhänge und neigte mich über die hohen Kissen . Wohl erinnerte ich mich des Gesichts der Mistreß Reed und war begierig , das bekannte Bild zu sehen . Es ist ein Glück , daß die Zeit das Verlangen nach Rache dämpft und die Antriebe der Wuth und Abneigung besänftigt : ich hatte diese Frau in bitterem Hasse verlassen und kehrte jetzt mit keiner andern Regung als der des Mitleids wegen ihres großen Leidens und dem mächtigen Verlangen zurück , alle Kränkungen zu vergessen und zu verzeihen — mich mit ihr zu versöhnen und ihr freundschaftlich die Hand zu drücken . Das wohlbekannte Gesicht war da : streng und unversöhnlich wie immer — da war das eigenthümliche Auge , welches Nichts zu mildern vermochte , und die etwas erhobene , gebieterische und despotische Augenbraue . Wie oft hatte sie sich mit Drohungen und Haß gegen mich zusammengezogen ! Und wie belebte sich die Erinnerung an den Schrecken und das Leiden der Kindheit , als ich die strengen Linien jetzt wiedersah . Und doch beugte ich mich nieder und küßte sie . „ Ist dies Johanna Eyre ? “ fragte sie , mich anblickend . „ Ja , Tante Reed . Wie geht es Ihnen , liebe Tante ? “ Ich hatte einst gelobt , sie nie wieder Tante zu nennen ; aber ich hielt es jetzt für keine Sünde , dieses Gelübde zu vergessen und zu brechen . Meine Finger drückten ihre Hand , die auf der Decke lag ; hätte sie meine Hand wieder gedrückt , so würde ich in dem Augenblicke wahres Vergnügen empfunden haben . Aber strenge Naturen sind nicht so leicht zu besänftigen , und natürlicher Widerwille nicht so leicht auszurotten . Mistreß Reed entzog mir ihre Hand , wendete ihr Gesicht ein wenig von mir ab und machte die Bemerkung , daß der Abend warm sei . Sie sah mich wieder ,