auch jeden Augenblick auf mich stürzen könne . Ich mußte indessen auf meinem Posten ausharren . Ich mußte dies geisterbleiche Antlitz betrachten – diese blauen , stillen Lippen , die sich nicht mehr öffnen durften – diese Augen , die sich bald öffneten , bald schlossen ; nun im Zimmer suchend umherwanderten , dann forschend auf mir ruhten und immer den entsetzlichsten Schrecken wiederspiegelten . Immer wieder mußte ich meine Hand in die Schüssel voll Blut und Wasser tauchen , um das geronnene Blut abzuwischen . Ich mußte das Licht über meine traurige Beschäftigung tief herabbrennen sehen ; die Schatten auf den alten Gobelins wurden dunkler ; die Vorhänge des massiven , großen Bettes wallten düster herab ; seltsame Lichter und Schatten spielten auf einem antiken Schranke , dessen Thüren in prächtiger Schnitzerei die Köpfe der zwölf Apostel trugen , während sich auf der oberen Kante des alten Möbelstückes ein Kruzifix mit einem sterbenden Christus von Ebenholz erhob . Je nach der wechselnden Dunkelheit oder dem flackernden Schein , welcher auf diesen antiken Schrank fiel , waren es bald der bärtige Arzt , Sankt Lukas mit gerunzelter Stirn ; bald der heilige Johannes mit wallendem Haar , nun wieder das teuflische Gesicht des Judas Ischarioth , welche aus dem Rahmen hervortraten und Leben anzunehmen schienen . Und während dieser ganzen Zeit hatte ich ebensowohl zu horchen , wie zu hüten ; zu horchen auf die Bewegungen des wilden Tieres oder des Teufels in der angrenzenden Zelle . Seit dem Besuch Mr. Rochesters in jenem Gemache schien der Lärm indessen wie gebannt . Während der ganzen Nacht hörte ich in langen Zwischenräumen nur dreimal ein Geräusch , – einen knarrenden Schritt , eine kurze Wiederholung jener eigentümlich knurrenden Laute , die an das Murren eines Hundes gemahnten , und ein tiefes , herzzerreißendes Stöhnen aus Menschenbrust . Nun begannen meine eigenen Gedanken mich zu quälen . Was für ein Verbrechen war es , das Mensch geworden , in diesem Hause abgesondert lebte , und welches der Besitzer weder zu bezwingen noch zu verbannen imstande war ? – Welch ein Geheimnis war es , das sich in der Totenstille der Nacht einmal in Feuer , ein ander Mal in Blut offenbarte ? – Was für ein Geschöpf war es , das die Gestalt und das Gesicht eines gewöhnlichen Weibes trug und bald die Töne eines spöttischen Dämons , bald die eines beutegierigen Raubvogels ausstieß ? Und dieser Mann , über den ich mich beugte – dieser einfache , gewöhnliche , stille Fremde – wie war er in dieses Schreckensgewebe verwickelt worden ? – Weshalb hatte jene Furie sich auf ihn gestürzt ? – Was hatte ihn veranlaßt , diesen Teil des Hauses zu einer so ungewöhnlichen Zeit aufzusuchen , wenn er ruhig in tiefem Schlaf im Bette hätte liegen sollen ? Ich hatte doch gehört , daß Mr. Rochester ihm im unteren Stockwerk ein Gemach angewiesen hatte – was hatte ihn denn hierher gebracht ? Und weshalb war er jetzt so zahm unter der Gewalt oder dem Verrat , welchen man ihm angethan hatte ? Weshalb unterwarf er sich so geduldig der Geheimhaltung , welche Mr. Rochester gebieterisch verlangt hatte ? Seinen Gast hatte man in der empörendsten Weise beleidigt ; bei einer früheren Gelegenheit hatte man ihm selbst so abscheulich nach dem Leben getrachtet – und diese beiden Anschläge hüllte er in Geheimnis und suchte sie in Vergessen zu begraben ! Und schließlich sah ich auch , daß Mr. Mason sich vollständig dem Willen Mr. Rochesters unterwarf ; daß die eiserne Willenskraft des letzteren vollständige Gewalt über die Trägheit und Willenlosigkeit des ersteren besaß . Die wenigen Worte , welche beide miteinander gewechselt hatten , mußten mich davon überzeugen . Es war augenscheinlich , daß die passive Sinnesart des einen während ihres früheren Verkehrs gewöhnlich durch die seltene Thatkaft des anderen beeinflußt worden . Aber welchem Grunde entsprang dann Mr. Rochesters Schrecken , als er von Mr. Masons Ankunft unterichtet ward ? – Weshalb hatte der bloße Name dieses willenlosen , schwachen Individuums – das er mit einem einzigen Worte beherrschen konnte wie ein Kind – ihn niedergeschmettert , wie der Blitz zuweilen die starke Eiche zerstört ? Ach ! ich war nicht imstande , seinen Blick und sein bleiches Gesicht zu vergessen , als er flüsterte : » Jane , ich habe einen Schlag erlitten – einen furchtbaren Schlag , Jane , « – Ich konnte nicht vergessen , wie der Arm gezittert , der sich auf meine Schulter gestützt hatte . Und es konnte keine unbedeutende Kleinigkeit sein , welche imstande war , den entschlossenen Geist und die mächtige Gestalt Fairfax Rochesters derartig zu erschüttern . » Wann wird er kommen ? Wann wird er wiederkommen ? « rief ich in meinem Sinne , als die Stunden der Nacht hinschwanden – als der blutende Kranke schwächer und schwächer und kränker wurde und herzzerreißend stöhnte – und weder die heißersehnte Hilfe noch der erlösende Morgen kam . Immer wieder hatte ich das Wasser an Mr. Masons bleiche Lippen geführt ; fortwährend hatte ich ihm das stärkende Riechsalz geboten – aber all mein Bemühen schien erfolglos . Entweder das körperliche oder das geistige Leiden oder der Blutverlust oder alle drei zusammen machten seine Kräfte schnell dahinschwinden . Er stöhnte so sehr und sah so schwach , so wild , so verloren aus , daß ich fürchtete , er würde sterben . Und es war mir nicht einmal gestattet , zu ihm zu sprechen . Endlich war das Licht zu Ende gebrannt – jetzt erlosch es . Bei seinem letzten Aufflackern bemerkte ich , daß graue Streifen auf den Fenstervorhängen spielten . Tagesanbruch war also nicht mehr fern . Und jetzt vernahm ich auch Pilots fernes Bellen , das aus einer Hundehütte im Hofe zu mir heraufdrang , – neue Hoffnung kam über mich . Es war keine vergebliche gewesen , denn nach fünf Minuten wurde der Schlüssel im Schlosse gedreht , die Thür wurde geöffnet – meine Nachtwache hatte ein Ende