zwang es sie an den Rand , und die Tiefe lockte mächtig . Aus jedem Becher , den sie hielt , um zu trinken , schaute ihr Ebenbild sie an mit Blicken von jenseits des Grabes . An einem Sonntag stieg sie auf den Vestnerturm , ihr Auge schweifte mit Abschiedskummer über das ebene Land , und in wohligem Grauen lehnte sie sich über die Brüstung des Fensterchens . Doch der Türmer hatte sie beobachtet und umklammerte gebieterisch ihre Arme . Der Hahn , der krähte , krähte den Tod . Die Uhr , die tickte , tickte den Tod . Der Wind , der wehte , wehte den Tod . Du mußt dich umbringen , du mußt dich umbringen , davon war die Luft voll , die Erde , das Haus , die Kirche , der Morgen , der Abend und der Traum . Im April wurde Lenore krank und bekam das Fieber . Gertrud wachte Tag und Nacht an ihrem Bett und pflegte sie mit Aufopferung . Aus Angst um Lenore irrte Daniel verstört umher , und wenn er an ihr Lager trat , hatte er für Gertrud keinen Blick . Als es Lenore besser ging , legte sich Gertrud zum Schlafen nieder , denn sie war sehr müde . Sie konnte aber nicht schlafen , und sie stand wieder auf . Mit bloßen Füßen ging sie in die Küche , wußte jedoch nicht , was sie dorten solle . Es war nur die brennende Unruhe ihres Herzens gewesen , die sie von ihrem Lager aufgescheucht hatte . Die Glieder waren ihr so schwer , aber an keinem Platz mochte sie weilen . Später kam Daniel aus der Stadt und brachte ihr eine silberne Spange , die er an ihrem Handgelenk befestigte . Hierauf berührte er ihre Stirn mit den Lippen und sagte : » Ich danke dir , daß du so gut zu Lenore warst . « Gertrud blieb wie angewurzelt stehen . In ihrem Innern schrie es fortwährend ; es war , als wälze sich in ihrer Brust ein tödlich verwundetes Tier in seinem Blut . Daniel war schon längst in seiner Stube , aber sie stand noch immer . In düsterer Bedächtigkeit löste sie die Spange wieder von ihrem Gelenk , und sie glaubte ein häßliches Mal dort wahrzunehmen , wo das Metall die Haut berührt hatte . Sie ging in ihre Kammer , öffnete das Spind und vergrub das Schmuckstück tief unter einem Stoß weißer Wäsche . Sie hatte nur den einen Wunsch , zu schlafen . Aber sobald sie die Augen zumachte , begann ihr Herz mit verdoppelter , verdreifachter Geschwindigkeit zu klopfen . Dann mußte sie , nach Atem ringend , in der Stube auf- und abgehen . 18 Ein paar Tage später geschah es , daß sie bei strömendem Regen ziellos in den Straßen herumlief . Jeden Augenblick fürchtete , hoffte sie , umzufallen und nichts mehr von sich und der Welt zu wissen . An zwei Kirchen war sie vorüber gekommen ; die Tore waren versperrt gewesen . Es dämmerte schon , da kam sie zur Pflaumschen Apotheke . Sie schaute durch die Glastüre in den Laden . Der Provisor Seelenfromm stand an dem langen Tisch und rieb eine Mixtur in einem Mörser . Endlich ging sie hinein und fragte den Provisor , ob er ihr kein Schlafmittel verkaufen könne . Er antwortete , ja , das könne er und was es denn sein solle . » Eines , bei dem man halt recht lang nicht mehr aufwacht , « sagte sie und lächelte ihm zu , um ihn ihrer Bitte geneigt zu machen . Es war das erste Lächeln , das seit vielen Tagen ihr abgehärmtes Gesicht verschönte . Der Provisor wollte ihr eben ein Mittel vorschlagen und setzte sich hierzu in eine etwas eitle Positur , da er die Gelegenheit benutzen wollte , um ein wenig mit der von ihm bewunderten Frau zu scharmuzieren , da kam der Apotheker selbst , und als er vernommen hatte , worum es sich handelte , warf er einen durchdringenden Blick auf Gertrud und sagte : » Gehen Sie nur erst zum Doktor , liebe Frau , und lassen Sie sich was verschreiben . Ich habe mit solchen Sachen schon mancherlei Unannehmlichkeiten gehabt . « Als Gertrud sich endlich bis nach Hause geschleppt hatte , saß Philippine an der Wiege der kleinen Agnes und schaukelte die Wiege unter leisem Gesumm . » Wo ist denn Lenore ? « fragte Gertrud . » Wo soll sie sein , « erwiderte Philippine gehässig , » bei deinem Mann droben . « Gertrud hörte , daß Daniel Klavier spielte . Sie hob lauschend den Kopf . » Sie hat gesagt , ich soll sie nach Glaishammer begleiten , « fuhr Philippine fort , » sie will zu einer Waschfrau gehn , die soll für euch waschen . « » Ach , wozu brauchen wir denn eine Waschfrau , « antwortete Gertrud müde , » dazu sind wir ja zu arm . Das kostet ja alles Geld . Alles ein Stück Herzblut von Daniel . Nein , laß das nur . Geh nicht nach Glaishammer . Ich will selber waschen . « In derselben Sekunde wußte sie aber schon , daß sie nie mehr waschen werde . Die Lampe brannte so traurig , das Kindergesichtchen lugte so blaß aus dem Linnen , Philippine kauerte so unheilvoll auf der Erde , aber das war nur jetzt , nur jetzt , sie konnte das alles mit hinauftragen in eine bessere Welt . Sie beugte sich über das schlafende Kind und küßte es lange , lange , mit heißen Lippen , inbrünstig . Eine lauernde Unruhe malte sich in Philippines Zügen . » Du , Gertrud , du kommst mir aber spanisch vor , « sagte sie . Gertrud ging in Lenores Stube hinüber ; zitternd stand sie im Finstern und überlegte . Manchmal zuckte sie zusammen , weil sie Schritte vernahm und das Öffnen der Tür erwartete .