, sie zu sehen , weil es ihn lockte , dieses Mädchen näher zu kennen ? Er wußte schon viel von ihr ; mit seinem erkennenden Auge , seiner inneren Erfahrung , die die Seele der Organismen ahnte , - verstand und ahnte er auch sie . Er erkannte : sie ist durch Kampf geworden , - so wie sie ist . Gekämpft hat sie auf allen Linien ihres Lebens . Und es war edle Art , die solche Kämpfe - so bestand . Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet ! Da hätte dem Kampf seine ganze Seele gehört . Heute - heute hatte seine Seele ein anderes Ziel , heute , da die Stürme hinter ihm lagen . Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war , seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt hatte , da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm , - nach der heiteren Vollendung des harmonisch Geborenen . Dies hier , was er vor sich sah , - war vielleicht ein Größeres . Auf einen anderen , - einen jüngeren vielleicht , - und doch ihm ähnlichen - mußte jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre wirken , eine große und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen , noch geheimnisvollen Weiblichkeit , die da in die Zeit hineinwuchs ... Und plötzlich dachte er an seinen Bruder Florian , - den jüngsten ... Er aber ? ... Es lag wohl an ihm . Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und leidenschaftlich emporschlagen . So stark , so jung , wie sie es einzig mußte , sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen , - seine Art zu bewahren , im Schoße eines Weibes ... Zu schnell verflog diese Stunde . Er sprach mit ihr über die große Aufgabe , die er sich und anderen gestellt hatte . Die Macht des Unsinns , der sieghaft noch immer seine Herrschaft übte , zu brechen oder doch zu schwächen . Dazu bedarf es eines Hochdrucks von Intelligenz . Und da der Grad der intellektuellen Potenz sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag , hieß es , die Vorgänge des körperlichen Lebens ganz ebenso ergründen , wie jene des sozialen und des immateriellen Gefüges der Welt . Nun , da der Stab der Helfer gebildet war , nun schien das Werk keine Utopie mehr . - Die Uhr war acht . Manfred grüßte zur Tür . Einer der Herren , die zur Sitzung kamen , war eingetreten . Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte Klubzimmer . Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzählig zur Stelle . Da war ein Gelehrter , ein älterer Mann , der ein großes Werk über soziale Ökonomie geschrieben hatte , dann ein Physiologe , der für die Regeneration der Menschen durch Verbreitung einer Ernährungswissenschaft auf chemischer Grundlage kämpfte ... Justus war gekommen und Stanislaus . Nachdem der Arzt und der Nationalökonom ihr Programm entwickelten , ging man zur Abteilung für Technik über . Hier war alles schon beschlossen . Ein junger Mann mit großem , kahlen Kopf und heiterem Gesicht , sehr hellblond , stellte den Antrag , eine Rubrik des Blattes zu bennenen : » Register des Unsinns « . Hier sollte jeder Unsinn , der die soziale , generative , moralische und ästhetische Entwicklung der Menschheit bedrohte , gleich in seinen ersten Äußerungen eingefangen und gespießt werden . Die barbarischen Atavismen der Zeit , - hier wollte man sie ins Netz kriegen und , entsprechend präpariert , zur Schau stellen . Stanislaus übernahm die Redaktion des Blattes und sollte später als Herausgeber zeichnen . Es war beinahe ein zu großes Amt , das auf ihn gelegt wurde , wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte . Hier wäre ein Platz für Werner gewesen , dachte er , für Werner , der ein scharfer Leser war . Aber der saß nun im gelben Kleid und grübelte über den Rätseln des Daseins . - Besondere Beachtung sollte , neben allen anderen Künsten , der Schauspielkunst geschenkt werden . Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze über das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen veröffentlicht werden . Auch er war da : ein so vollkommener Schauspieler , daß er nichts mehr Theatralisches in seinem Wesen hatte ; dieser schlanke , kaum über Mittelgröße ragende Körper , der wie ein dämonisches Instrument des Geistes schien , - wie der wahre Mittler zwischen Geist und Erscheinung , - hatte die freie Gebärde des vollkommen vergeistigten Instinktes . Dieser Mann , den die Gegenwart als den größten seiner Zunft pries , und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte , war in enger Fühlung mit Manfreds Lebensplan . Manfred erklärte , warum die Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte : » Diese Kunst veranschaulicht den äußeren Adel der menschlichen Erscheinung , - die höchste Möglichkeit der menschlichen Gestalt - und die reine Idee aller Affekte . « Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden , und , vor allem , vergleichende Völkerkunde . Hier fehlte noch Florian . Seine Rückkehr wurde erwartet . Aber nicht nur der Ethnologe der Gesellschaft sollte Florian sein , - nein , er würde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft , die Stimme der Forderungen , die Stimme kosmopolitischer Wünsche laut werden lassen . Denn dieses war die wahrhafte Stimme jenes jüngsten Bruders , Florian . An dieser Stelle sollte sie - neben seinen Erfahrungen - hörbar werden . Olga erinnerte sich , was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzählt hatte : Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht , Anthropologe zu werden . Mit revolutionärem Ansturm war er nach vollendeten Studien , ein Jugendlicher , zu des Bruders reifem Werk gestürmt . Der aber hatte ihm geboten : erst das Auge zu schärfen , für die Dinge , die sind , bevor er an die Propaganda der Dinge , die werden sollten , denken