heraufzuholen . Am Morgen zündete ich die Laterne an , nahm Hacke und Spaten und prüfte den Boden der Grotte . Fast gänzlich war er zusammenhängender Fels , aber an einer Stelle Schottergestein , und es fiel mir auf , daß der Schotter scharfe Bruchstellen hatte , also von Menschenhand hergerichtet sein mußte . Da lag mir nun die Frage nahe : Aus welchem Grunde haben Menschen an dieser Stelle Stein zerschlagen und mit dem Schotter den Boden bedeckt ? Wollten sie bloß ein Loch ausfüllen , oder ist vielleicht unter dem Schotter etwas vergraben ? Man wird hier schon früher einen Brunnen gehabt haben , dachte ich . Als ich mich an den Boden legte und das Ohr aufdrückte , vernahm ich abermals das unterirdische Rauschen . Arbeitete nun emsig mit Hacke und Spaten , räumte den Schotter weg und stieß auf eine Steinplatte , in die ein Eisenring eingelassen war . Mit Hilfe einer Stange , die ich in den Ring schob , gelang es mir , den Stein aufzuwuchten und beiseite zu schaffen . Mit Staunen sah ich ein offnes Loch , steinerne Stufen führten in die dunkle Tiefe . Feuchte Luft strömte empor , es tosete drunten wie Wasserfall . Mit Schauder hatte ich zu kämpfen , da es mich deuchte , die Abendburg sei magisch aufgetan , und ich solle nun das gefährliche Abenteuer bestehen . Doch dann schalt ich mich einen Toren und bedachte , daß ja alles mit natürlichen Dingen zugegangen . Lud nun mein Pistol und steckte es in den Gürtel , nahm in die Rechte den Spieß , in die Linke eine Fackel und stieg durchs Loch hinunter . War es anfangs von Menschen hergerichtet und mit Stufen versehen , so ging es bald in einen natürlichen Höhlengang über , der in Windungen tiefer führte . Das Gestein , bisher Granit mit Flinsadern , ward morsch , kalkig und wässerig wie getränkter Schwamm . Neben dem Pfade rann ein Murmelbächlein die Steinstufen hinab . Abermals düstere Granitwände , die verengten sich zu einem schmalen Spalt . Und immer lauter ward das Wassertosen . Gleich darauf kam eine Weitung wie Kirchengewölbe . Quer hindurch klaffte eine Schlucht , an die fünf Mannslängen tief , und drunten schoß das tosende Wasser . Zusammen rann es von beiden Seiten aus Felsenspalten und kleinen Höhlengängen . Über die Schlucht führte ein schmaler Steg von Stein . Hinüber ging ich und folgte dem Schluchtwasser abwärts . An einer quergelagerten Granitwand bildete es einen Kessel , einen Strudel , und strudelte durch ein Loch ins dunkle Eingeweide der Erde . Zur Steinbrücke zurückgekehrt , ließ ich mich durch einen Pfad , den Menschenhand bearbeitet hatte , in einen Seitengang führen ; ein Nebenflüßlein rann mir entgegen . Aufwärts ging es durch Granit , dann kam eine Kalkader , endlich Flins , und auf einmal weitete sich dies weiße Gestein . Gebannt blieb ich stehn und leuchtete mit der Fackel umher . Ein Dom war das , wie aus Schnee und Eis . Schimmernde Säulen , etliche stark wie Fichten , ragten zum Gewölbe , und droben hing Zierat bei Zierat , alles aus weißem Gestein , Eiszapfen ähnlich . Wasser tröpfelte herab , und wo es auf den Boden fiel , wuchs ein Zapfen empor . Es war , als habe ein Künstler wunderliche Träume von Wölbungen und Grotten , Flechten und Schleiern , von Astwerk , Durchbrechungen und Schnitzerei in Marmor ausgeführt und mit einer glitzernden Glätte überzogen . Wie ich mit dem Schafte des Spießes an einen großen Zapfen schlug , klang er voll wie eine Kirchenglocke . An einer Stelle glich das Tropfgestein einem faltig hängenden Linnentuche . In einer niedrigen Grotte schien ein Volk von weißen Zwergen und Elfen zu wimmeln . Auch fand ich ein Wasserbecken , dessen Spiegel zur Hälfte mit einer Kruste von milchigem Gestein bedeckt war . Die größte Überraschung aber kam noch , als ich um eine dicke Säule herum ging . Schrecken fuhr in meine Glieder , da in der erhabensten Wölbung zwo Riesengestalten auf einem Throne saßen : Ein Mann mit wallendem Bart- und Lockenhaar , einen mattgüldenen Reif um die Stirn , in der Rechten ein Schwert , neben ihm eine Frauengestalt in wallender Gewandung . Erst wähnte ich , lebendige Wesen vor mir zu haben . Wie ich dann ihrer Reglosigkeit inne ward , dachte ich an balsamierte Leichen . Bald aber war zu erkennen , daß hier die Stümpfe mächtiger Säulen , schon durch natürliche Bildung menschlichen Gestalten ähnlich , mit dem Meißel hergerichtet , dann durch herabtröpfelndes Kalkwasser überkrustet waren . Ein seltsam Gemisch von Lebendigkeit und Verschwommenheit war zustande gekommen , ein phantastisch Gebild . Wie ein König hielt der Mann das Haupt , es rollten die Augen unter der mächtigen Stirn . Der weiße Bart , den das tröpfelnde Wasser bis zu den Füßen verlängert hatte , bezeugte ein ungeheures Alter . Die Königin zu seiner Rechten hielt das Haupt träumend geneigt . Ein weißer Schleier umfloß ihre Gestalt bis hinunter , sanft war das Angesicht . Zu den Füßen des thronenden Paares stund eine große sargartige Truhe aus Stein . Knochen und Waffen waren darin . Wie ich Mut gefunden hatte , nachzusehen , war ich außer mir vor freudigem Staunen ; zwischen Menschengebeinen , die in der Truhe lagen , gab es eine Menge von Gold und kostbaren Geräten . Da waren güldene Kronen mit Edelsteinen , Armgeschmeide , Fingerringe , güldene Ketten und ein paar silberne Kessel , ganz mit Goldmünzen angefüllt . Da sich nur zween Menschenschädel fanden , so vermutete ich , in dieser Steintruhe sei nebst dem Schatze das Gebein des Paares niedergelegt , das hier in Tropfstein abgebildet war . In uralten Zeiten mochte dies Fürstenpaar das Isergebirge beherrscht haben , und in der Höhle hatte das dankbare Volk eine heilige Grabstätte bereitet , die niemand betreten durfte , und die in späteren Zeiten , nach Besiegung und Ausrottung des alten Herrschergeschlechtes ,