jedoch dahin gelangte , kam mein Vater wieder zurück , und Otto hinter ihm . An ihren Mienen sah ich , daß die Gefahr vorüber war . Das Verhör hatte folgendes ergeben : der Schuß war zufällig losgegangen . Als die Ulanen herangeritten kamen , wollte Otto sie von der Nähe sehen ; er lief querfeldein , stolperte , fiel am Straßengraben nieder und dabei entlud sich sein Gewehr . Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jägers von den Leuten bezweifelt worden ; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren Gefangenen in das Schloß . Als sich aber herausstellte , daß der Jüngling der Sohn des General Althaus und selber ein Militärzögling sei , ließen sie seine Rechtfertigung gelten . » Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat , wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe , nicht aber zur Zeit der Waffenruhe und nicht meuchlings schießen . « Auf diese Worte meines Vaters hin , hatte der preußische Unteroffizier den jungen Menschen frei gegeben . » Und bist Du wirklich unschuldig ? « fragte ich Otto , » bei Deinem Preußenhaß würde es mich nicht wundern , wenn - « Er schüttelte den Kopf : » Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben , « antwortete er , » ein paar solchen draufzuschießen - aber nicht aus dem Hinterhalte - nicht , ohne auch meine Brust ihren Kugeln auszusetzen . « » Brav , mein Junge ! « rief mein Vater , von diesen Worten entzückt . Ich konnte das Entzücken nicht teilen . Alle diese Phrasen , in welchen mit dem Leben - dem der anderen und dem eigenen - so geringschätzig und prahlerisch herumgeworfen wird , haben mir einen widerlichen Klang . Doch war ich von Herzen froh , daß die Sache so abgelaufen . Wie entsetzlich wäre es doch für meinen armen Vater gewesen , wenn diese Leute den vermeintlichen Missethäter ohne weitere Umstände gleich abgestraft hätten . Da würde der unselige Krieg , von dem unser Haus bisher verschont geblieben , es doch noch ins Unglück gestürzt haben ... Die betreffende Abteilung war richtig gekommen , Quartier zu machen . Schloß Grumitz war ausersehen , zwei Oberste und sechs Offiziere des preußischen Heeres zu beherbergen . Im Dorfe sollte die Mannschaft untergebracht werden . Zwei Mann wurden im Schloßhof als Wache aufgestellt . Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und ungeladenen Gäste schon bei uns ein . Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafür gesorgt , daß alle Gastzimmer und -Betten bereit standen . Auch der Koch hatte genügende Vorräte herbeigeschafft und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fässer und alten Flaschen : den Herren Preußen sollte es bei uns an nichts fehlen . Als sich an diesem Tage die Schloßgesellschaft auf das Zeichen der Tischglocke im Salon versammelte , bot dieser ein glänzendes und lebensfrohes Bild . Die Herren - bis auf Minister » Allerdings « , welcher augenblicklich unser Gast war - sämtlich in Uniform ; die Damen in Putz . Seit langer Zeit hatten wir uns zum erstenmal wieder » aufgedonnert « ; Lori namentlich - die kokette Lori - welche am selben Tag von Wien gekommen war , hatte auf die Nachricht hin , daß fremde Offiziere anwesend seien , ihre schönste Toilette ausgepackt und sich mit frischen Rosen geschmückt . Gewiß war es darauf abgesehen , dem einen oder dem anderen Vertreter des feindlichen Heeres den Kopf zu verdrehen . Nun meinethalben mochte sie sämtliche preußische Bataillone erobern - aber Friedrich unbehelligt lassen ... Lilli , die glückliche Braut , trug ein lichtblaues Kleid ; Rosa - wahrscheinlich auch sehr froh , wieder einmal jungen Kavalieren sich zeigen zu können - war in rosa Mousseline gehüllt ; nur ich in der Ansicht , daß Kriegszeit , auch wenn man niemanden zu betrauern hat , immer Trauerzeit sei , hatte eine schwarze Toilette angelegt . Ich erinnere mich noch an den eigentümlichen Eindruck , den es mir machte , als ich an jenem Tag den Salon , in welchem die übrigen schon versammelt waren , betrat . Glanz , Heiterkeit , vornehmer Luxus - die geputzten Frauen , die schmucken Uniformen : welcher Kontrast zu den noch vor so kurzer Zeit gesehenen Bildern von Jammer , Schmutz und Schrecken . Und die Glänzenden , Heiteren , Vornehmen selber sind es ja , welche freiwillig den Jammer in Scene setzen , welche nichts thun wollen , ihn abzuschaffen , welche , im Gegenteil , ihn glorifizieren und mit ihren Goldborten und Sternen den Stolz bekunden , den sie darein setzen , die Träger und Stützen des Jammersystems zu sein ! ... Mein Eintritt unterbrach die in den verschiedenen Gruppen geführte Unterhaltung , da mir nun unsere preußischen Gäste sämtlich vorgestellt werden mußten ; - - zumeist vornehm klingende Namen auf - » ow « und auf » witz « ; viele » von « und sogar ein Prinz - ein Heinrich , ich weiß nicht der wievielte , aus dem Hause Reuß . Das also waren unsere Feinde ! Vollendete Gentlemen mit den geschliffensten Gesellschaftsformen . Nun freilich : das weiß man ja , wenn heutzutage mit einer benachbarten Nation Krieg geführt wird , so hat man es nicht mit Hunnen und Vandalen zu thun ; aber doch : es wäre viel natürlicher , sich den Feind als eine wilde Horde vorzustellen , und es gehört eine gewisse Anstrengung dazu , ihn als ebenbürtigen Kulturbürger aufzufassen . » Gott , der du die Widersacher derer , die dir vertrauen , durch die Kraft deiner Verteidigung zurückwirfst , höre uns , die wir um deine Erbarmnisse flehen , gnädig an , damit wir nach der unterdrückten Wut des Feindes dir in Ewigkeit danken können . « So hatte allsonntäglich der Grumitzer Pfarrer gebetet . Wie mußte da die Gemeinde sich den » wütenden Feind « vorstellen ? Gewiß nicht so ,