. Wahrheit soll sein der einzige Zweck der Wissenschaft , aber soll sein nur ein Mittel der Kunst . Der Fanatismus der Wahrheit führt uns naturgemäß zur Übertreibung und Karrikatur , also zur Unwahrheit , gerade wie etwa Atheismus zum Aberglauben führt . Die spitzfindigen Erzeugnisse von Ibsen sind wahr , aber nicht schön - und darum wirken sie kalt , blutlos , didaktisch , doctrinär . Nicht schön - fehlt da auch noch etwas Anderes : sie wirken zerrissen , fragmentarisch , wie ein höhnisches Fragezeichen . Es fehlt die Abrundung , der vollausgetragene innere Abschluß . Nun , welches Element möchte denn wohl das letztgenannte Kunsterforderniß hinzuleiten ? Denken wir an Schillers allgemeingehaltene Phrase vom » Wahren , Guten und Schönen . « Das Gute - das soll bedeuten : den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und des Herzens , der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die versöhnende innere Lösung findet , selbst beim zeitlichen Untergang des Guten . Eine gewisse Erhabenheit der Anschauung gehört unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu einem Kunstwerk höherer Gattung . Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schöne , oder vielmehr ist bereits das Schöne . So stellt der grausigste aller Romane , » Raskolnikow « , vollendete Schönheit dar , weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt . Die meisten Werke von Zola sind nicht schön und nicht kunstvollendet , weil sie mir theilweise wahr und gut sind ; » Germinal « und » L ' Assomoir « aber nähern sich der idealen Schönheit , weil sie viel Wahres neben einigem Unwahren und manches Gute , von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende , aufweisen . Ein anderes Gesetz der Schönheit , als das eben aufgestellte , giebt es nicht . Die sonstige » Form « ist etwas Sekundäres . Wie aber den Künstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen , welche das Wahre und Gute d.h. das Schöne erfassen und darstellen kann ? Meister Haubitz hat uns allerlei von » Begeisterung « vordeklamirt - ist ihm diese Dame vorgestellt ? Leicht möglich . » L ' enthousiasme est de tous les sentiments celui-ci qui donne le plus de bonheur « sagt Frau von Staël . Dieses Gefühl , welches » das meiste Glück giebt « , bezeichnet also den Grad höchster Extase . Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf , daß dieser Zustand bei Schöpfung eines Kunstwerkes anhalten könne ? Doch höchstens bei gewissen Hochmomenten . Wenn wir nun constatiren , daß durchdringender combinirender Verstand ebensosehr wie reiche Phantasie für echte Dichtung nothwendig erscheinen , wodurch der Begeisterungs-Humbug schon in sich zusammenbricht , so locken wir mit all dem keinen Hund vom Ofen für die Frage : Was ist der geheime Grundkeim des dichterischen Wesens ? Nun , meine Herrn , Meister Haubitz hat uns die fable convenue wieder aufgewärmt , die schon in Wielands » Abderiten « der Demokritos zum Besten giebt , daß die Schönheitsbegriffe eines Negers andere seien als die unsern . Allein , was kommt denn für uns bei dieser Prämisse heraus , was gewinnen wir mit dieser Beobachtung ? Nichts , denn sie gehört gar nicht hierher . Die äußerlichen und sinnlichen Schönheitsbegriffe sind allerdings verschieden ; das können wir , ohne fremde Welttheile zu behelligen , unter uns selbst beobachten . Der eine schwärmt für dicke Frauen , dem andern sind diese ein Horreur . » Was dem Einen sin Uhl is , is dem Andern sin Nachtigall . « Aber die Schönheitsbegriffe der Kunst , von denen doch hier allein die Rede ist , die Begriffe der intellectuellen und moralischen Schönheit waren zu allen Zeiten und unter allen Völker die gleichen . Was edel handeln heißt , weiß der Schwarze wie der Weiße , und was schlecht handeln heißt , ebenso . - Auch mit den physiologischen und associativen Eindrücken ist ' s eine eigene Sache . So erweckt eine rothe Wange uns Lustempfindungen , weil wir diese Röthe als Gesundheit deuten . Andrerseits aber kann eine rothe Wange das Zeichen der Schwindsucht sein . Sie erweckt uns also Peinliche Empfindungen . Gleichwohl wirkt eine rothe Wange unter allen Umständen auf uns als angenehm d.h. schön , weil diese lebhaftere Farbe die Eintönigkeit der Züge belebt . Außerdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst , welche bekanntlich die Züge verfeinern und gradezu vergeistigen kann , auf uns häufig als schön - allerdings nur auf den Gebildeten , auf den gröberen Sinnenmenschen nie . Der Begriff des Schönen ist also im letzten Grunde genommen ebenso abstrakt wie der des Guten - also voll physiologischen und associativen Einflüssen unbestimmbar . Aus diesem Grunde würde z.B. auf den Kunstgebildeteten eine lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schön wirken , auch wenn sie stumm und dumm wäre . Hingegen würde sie unter diesen Umständen bei einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken können , d.h. jene Schönheit besitzen , die alle Sinne gefangen nimmt . Das heißt also : die rein physiologisch als schön wirkende Schönheit - ja , wirkte sie auch wie die Venus associativ , all unsern Kunstanschauungen gemäß - wird nie als vollkommene , als absolute Schönheit wirken . Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort - so zwar , daß ein unschönes , weder physiologisch noch associativ reizendes Aeußere sich unendlich verschönert durch innere Vorzüge und eine anmuthig seelenvolle Frau auf die Dauer die Schönste besiegt , sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes hervorgerufen wird . Aus diesem Grunde war es ernst gemeint , wenn Alcibiades den Sokrates als » schönsten der Hellenen « bezeichnete Die Griechen faßten eben den Begriff der Schönheit in ihrem eigentlichen Sinne auf - eine Schönheit , welche man selbst durch lebhaftes Mitfühlen gleichsam ergänzt und mitschafft . Nun denn , dies ergänzende mitschaffende Gefühl für das Schöne d.h. das Wahre und Gute halte ich für den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung . - » Das Herz ganz voll von einer großen Empfindung « » Der Dichter darf nur schildern ,