der Frau Kommerzienrat , von der sie schon so viele Beweise erhalten hatte , mochte sie nicht mißbrauchen . Raßlers Kinder , besonders Eugen und Franz , hatten den kleinen Werni oft heimlich , herabgeholt und ihn auf sein Leibplätzchen in der Ecke postiert . Da gab ' s Bilderbücher und Spielzeug in Hülle und Fülle , aber , seit er die » droße Deige « in die Hand bekommen , freute ihn die mehr , als alles übrige . » Nein , jetzt wird nicht gegeigt , das stört uns ! « rief Hermann vom Tisch herüber . » Nur ganz leise , « meinte Franz und nahm die Geige aus dem Kasten . Werner wagte es nicht , das Instrument zu berühren ; sein Herzchen pochte . Nun drückte ihm Franz den Bogen in die Hand und blinzelte ihm ermutigend zu . Ganz sachte , mit zitterndem Bogen strich er über die Saiten der vor ihm auf dem Tische liegenden Geige . Bei dem kaum erklingenden , bebenden Ton seufzte der kleine Werner auf vor unfaßlicher Wonne . Sein bleiches Gesichtchen strahlte . Wie anbetend hingen seine Blicke an dem Instrument ... » Mama , hör ' nur , wie die uns wieder stören , Franz thut heute gar nicht gut , « beschwerte sich Hermann , als Frau Leopoldine unter der Thür erschien . » Sie sind noch beschäftigt , Herr Schlichting ? « » Wir wollen nur einen Brief fertig machen , gnädige Frau . « » Mama , schau was ich geschrieben habe ! « fuhr Eugen auf und schwang stolz seine Schiefertafel . » Das schreib ' ich dann auf einen schönen Briefbogen ! « » Wenn nur die mit dem dummen Gegeig ' aufhörten , ich wäre schon fertig , « klagte Hermann wieder . Franz machte mit der Hand eine unmutige Bewegung gegen Hermann . » Was nicht gar ! Wir musizieren so anständig , Mama , daß man ' s beinahe nicht hört - und das nennt der ein dummes Gegeig ' - - ! « Ängstlich legte Werner den Fidelbogen weg und stützte seine Händchen aufs Knie . Sein Gesichtchen nahm wieder den scheuen , nachdenklichen Ausdruck an , das Grübchen im kleinen , runden Kinn zitterte . Die Frau Kommerzienrat hob den kleinen Musikanten auf den Arm . Wie ein verschüchtertes Vögelein huschelte er sich an ihre Brust . Sie nahm die Geige dazu : » So , mein Kind , Du unschuldiger Störenfried , jetzt gehst Du mit der Geige heim und musizierst so viel Du willst . Morgen kommst Du wieder , ja ? « Mit offenem Munde sah Hermann seiner hinausschreitenden Mama nach . » Nein , ist das komisch , « bemerkte er kopfschüttelnd und schob Herrn Schlichting sein Schreibheft hin . » Nimm wieder Platz , Franz , wir wollen nun hören , was jeder geschrieben hat . Hermann , wird uns zuerst vorlesen ! Wozu ich bemerke , daß es niemals komisch ist , was immer eine Mutter thun oder sagen möge - verstanden , Hermann ? « Franz protestierte dagegen , daß Hermann zuerst vorlesen sollte . Wer zuerst fertig gewesen , der habe auch das Recht zuerst gehört zu werden - und das sei er ! Das Alter mache gar nichts aus , wenngleich Hermann immer so gewaltig thue , weil er fingerslang älter sei . Hermann möchte überhaupt schon den großen Herrn spielen und im Haus kommandieren ! » Der Klügere gibt nach , « maulte Hermann , fügte aber gleich herausfordernd hinzu : » Herr Schlichting , so befehlen Sie dem Franz , seine Schmiererei zuerst vorzulesen . « » Oho , Schmiererei , da muß ich bitten ! « rief dieser und stellte sich mit seinem Blatt in Positur , nachdem ihm Schlichtung mit stummem Nicken das Zeichen zum Anfang gegeben . » Liebes Fräulein Flora ! Ich will Ihnen ein paar Zeilen schreiben , weil heute Nachmittag Gottlob keine Schule und Herr Schlichting sehr gut ist . Ich thue den ganzen Tag nichts als in die Schule gehen , lernen , schreiben , essen , schlittenfahren . Schlittenfahren hat jetzt aufgehört , weil der Frühling angefangen hat . Geigen hat jetzt auch aufgehört , weil mein Lehrer Herr Kellermann einen bösen Arm bekommen hat . Das kann noch lange dauern . Ich mache mir nichts daraus . Neulich ist ein sehr schöner und lustiger Tag gewesen . Wir durften auf den Maierhof gehen . Bis an die Eisengießerei sind wir gefahren . Wir hatten ein ländliches Mahl bei der Hofbäuerin , da gab es Bier , Brot , Käse und Butter , auch Milch , süße und saure , das schmeckte uns vortrefflich . Von der Hofbäuerin bekamen wir Haselnüsse mit nach Haus , und weil Eugen gar zu gern gelbe Rüben wollte , bekamen nur auch diese - - « Hier unterbrach Eugen : » Weiße Rüben habe ich haben wollen , keine gelben . « Franz : » Freilich , aber die gelben schmecken besser und Fräulein Flora mag auch die gelben lieber , als die weißen , darum habe ich gelbe Rüben geschrieben . « Schlichting : » Das ist sehr liebenswürdig von Dir , daß Du auf den Geschmack von Fräulein Flora Rücksicht nimmst , allein Wahrhaftigkeit steht höher als Liebenswürdigkeit , mithin hat es bei den weißen Rüben zu verbleiben . « Franz besann sich einen Augenblick , dann machte er einen dicken Strich durch den Satz . » Wenn es keine gelben Rüben sein sollen , lasse ich die Rüben überhaupt ganz weg . « Schlichting : » Diese Wahl steht Dir frei . Weiter ! « » Der Hermann ist halt wie zuvor , doch nicht mehr ganz so böse - - « Hermann : » Da fehlt der Übergang von den Rüben zu mir . Was Du von mir sagst , ist mir gleichgültig . « » Ich weiß keinen Übergang . Ich will nicht verraten , daß Du