sah frohe , glückliche Menschen in den blumendurchdufteten , strahlenden Räumen des kleinen Schlosses , sah vor allem die Braut , die blonde Schönheit , die das Fürstenblut in ihren Adern nicht geltend machte , die ihren stolzen Namen aufgehen ließ in dem eines bürgerlichen Beamten um ihrer Liebe willen . Und er daneben - sie sprang auf und floh aus dem Zimmer . Drunten saß der Amtsrat in seiner Sofaecke hinter dem Tische . Er war offenbar ruhiger geworden , denn er las die Zeitung und rauchte seine frischgestopfte Pfeife . Margarete griff nach ihrem Mantel . » Ich muß einen Augenblick in die frische Luft hinaus , Großpapa ! « rief sie von der Thüre her dem Lesenden zu . » Geh du , Kind , « sagte er . » Wir haben Südwind , der löst die Spannung in der Natur und ihren Kreaturen und macht vieles gut , was der Mosje Isegrimm vom Nordpol her verbrochen hat . « Sie ging hinaus , an dem Teich vorüber , der , hartgefroren unter seiner Schneedecke , kaum vom Wege zu unterscheiden war . In den Fabrikräumen brannte längst kein Licht mehr - es war still im Hofe , und nur der grimme Kettenhund kam aus seiner Hütte und schlug an , als die junge Dame das Thor passierte . Draußen über die Felder her sauste der Tauwind , der in der hereingebrochenen Nacht allmählich zum Sturm anwuchs ; er zerwühlte das unbedeckte Haar der Dahinschreitenden , aber ihr Gesicht badete er gleichsam in weichen , feuchten , schmeichelnden Wogen . Es war sehr dunkel ; auch nicht das kleinste Sternenlicht blinzelte der Erde zu ; der Himmel hing voll schwerer , tiefgehender Wolken , die jedenfalls in dieser Nacht noch als warmer Regen niederrieselten . Dann war allerdings die Spannung gelöst , und es tropften wohlthätige Thränen von Ast und Zweig und nahmen der Mutter Erde den weißen Totenschleier vom Gesicht . Ja , wer sich ausweinen konnte ! Aber so mit trockenen , brennenden Augen in ein Leben voll unausgesprochener Schmerzen hineinsehen zu müssen ! Wo hinaus sie wollte ? Immer dem Lichte nach , dem verderblichen Lichte , das dem Nachtfalter die Flügel verbrennt und ihn tötet ! Und wenn ihr dort aus den Fenstern lodernde Flammen entgegengeschlagen wären , sie hätte den Fuß nicht rückwärts zu wenden vermocht ! Weiter , weiter , selbst in den Tod hinein , wenn es sein mußte ! Sie lief mehr als sie ging den festgetretenen Weg entlang , der das Ackerland durchschnitt . Noch knirschte der Schnee unter ihren Füßen ; das war bisher der einzige Laut gewesen , der die Nachtstille unterbrochen ; aber nun , nachdem auch die Chaussee überschritten war , und das weite Parterre des Prinzenhofgartens sich vor ihr hinbreitete , trug ihr der Wind rauschende Akkorde zu - im Schlosse wurde Klavier gespielt . Da saß die Braut am Flügel - keine zarte heilige Cäcilie mit durchgeistigtem Gesicht , weit eher eine Rubensgestalt von üppiger Fülle und blühendstem Inkarnat - das volle Blondhaar glitzerte im Lichte der Kronleuchter , und die schöngebogenen Finger glitten über die Tasten - aber nein , unter ihren Fingern erbrauste das Instrument nicht in so erschütternd beseelter Weise , Heloise von Taubeneck spielte stümperhaft und geistlos , wie sie neulich zur Genüge gezeigt hatte ! - Aber wer es auch sein mochte , der da spielte , er hatte teil an der Feier , die man heute beging - ein wahrer Sturm von Jubel und Begeisterung brauste durch den Vortrag . Vor der Nordfront des Schlößchens breitete sich ein mächtiger Lichtschein hin . Der weite , im Sommer von buntfarbigen Blumengruppen unterbrochene Rasengrund lag fleckenlos weiß , ein einziges glitzerndes Schneefeld , hinter dem Rankrosenspalier , das ihn von dem dicht an die Hausmauern stoßenden Kiesplatz schied . Dieser Platz war ziemlich von Schnee gesäubert , nur eine dünne , festgetretene Schicht lag auf den Kieseln . Margarete war bis hierher gekommen , ohne irgendwie durch Menschennähe erschreckt zu werden . Nun mäßigte sie ihren Laufschritt und ging unter den Fenstern hin . Was sie hier wollte ? Sie wußte es selbst kaum - eine geheimnisvolle , furchtbare Gewalt trieb sie wie der Sturm in den Lüften vor sich her ; sie mußte laufen und sehen und wußte doch , daß gerade der Anblick der Glücklichen ihr wie Dolchstiche das Herz zerfleischen mußte . In dem Salon , wo der Flügel stand , waren die weißen Rollvorhänge herabgelassen ; kein Schatten einer menschlichen Gestalt bewegte sich hinter dem transparenten Gewebe , man lauschte , wie es schien , regungslos dem meisterlichen Spiele . Dagegen waren die drei Fenster des anstoßenden Zimmers , in dessen Nähe das junge Mädchen stehen geblieben war , nicht verhüllt . Das Licht des Kronleuchters floß in grellem Glanze durch die Scheiben und auf die Fürstenbilder , die im Hintergrunde des Zimmers von der Wand herabsahen . Das war der Speisesaal ; hier hatte das Verlobungsdiner stattgefunden ; zwei Lakaien waren beschäftigt , die Tafel abzuräumen ; sie hielten die angebrochenen Flaschen gegen das Licht und tranken die Reste aus den Weingläsern . Die Schlußakkorde des Musikstückes waren längst verhallt , und noch stand Margarete neben einer der niederen Kugelakazien , welche da und dort das Rankrosenspalier unterbrachen . Der Wind warf ihr das Haar von Stirn und Schläfen zurück und stäubte die gelockerten Schneereste von dem dürren Gezweig des Bäumchens über sie her . Sie fühlte es nicht . Ihr Herz hämmerte in der Brust , mühsam rang sie nach Atem , während ihre heißen Augen unablässig über alle unverhüllten Fenster irrten - einmal mußten sich die Glücklichen doch zeigen . O , der Thörin , die in Wind und Wetter harrte und aushielt , um einen tödlichen Streich zu empfangen ! - Da wurde plötzlich eine Thüre , ziemlich am Ende der Hausfront , geöffnet . Aus einem schwach beleuchteten Entree trat ein Mann und stieg die niedere Freitreppe herab ,