. Der Wolf trat an den äußersten Rand des Felsens , setzte Vorder-und Hinterläufe so nahe wie möglich nebeneinander und duckte sich zum gewaltigen Sprung . Ihn trieb der nagende Hunger , selbst das Aussichtsloseste zu unternehmen , um nur überhaupt etwas für die knurrenden Eingeweide zu erjagen . Robert wurde immer ruhiger , je näher der entscheidende Augenblick herankam . Er wußte , was ihm allein übrig blieb , wenn der Wolf den Sprung wagte , und er war entschlossen , sein eigenes und Mongos Leben so teuer wie möglich zu verkaufen . Seine Fäuste waren geballt , seine Augen begegneten dem Blick des Raubtieres . Da erhob sich der Wolf , wie es schien zögernd , mit innerem Widerstreben zum Sprung . Im nächsten Augenblick schwebte die dürre , gelbe Gestalt über dem Abgrund in der Luft . Das war es , worauf Robert gewartet hatte . Mit aller Kraft warf er die linke Faust der Bestie entgegen , während er sich selbst mit der Rechten an den Felsen klammerte . Hätte der Wolf mit Krallen oder Zähnen die andere Seite erreichen können , so würden ihn selbst die vereinten Kräfte mehrerer Männer von dort nicht wieder vertrieben haben , während bei dem übermäßig weiten Sprung schon der Stoß von Roberts Faust genügte , um das Tier aus dem Gleichgewicht zu bringen . Sekundenlang drehte sich , mit allen Gliedern arbeitend und ringend , das große Tier in der Luft , dann stürzte es mit dumpfem Poltern , hier und da aufschlagend oder die Wände streifend , hinab in das Bodenlose . Robert hörte ein kurzes Ächzen , einige röchelnde Töne , - und darauf wurde alles still . Er wischte sich den Schweiß von der Stirn , der trotz des eisigkalten Windes in großen Tropfen daraufstand . Er fühlte , daß er taumelte , daß sich alles um ihn drehte . Und was war das ? - Was lief ihm warm über die linke Hand herab ? Blut ! - Ganze Ströme von Blut . Eine tiefe Fleischwunde zog sich über die obere Fläche der Hand hin , vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen , vielleicht von den Zähnen des wütenden Tieres . Robert sah sich rasch nach dem Alten um . Was hatte vorhin der Neger gesagt : » Mein Blut möchtest du ja doch nicht trinken ! « Das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein . Vielleicht ließen sich dadurch die schwindenden Kräfte des Verhungernden zurückhalten , vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich erholen . Er trat zu dem Betäubten , legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und ließ von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeöffneten Lippen träufeln . Schon bei den ersten Tropfen sah er , wie Mongo begierig sog , aber offenbar ohne Bewußtsein , was um ihn herum geschah . » Es ist gut « , dachte Robert , » daß mich der Wolf ein wenig geschrammt hat . So konnte ich dem armen Mongo doch noch einen letzten Dienst erweisen . Wir werden nun beide schlafend erfrieren . Aber mich freut es doch , daß ich den Wolf tötete , - es muß gräßlich sein , lebend von Zähnen und Krallen zerrissen zu werden . « Nachdem die Wunde ausgeblutet war , ließ er den Kopf des Negers sanft gegen die Felsenlehne zurücksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung . Mongos Lippen bewegten sich . » Das war gut « , murmelte er , » ach , so warm . Nun möchte ich schlafen . « Robert lächelte , während ihm sein Herz schwer wurde . Er nahm in Gedanken Abschied von allen , die er liebte . Morgen mit Tagesanbruch würde er tot sein , er fühlte es , und der nächste Wolf , der dann des Weges kam , würde zwei Leichen zum Fraß vorfinden . Hin Schauer überrieselte ihn . Gab es denn keine , - keine Rettung ? Nein , es war alles verloren . Schon der Versuch , aufzustehen und einige Schritte zu gehen , mißlang vollständig . Sobald er sich erhob , drehten sich Felsen und Klüfte , ja selbst die Sterne am Himmel im Kreise herum . Und dabei fühlte er weder Frost noch Hunger , nur eine unbeschreibliche Mattigkeit , ein Verlangen nach Schlaf , das fast bis zur Betäubung gesteigert war . Er schloß die Augen und faltete die Hände . » Vater im Himmel , dir befehle ich meine Seele , - vergib mir meine Schuld und laß mich - selig auferstehn - - - « Ein Lächeln umspielte seine Lippen . Er fühlte sich wie auf Flaum gebettet , wie getragen , und aller Druck war von seiner Brust genommen . Tönten nicht dort durch die Stille des Abends leise Glöckchen ? Bewegten sich nicht dunkle Schatten durch den Felsenpaß auf ihn zu ? Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft . Wie Gespenster verschwanden die nächtlichen Gestalten , - nur ein leises Knacken war rings in den Felsspalten zu hören . Robert lächelte . Er wußte es jetzt , ihm hatte von der ganzen grauenvollen Wanderung durch die Steinwüste nur geträumt , - er war nicht einsam , nicht verlassen , sondern Menschen beugten sich über ihn , faßten seine Hände und redeten in fremder Sprache . Er wurde aufgehoben , ein scharfer Geruch drang in seine Nase , und heiß wie fließendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle hinab . Auf flüchtige Augenblicke erwachte er ganz . Im Sternenschein sah er kleine , dunkelhäutige und seltsam in Rentierfelle gekleidete Menschen um sich herum versammelt , er hörte , daß sie miteinander sprachen und fühlte die Wärme des eingeflößten Branntweins alle seine Adern durchrieseln . » Das sind wandernde Lappen « , dachte er glücklich , » gottlob , wir sind gerettet ! « Und dann konnte er dem Schlaf nicht länger widerstehen - - Als er erwachte , strahlte die Sonne hell vom Himmel herab . Ein Dach aus Rentierfellen wölbte sich