hätte ich mich hinreißen lassen , Herrn Claudius zu bekennen , was ich an jenem Abend um ihn gelitten ... Was war das nur ? Ich verlor allen Boden unter den Füßen ; der alte Herr mit der blauen Brille - wie ein Phantom war diese anfängliche Vorstellung in alle Lüfte verflogen , und von allem , was mir beim Eintritt in die neue Welt einen tiefen Eindruck gemacht , kam nichts mehr auf neben der imponierenden Erscheinung des » Krämers « . 27 Ich huschte die Treppe hinauf nach den Gesellschaftsräumen . Drei aneinanderstoßende Zimmer - das Charlottens mit inbegriffen - waren stets behaglich erwärmt und beleuchtet . Die Thüren standen weit offen , und Herr Claudius liebte es , im Gespräch dann und wann langsamen Schrittes die Räume zu durchmessen . Der Kreis , der sich um den Theetisch versammelte , war ein sehr enger . Einige bejahrte Herren , sogenannte Respektpersonen , und Freunde aus alten Zeiten kamen ab und zu ; mein Vater aber - sein » Gänseblümchen « selbstverständlich auch - und der junge Helldorf waren stehende Gäste ; auch Luise , die junge Waise und schweigsame Stickerin , fand sich ein . Dagegen hatte sich der Buchhalter ein für allemal dispensieren lassen mit der Entschuldigung , daß er alt werde und an kalten und nebligen Abenden den Weg durch die Gärten scheue ; in Wirklichkeit aber hatte er unverhohlen ausgesprochen , die Physiognomie des Hauses Claudius sei eine so bedenkliche geworden , daß er wenigstens » seine Hände wasche « und keinen Teil haben wolle an dem , was der gegenwärtige Chef der Firma seinen Vorgängern gegenüber dereinst verantworten müsse . Heute standen die Zimmer noch leer . Es war ein kalter Novemberabend ; in den feinen Regen , der sich , der Erde nahe , in widrige Dunst- und Nebelwolken auflöste , mischten sich die ersten vereinzelten Schneeflocken , und rauhe Windstöße pfiffen durch die Gassen . Bei meinem Eintreten in den Salon hantierte Fräulein Fliedner unter den klirrenden Tassen des Theetisches . Sie war erregt , die alte Dame , denn das Porzellan fuhr unter ihren Händen ein wenig konfus durcheinander ... Charlotte beobachtete sie mit einem malitiösen Lächeln . Sie hatte sich in die Sofaecke geworfen , halb versunken in die metallisch glitzernden Wogen einer mit Bauschen und Volants überladenen grünen Seidenrobe . Ihre imposante Schönheit interessierte mich aufs neue - die prächtigen Formen dehnten sich so behaglich in den warmen , elastischen Polstern ; dennoch fröstelte ich unwillkürlich unter der Einwirkung des Kontrastes zwischen dem draußen vorüberfegenden rauhen Novemberwinde und den entblößten Schultern und Armen des üppigen Mädchens , die nur eine Flut außerordentlich klarer Spitzen überrieselte . » Ich bitte Sie ums Himmels willen , liebste Fliedner , seien Sie vorsichtig , « rief sie mit affektierter Aengstlichkeit , ohne ihre nachlässig bequeme Stellung auch nur im mindesten zu verändern . » Die selige Frau Claudius müßte sich ja in der Erde umdrehen , wenn sie wüßte , wie Sie mit ihren porzellanenen Erinnerungen an frohe Wiegenfeste , Familienjubiläen , und was alle diese kostbaren Inschriften sonst noch verherrlichen mögen - in diesem Augenblicke umgehen ... Die Sache ist nicht der Rede wert , zu was alterieren Sie sich denn ? ... Kann ich etwas dafür , daß mir diese Luise antipathisch ist ? Und bin ich schuld , daß dieses Thränenweidengesicht stets aussieht , als wolle es Gott und alle Welt um Verzeihung bitten , daß es sich die Freiheit nimmt , überhaupt zu existieren ? ... Das Mädchen fühlt instinktmäßig , was ich ungezwungen ausspreche - sie gehört nicht in den Salon mit ihren Schulmeistermanieren . Es ist eine viel zu weit getriebene Humanitätsanwandlung des Onkels , ihr eine Stellung einzuräumen , zu der sie in keiner Weise berechtigt ist ... Du lieber Gott , ich bin auch kein Unmensch - aber was recht ist ! - Guten Abend , Prinzeßchen ! « Sie reichte mir die Hand und zog mich neben sich auf das Sofa . » Da bleiben Sie hübsch sitzen , Kind , und fahren nicht immer wie ein Irrwisch durch die Zimmer ! « sagte sie gebieterisch . » Sonst setzt mir der Onkel abermals eine Nachbarin zur Seite , die mich mit ihrer ewigen Batiststickerei und dem groben Stahlfingerhut an ihrer Hand zur Verzweiflung bringt . « » Einem dieser unerträglichen Uebel können Sie sehr leicht abhelfen , « meinte Fräulein Fliedner gelassen . » Geben Sie Luise einen Ihrer silbernen Fingerhüte - Sie benutzen sie ja doch nie - « » Wenigstens sehr selten , « lachte Charlotte auf und ließ ihre schlanken weißen Finger vor den Augen spielen . » Ich weiß auch warum ... Sehen Sie , beste Fliedner , diese Nägel ? ... Sie sind nicht besonders klein , aber hübsch rosig und tadellos gebildet - auf jedem sitzt ein Adelsdiplom - glauben Sie nicht ? « Sie zog in geistreich ausdrucksvoller Weise die Oberlippe scharf zurück und zeigte impertinent lächelnd die ganze Reihe ihrer schönen Zähne . » Nein , das glaube ich ganz entschieden nicht , « versetzte Fräulein Fliedner erregt - das Rot des Aergers trat ihr in die Wangen . » Die Natur gibt kein solches Diplom mit , das gegen die Arbeit feit , und auch jenes geschriebene Fürstenwort , dem eine wahnwitzige Vorstellung eine ähnliche Wandlungskraft wie die des Abendmahls verleiht , und infolge deren ehrlich gesundes rotes Blut sich plötzlich in ein verkünsteltes blaues verändern soll - auch dieses Fürstenwort hat nicht die Macht , irgend ein Individuum von der Arbeit zu entbinden , zu der das Menschengeschlecht berufen ist . Es wäre schlimm und ein Widerspruch in Gottes Schaffen und Walten selbst , wenn den Herrschern in Wahrheit das Recht verliehen wäre , die Faulenzer zu sanktionieren ... An eines aber muß ich Sie bei dieser Gelegenheit erinnern , Charlotte - es ist bis jetzt nie über meine Lippen gekommen ; aber Ihr Uebermut kennt keine Grenzen mehr , er