Walde rief nach ihr in den Tönen unbeschreiblicher Angst . » Hier , « rief sie hinab , » hier bin ich , auf dem Turme ! « Der Fackelträger stürzte durch das Dickicht , über die Waldblöße hinweg . In wenigen Augenblicken stand er drinnen auf den obersten Treppenstufen und rüttelte mit gewaltiger Hand an der Thür . Unmittelbar darauf erfolgten einige kräftige Fußstöße , und das alte Brettergefüge barst krachend auseinander . Herr von Walde trat heraus auf die Plattform . In der Linken hielt er die Fackel und mit der Rechten zog er Elisabeth in den Bereich der Flamme . Er war ohne Kopfbedeckung , das dunkle Haar fiel ungeordnet auf die Stirn und eine tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht . Sein Blick lief wie ein Blitz über ihre Gestalt , als wollte er sich überzeugen , daß sie auch wirklich unverletzt vor ihm stehe . Er schien in einer unbeschreiblichen Aufregung zu sein ; die Hand , die ihren Arm umklammerte , zitterte heftig , er war im ersten Augenblicke keines Wortes mächtig . » Elisabeth , armes Kind ! « stieß er endlich seufzend hervor . » Hierher , in die dunkle Nacht , auf dies unheimliche Gemäuer hat Sie die Schmach getrieben , die Sie heute in meinem Hause erdulden mußten ? « Elisabeth erklärte ihm , daß ihr Verweilen hier oben kein freiwilliges gewesen sei , wie ja die geschlossene Thür beweise , und erzählte in flüchtigen Worten den Verlauf der Sache . Dabei schritt sie die Treppe hinab . Er ging ihr voraus und bot ihr die Hand , um sie zu stützen ; aber sie faßte nach dem Strick , der als Treppengeländer diente , und wandte die Augen weg , um seine Bewegungen ignorieren zu können . In diesem Augenblicke erlosch die Fackel , die ohnehin nur noch schwach brannte , in einem starken Luftzuge , der durch eine offene Luke einströmte ; tiefe Finsternis umgab die Hinabsteigenden . » Geben Sie mir jetzt die Hand , « sagte er , in den befehlenden Ton von früher verfallend . » Ich halte mich am Geländer und brauche keine andere Stütze , « entgegnete sie abwehrend . Kaum war das letzte Wort über ihre Lippen , als sie sich von zwei Armen umschlungen fühlte , die sie ohne weiteres wie eine Feder vom Boden aufhoben und die Treppe hinabtrugen . » Thörichtes Kind , « sagte er , indem er sie draußen auf dem Rasenplatze niederließ , » ich werde doch nicht leiden , daß Sie sich auf den Steinfliesen des Turmes die Glieder zerschmettern ! « Sie schlug den Weg ein , der direkt nach dem Lindhofer Schlosse führte ; er war ja der kürzeste . Herr von Walde schritt schweigend neben ihr her . » Sie haben die Absicht , heute von mir zu gehen , ohne mir ein versöhnliches Wort zu sagen ? « fragte er , plötzlich stehen bleibend . In seinem Tone stritten Schmerz und verhaltener Groll . » Ich habe das Unglück gehabt , Sie zu beleidigen ? « » Ja , Sie haben mir wehe gethan . « » Weil ich meinen Vetter nicht sofort zur Rechenschaft zog ? « » Das konnten Sie ja nicht , seine Werbung geschah mit Ihrer Genehmigung . Sie so gut , wie die anderen , wollten mich zwingen , Herrn von Hollfeld meine Hand zu reichen . « » Ich Sie zwingen ? ... Kind , wie schlecht verstehen Sie sich auf die Erforschung eines männlichen Herzens ? ... Ich war von einem finsteren Irrtume befangen , oder richtiger , ich wollte diesen Irrtum vollends von mir werfen , wollte prüfen , als ich ja sagte ... Sie sollen im Gegenteil erfahren , daß ich alles entfernen werde , was Sie an den heutigen Vorfall erinnern könnte ... Sie sind gern in Lindhof ? « » Ja . « » Die Baronin Lessen wird das Schloß verlassen , und ich will Sie bitten , meiner Schwester Stütze und Umgang zu sein , wenn - wenn ich wieder in die weite Welt hinausziehen werde , wollen Sie ? « » Das kann ich Ihnen nicht versprechen . « » Und warum nicht ? « » Fräulein von Walde wird meine Gesellschaft nicht wünschen , und wenn auch ... ich habe heute schon einmal erklärt , daß ich den neuen Namen nicht führen werde . « » Wunderliche Antwort ! ... Das gehört nicht hierher ... Ah , jetzt verstehe ich ! Endlich wird es hell vor meinen Augen ! Sie glauben also , ich habe Hollfelds Wahl gebilligt , weil Ihnen plötzlich ein adliger Name zugefallen ist ... wie , ist ' s nicht so ? « » Ja , das glaube ich . « » Und folgern weiter , daß ich Sie aus dem Grunde auch jetzt als Umgang für meine Schwester wünsche ? ... Sie sind überhaupt der Ansicht , daß der Aristokrat bei allem , was ich thue und denke , die erste Stimme hat ? « » Ja , ja ! « » Nun , dann frage ich Sie , welchen Namen führten Sie , als ich hier , auf diesem Wege , Sie um einen Glückwunsch für mich bat ? « » Damals wußten wir noch nicht , welches Geheimnis der Erker enthielt , « flüsterte Elisabeth kaum hörbar . » Haben Sie die Worte vergessen , die Sie mir an jenem Tage nachsprechen mußten ? « » Nein , ich habe jede Silbe klar und fest im Gedächtnis , « entgegnete das junge Mädchen rasch . » Nun , und halten Sie es für möglich , daß solche Worte enden könnten mit einem und bleiben Sie gesund im neuen Jahre oder dergleichen ? « Das junge Mädchen antwortete nicht , sah aber tief errötend zu ihm auf . » Hören Sie mich einen Moment ruhig an , Elisabeth , « fuhr er fort ; er selbst aber war so wenig ruhig ,