, daß er sterben möchte , daß es ein Glück für ihn sein würde , wenn er seinem Leben ein Ende machte . Für ihn und für Andere ! Heftet sich nicht das Unglück an seine Fersen ? war es nicht sein Schicksal , Verwirrung und Leid zu bringen , wohin er kam ? Und dieser neueste Bund , den er geschlossen , unwiderruflich , wenn er nicht treulos sein wollte , wie - wie er es noch stets gewesen ! Melitta - Helene - Emilie ! Was hatte Emilie vor den Andern voraus , als daß sie zufällig die letzte war ? So irrte er , von den Furien des eigenen Gewissens gejagt , in dem Park umher bis an den Strand und wieder zurück und wieder an den Strand und wieder zurück . Die feuchtkalte Luft durchnäßte seine Kleider , er achtete es nicht ; er stieß sich an den triefenden Stämmen , er ritzte seine Hände an dem Hagedorn - er fühlte es nicht . Verwünschungen gegen die Vorsehung , gegen die Menschen , gegen sich selbst murmelnd , trank er in vollen Zügen aus dem Kelch der Leiden , die sich der Mensch in seines Sinnes Thorheit gegen der Götter Willen und des Schicksals Schluß bereitet . Zuletzt fand er sich , - er wußte nicht , wie er dahin gekommen war - vor der Pforte des Gartens von Fräulein Bärs Pensionsanstalt . Aus einem der Fenster - Helenens Zimmer - schimmerte Licht . Es war das erste Licht , das er jetzt seit Stunden gesehen , und es war ihm , als ob in die Nacht seiner Seele ein Stern hernieder leuchte . Zwar Trost und Hoffnung konnte ihm der Stern nicht bringen , aber er löste seine Verzweiflung in Wehmuth auf , als er jetzt , sich aufraffend und den Weg nach der Stadt einschlagend , die Stimme erhob und sang : Und muß ich sterben so frisch und jung , Ade dann , du goldener Sonnenschein , Und Mondenschimmer und Sternenlicht , Und ade , schwarzäugiges Mägdelein , Ich hab ' euch alle ja so geliebt , Und muß nun sterben so jung ! Siebenundzwanzigstes Capitel Einige Tage später war beim Geheimrath Robran in dem Wohnzimmer eine kleine Gesellschaft versammelt , bestehend aus dem Geheimrath selbst , seiner Tochter , Franz und einer jungen Dame , die von Bemperlein bei Robrans eingeführt war : Mademoiselle Marguerite Martin . Man hatte zu Abend gegessen , nachdem man vergeblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet . Jetzt saß man um den Kamin ; auf einem Tische in der Nähe Sophiens stand statt der Theesachen heute eine kleine Bowle , aus der die junge Dame aber nur selten ein oder das andere Glas füllte . Die Conversation war nicht eben belebt ; es schien ein Schleier von Wehmuth über den Gesichtern Aller zu hangen . Kein Fremder hätte glauben sollen , daß diese stille melancholische Gesellschaft nichts mehr oder nichts weniger feierte , als was man im gewöhnlichen Leben einen » Polterabend « zu nennen pflegt . Und doch war dies der Fall . Morgen in den ersten Vormittagsstunden sollte in der Universitätskirche das junge Paar von Professor Doctor Schwarz eingesegnet werden , um dann eine Stunde später nach der Residenz abzureisen , wohin Franz dringende Geschäfte riefen . In den Plänen , die Franz für die Zukunft entworfen hatte , war nämlich noch in der elften Stunde vor seiner Verheirathung eine große Veränderung eingetreten . Das Opfer , welches er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und dem Glück der Seinigen bringen wollte , war nicht angenommen worden . Als er an Professor Kurzenbach schrieb , daß er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines ersten Assistenzarztes an dem Universitäts-Krankenhause ablehnen müsse , glaubte er die Sache ein für allemal abgethan . Aber Kurzenbach war nicht der Mann , einen ihm lieb gewordenen Gedanken so leicht aufzugeben . Er schrieb abermals an Franz , und - das hatte Franz nicht erwartet - zugleich an dessen Schwiegervater . So erfuhr der Geheimrath , was ihm , nach Franz ' Absicht , wenigstens bis Alles entschieden war , unbekannt bleiben sollte . Als Franz eine halbe Stunde später ihn zu besuchen kam , empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand . In dieser Stunde der Entscheidung fand Robran seine ganze alte Geisteskraft und Beredsamkeit wieder . Sehen Sie denn nicht , theuerster Franz , sagte er , daß dies ungeheure Opfer , welches Sie mir so leichten Muthes und - Sie müßten sonst kein vom Weibe Geborener sein , - schweren Herzens bringen , mich durch seine Größe niederdrückt und so zu sagen moralisch vernichtet ? Sie haben Ihr Vermögen für mich dahingegeben . Ich unterschätze das wahrhaftig nicht ; indessen das hat schon mancher Vater freudig für seinen Sohn gethan , weshalb sollte es nicht auch umgekehrt einmal ein Sohn für einen Vater thun ? Aber , indem Sie diese Stelle ausschlagen , opfern Sie mir etwas , das sich nicht mehr zählen und berechnen läßt . - Sie opfern mir Ihre Zukunft . Sie opfern mir den Ehrgeiz , der jedes edle , männliche Herz erfüllt , es in dem Berufe , dem man angehört , zur höchstmöglichen Vollkommenheit zu bringen ; ja , was am schwersten in die Wagschale fällt : Sie opfern mir auch , worüber Sie gar nicht frei verfügen können : die Pflicht , die Sie gegen Ihre Mitmenschen haben . Wem , wie Ihnen , viel gegeben ist , von dem kann und muß auch viel gefordert werden . Sie finden in der Residenz einen Wirkungskreis , um den Sie selbst ein Cäsar beneiden würde , wenn ein Cäsar überhaupt jemals begreifen könnte , worin das wahre Herrscherthum des Menschen besteht . Sie werden in Wirklichkeit sein , wie die römischen Schmeichler ihre Neronen und Heliogabale nannten : decus und deliciolae generis humani : eine Zierde und Wonne des Menschengeschlechts , denn Sie werden ,