Seele seines Kindes einer andern Person , die treuer darüber waltet , als er selbst es vermöchte , überläßt , einen ebenso großen Teil an der Verfügung über dasselbe auf ? Hat das Freifräulein Juliane von Poppen das Recht , den Teil des Herzens Helene Wienands , der ihr gehört , gegen den Willen des Vaters zu wenden ? Ich kämpfe für die Seele , die ich zu vertreten habe ; ich vertrete das Glück meines Sohnes Robert Wolf und beantworte die Frage mit Ja ! « Robert Wolf stieß einen leisen Schrei hervor und streckte die Hände gegen den Erzieher aus ; Helene Wienand aber wurde fast noch bleicher als gewöhnlich , blickte starr , wie im höchsten Grade erschreckt , auf den Polizeischreiber und dann mit fragend gefalteten Händen auf die alte Freundin . Diese faßte die fieberheiße Hand des Kindes und rief : » Recht , recht , Fritz ; wir haben jeder eine Seele , die wir uns gewonnen haben , zu vertreten . Ja , ich habe mir diese Seele gewonnen , und ich gebe mein Recht daran gegen keinen auf . Nicht wahr , mein Liebchen , ich habe teil an dir , und du verlässest mich nicht ? Habe ich um dich gesorgt und in Krankheitsnächten an deinem Bettchen gewacht wie eine Mutter ? Konnte eine Mutter mehr tun , als ich für dich getan habe ? Welcher Teil deines Wesens gehört dem Bankier Wienand , und welcher gehört dem alten lahmen Fräulein von Poppen ? « » O meine Mutter , meine liebe , liebe Mutter « , rief Helene , das Freifräulein umarmend , » Sie sind meine wahre Mutter . Nimmer kann ich ausdenken , wie gut , wie liebevoll Sie für mich gewesen sind . So weich haben Sie mich durch das Leben getragen . Was wäre aus mir während der letzten Jahre geworden , wenn Gott Sie nicht mir gegeben hätte ? Ich bin lange nicht so gut , als Sie - als alle glauben ; aber was löblich an mir ist , das haben Sie , Mutter , zum größten Teil mir gegeben , und mein Vater - o mein lieber - armer Vater - « Das junge Mädchen vollendete seine Rede nicht ; die Worte gingen ihr im krampfhaften Schluchzen unter , und Robert Wolf stürzte mit tränenvollen Augen vor ihren Knien nieder : » Liebe , Liebe , ach quäle dich nicht so ! Gegen den falschen Leon wird dich das Fräulein Juliane schützen ; wir beiden aber müssen den Sternen trauen . Mein Herz blutet über dein und mein Weh ; aber die Sterne , die rechten , wahren Sterne täuschen nicht . - O weiser Meister , sagt es ihr , daß sie nicht täuschen ; sagt ihr , daß sie allen denen , welche ihnen trauen und treu , treu - bis in den Tod getreu zu ihnen aufblicken , den rechten Weg weisen . Meister , Meister , sprecht zu ihr , sprecht zu uns ; bei Euern Sternen ist Trost ; die Erde ist so wild und hart und grausam ; aber Eure Sterne sind milde und geduldig . Sie gehen nicht mit dem Strauchelnden ins Gericht ; sie bändigen durch Sanftmut die Leidenschaft - ich habe es erfahren ! - , in aller Not ist Heil bei ihnen . Meister , Meister , sprecht zu der armen Helene und zu mir , dessen Herz in so großer Not und Qual zwischen zwei Weltteilen schwebt , sprecht zu uns von Euern Sternen und ihrem Rat ! « Das Freifräulein sah erstaunt auf den erregten jungen Mann , der Polizeischreiber kratzte sich mit vielen Hm ' s und Ha ' s nach seiner Art hinter dem Ohre und brummte : » Da bin ich drin für die Kosten ! Bei Gott , der Alte hat mit seinem Idealismus doch das längste Ende gezogen ! Und ich habe dem Jungen so schöne skeptische Prinzipien vorgeritten . Da liegt der Napf im Feuer , und aus dem realen Punsch werden transzendentalblaue Flammen , die durch den Schornstein zu den - Ster - nen in die Höhe schlagen . « Es hatte sich aber Heinrich Ulex der Sternseher emporgerichtet , und leise sprach er : » Ich wußte es ! Ja , es konnte nicht anders sein . Gesegnet seien deine Worte , Robert ; mit ihnen überwinden wir das Leben , mit ihnen überwinden wir auch den Tod . Wie hinter dem Tode , so ist hinter der Geburt ein großes Geheimnis ; der Sterbende tritt in das eine , das Kind , welches geboren wird , in das andere . Auch das Leben ist eine Kette von Mysterien , die hienieden oft nur zum geringsten Teil gelöst werden . Den Schoß der Mutter verläßt das Kind und weiß nichts von sich . Es hört ein unbestimmtes Geräusch und wird von einem unbekannten Licht geblendet , mit Weinen und Klagen wehrt es sich gegen beides . Mit jeder Geburt hebt der uralte Sang von der Schöpfung wieder an : wüst war es und leer , und es war finster auf der Tiefe ; aber der Geist Gottes schwebte über den Wassern . Im Buche der Genesis freilich wird es mit einem Male Licht ; in der dunkeln Seele des Menschen jedoch kommt das Licht langsam , langsam ; erst ein dämmeriger Schein , dann ein Funke hier , ein Funke da , ein Aufleuchten , welches eine mehr oder weniger fremdartige Gegend zeigt , ein Verschwinden jeglichen Scheins , wieder ein Blitz , ein Zerreißen der Finsternis , neue schwarze Wolken , und so bis zum Tode ein Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman ! Dunkel ist an und für sich das Universum , und das Licht darin geht nur von den glänzenden Kugeln aus , die wir Sterne nennen ; dunkel ist auch von Grund aus die Menschenseele , ein ebenso großes Mysterium wie das Weltall ; auch in ihr kommt das Licht