und auf dem andern auch nicht besonders hörte , so daß sie mich durchaus nicht verstehen konnte , so laut ich auch schrie . Nichts , nichts , liebe Tante ! sagte der Baron ; fort Jochen ! Es war spät in der Nacht , als sie wieder kamen . Ich hatte alle Leute zu Bett gehen lassen mit Ausnahme des neuen Kammerdieners , den der Herr von seiner Reise mitgebracht hatte . Die junge Dame war mit im Wagen . Als sie auf den Flur traten und der Schein des Lichtes , das der Baptiste , so hieß der Mensch , in der Hand trug , auf das rosige Gesichtchen der jungen Dame fiel , verzog sich sein Gesicht zu einem recht widerlichen Lachen . Aber ich sah , daß Harald die Stirn runzelte , und mit den Augen winkte , da war Baptiste gleich wieder ganz Ernst und Diensteifer . Führe die Damen auf ihre Zimmer , Alte ! sagte Harald zu mir , und dann verbeugte er sich stattlich vor den Frauen und wünschte ihnen wohl zu schlafen . Wollen Sie mir Ihren Arm geben , liebe Marie ? sagte die Tante , als ich mit dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging ; meine alten Glieder sind doch etwas müde von der heutigen Fahrt . Wie soll ich Ihnen Ihre Güte danken , gnädige Frau ! sagte das Mädchen mit einer so weichen , süßen Stimme , daß ich mich unwillkürlich umsehen mußte . Die Alte und das Mädchen standen auf dem Absatz der Treppe . Der Schein von den Kerzen auf dem Armleuchter , den ich trug , fiel hell auf die Beiden und ich werde den Anblick nie vergessen , und sollte ich noch einmal achtzig Jahre verleben . So widerlich häßlich war mir die Tante noch nie erschienen , und so etwas Holdes und Schönes , wie die junge Dame , hatte ich im Leben noch nicht gesehen . Sie wissen es am Besten , liebes Kind , sagte die Alte , und dabei zog sie eine Fratze , die sie wo möglich noch häßlicher machte . Ich habe nur noch einen Wunsch auf Erden ; es steht bei Ihnen , ob mir dieser Wunsch erfüllt werden soll , oder nicht . Das Mädchen antwortete nicht , aber die hellen Thränen traten ihr in die Augen , und dann beugte sie die schlanke hohe Gestalt nieder und küßte der alten Hexe die Hand . Nun , nun , sagte die , Sie sind ein gutes Kind , wir werden uns schon verstehen , und mein Harald , mein Augapfel , wird noch glücklich werden . Lassen Sie sich den Leuchter geben , liebe Marie ; ich kenne das Schloß meiner Ahnen noch recht gut , obgleich ich es nun seit sechzig Jahren nicht gesehen habe . Gehe Sie zu Bett , liebe Clausen ; ich bemühe die Leute nicht gern unnöthiger Weise . Und das mußte man der Tante lassen ; wir bekamen nur sehr selten ihre Klingel hören . Sie zog sich selbst an und aus ; freilich brauchte sie mehrere Stunden dazu , aber Keiner von uns durfte ihr die geringste Hülfe leisten ; ja , seitdem eins der Mädchen einmal , während sie sich anzog , in ihre Stube gekommen war , schloß sie stets hinter sich ab . Sie hatte sonderbare Gewohnheiten , die alte Frau . So konnte sie des Abends nicht müde werden , und ich sah sie manchmal noch bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern , dafür schlief sie aber bis in den Nachmittag hinein . Bei Tische hatte sie nie Appetit , aber auf ihrem Zimmer konnte sie desto mehr essen und trinken , manchmal zwei , drei Flaschen alten Wein an einem Tage . Aber was das Merkwürdigste war , sie schien heute fünfzig und morgen achtzig Jahre alt zu sein ; sie konnte in dieser Minute das leiseste Wort hören und in der nächsten war sie stocktaub ; sie schleppte sich das eine Mal nur so an ihrem Stocke fort und das andere Mal kam sie die Treppen schneller hinab , als ich , obgleich ich damals erst sechzig Jahre und noch vollkommen rüstig war . Mir war es ganz unheimlich bei der alten Frau , und ich war froh , wenn ich ihr möglichst weit aus dem Wege gehen konnte . Und wie lebte Fräulein Marie unterdessen ? Sie war fast immer in Harald ' s Gesellschaft . Ich sah sie des Morgens zusammen zwischen den thaufrischen Beeten des Gartens unherschweifen , Arm in Arm , sie , die Augen verschämt niederschlagend , und Harald , eifrig und leise zu ihr sprechend . Ich sah sie des Nachmittags in den kühlen Zimmern , die nach dem Park hinausliegen , sitzen , sie , mit einer Arbeit beschäftigt , die aber oft müßig in ihrem Schooß lag ; ihn , aus einem Buche vorlesend , noch öfter aber den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt , während sie selig lächelnd zu ihm emporschaute , sie mit glühenden Blicken verschlingend und ihr von Zeit zu Zeit das seidenweiche braune Haar aus der schönen Stirn streichend . Ich sah sie des Abends wieder draußen herumschweifen , oder in den hellerleuchteten Zimmern , Arm in Arm , langsam auf- und abwandeln , während Tante Grenwitz auf dem Sopha saß und las , oder doch that , als ob sie läse . - Ach ! es war eine köstliche Zeit für das arme Kind ; und sie sah stets so glücklich und selig aus , daß es einem angst und bange wurde , wie das enden solle ; und wenn sie mich traf , hatte sie stets ein freundliches Wort für mich : Wie geht ' s , liebe Frau Clausen ? oder : kann ich Ihnen nicht helfen , liebe Frau Clausen ? Sie lassen es sich gar so sauer werden . Ich schäme mich , daß ich hier so müßig gehe