der Gegend , in der Residenz des Kirchenfürsten der Provinz , arbeitete und seine juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien . Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zurück und auf deren Verfasser . Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit , sich über die Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln . Lucinde hatte , noch ehe sie sich zu Tisch gesetzt , schon mit Renaten einen Strauß angebunden über einen Spiegel , von dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte . Frau Renate bemerkte diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ... Morgen wäre Putztag und das Fräulein brauchte sich nicht zu incommodiren , sagte sie spitz ... Lucinde replicirte , sie möchte sich beruhigen , ein Spiegel könne ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf wiederum Renate : Ei sie möchte doch nicht glauben , daß sie die einzige Dame wäre , die hier schon vorgesprochen ! ... Benno , dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens für seinen Cousin bald übersah , flüsterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort Mephisto ' s zu : » Du ahnungsvoller Engel du ! « Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt . Ihr Deckel warf einen dunkeln Schattenring über die Mienen der dem bescheidenen Mahle Zusprechenden . Renate saß nicht darunter , wohl aber Hedemann . Dieser war , wie der Knecht beim Bauer , wie der Edelknappe beim Ritter , Diener und Freund zugleich , ganz im Charakter jenes Landes , das nach Benno ' s Erzählung im Höhenrauch seinen ewig blauen ionischen Himmel findet . Hedemann durfte ebenso das Wort führen , wie er auch das Brot vorschnitt . Von den Italienern , die durch den Ort durchgefahren waren , sagte er : Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden ! Hedemann ! rief Benno . Mit ihren Waaren ! Gegenstände heiliger Verehrung Waaren ! Man sieht , wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben ! Hoffentlich kehren Sie an Porzia ' s Hand zur Rechtgläubigkeit zurück ! Bona , hast du nicht noch eine alte italienische Grammatik übrig ? Ich glaube , Hedemann verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana . Porzia Biancchi scheint es ihm angethan zu haben ! Lucinde schürte den Scherz und erbot sich , da Hedemann in Kocher am Fall wohnte , wenn er wollte , zum förmlichen Unterricht . Hedemann erwiderte seufzend : Ein Schüler von fünfundvierzig Jahren ! Wer mit fünfundvierzig Jahren noch lieben kann , ist zu allen Dingen gelehrig ! erwiderte Lucinde , die ein sittsames Verschleiern und nur leises Berühren zarter Gegenstände nicht in ihrer Art hatte . Hedemann verweilte in der That mit Antheil bei den Lebensverhältnissen dieser Italiener , bei ihrer leichten Art , das Leben aufzufassen , ihrer Kunst , wo und wie nur irgendmöglich , dem Leben Gewinn zu entlehnen , und wieder kam er bei der Thatsache an , daß sie eigens wären aufgefordert worden , gerade jetzt ins Land zu wandern und überall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten Preisen anzubieten . Nun ja , sagte Bonaventura , gerade jetzt , wo man wieder beweisen muß , daß es in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist , die Märtyrerkrone gewonnen zu haben ! Durch eine Ideenverbindung , die nicht ausgesprochen zu werden brauchte , weil jeder sie für sich selbst ergänzte , kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen Lebens überhaupt . Hedemann fragte , ob nicht Bonaventura der morgenden , zu Kocher am Fall stattfindenden Besprechung einer großen Anzahl von Geistlichen beiwohnen würde ? Bonaventura erwiderte zögernd mit der einfachen Frage : Bei Beda Hunnius ? Sein Vetter verstand , was er sagen wollte , und unterbrach die Angabe der Gründe , warum sich der Pfarrer solchen Verschwörungen gegen die Regierung entzöge , mit den parodirten Worten des Tell : Doch , was ihr thut , laßt ihn aus eurem Rath ! Er kann nicht lange prüfen oder wählen ; Bedürft ihr seiner zur bestimmten That , Dann ruft den Tell , es soll an ihm nicht fehlen ! Diese Worte erheiterten die etwas gedrückte Stimmung . Auch Bonaventura sagte mit einem Lächeln , das seinen Zügen einen unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Güte gab : Hätt ' ich gedacht , daß ich heute noch bei Erwähnung der Schweiz lachen würde ! Den ganzen Tag über war ich in die Erinnerungen verloren , die sich an unsern alten braven Mevissen knüpfen ! Das bereits gleich nach erster Begrüßung von Benno und Hedemann berührte Thema wurde aufs neue aufgenommen . Man sah , daß es sich um den Tod eines Mannes handelte , der einer ganzen , weitverzweigten Familie werth gewesen war . Da er aber auch an den Tod Friedrich ' s von Asselyn , des Vaters Bonaventura ' s , Gemahls der jetzigen Frau von Wittekind-Neuhof , erinnerte , so konnte sich niemand gedrungen fühlen , bei dem Gegenstande allzu lange zu verweilen . Nur Lucinde ... diese hatte schon seit lange das System , keine Wunde zu schonen , keinen Schmerz zu umgehen , alles gerade so zu nehmen , wie es ist . So sprach sie auch hier , ohne die geringste Besorgniß , ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen . Ich höre ja auch , daß dieser Mann in einem Sarge begraben ist , den er sich selbst gezimmert hat ? Ja , sagte Bonaventura , er fing diese Arbeit an nach einer Predigt , die ich am letzten Allerseelentage hielt ! » Wir leben den Tod ! « - diesen Spruch eines Weisen behandelte ich und ich mag es wol in zu lebhaften Bildern gethan haben ! Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmäßige Rhetorik in ein großes Leichentuch . Die Sterne waren die silbernen Verzierungen desselben , der Mond die Krone auf dem Grabe , ja alle Blumen , selbst die Rosen und Lilien , verwandelten