. Die Gebirge standen im Reize und im Ganzen vor mir , wie ich sie früher nie gesehen hatte . Sie waren meinen Forschungen stets Teile gewesen . Sie waren jetzt Bilder , so wie früher bloß Gegenstände . In die Bilder konnte man sich versenken , weil sie eine Tiefe hatten , die Gegenstände lagen stets ausgebreitet zur Betrachtung da . So wie ich früher Gegenstände der Natur für wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte , wie ich bei diesen Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war , wie ich ja vor kurzem erst Geräte gezeichnet und gemalt hatte : so versuchte ich jetzt auch , den ganzen Blick , in dem ein Hintereinanderstehendes , im Dufte Schwebendes , vom Himmel sich Abhebendes enthalten war , auf Papier oder Leinwand zu zeichnen und mit Ölfarben zu malen . Das sah ich sogleich , daß es weit schwerer war als meine früheren Bestrebungen , weil es sich hier darum handelte , ein Räumliches , das sich nicht in gegebenen Abmessungen und mit seinen Naturfarben , sondern gleichsam als die Seele eines Ganzen darstellte , zu erfassen , während ich früher nur einen Gegenstand mit bekannten Linienverhältnissen und seiner ihm eigentümlichen Farbe in die Mappe zu übertragen hatte . Die ersten Versuche mißlangen gänzlich . Dieses schreckte mich aber nicht ab , sondern eiferte mich vielmehr noch immer stärker an . Ich versuchte wieder und immer wieder . Endlich vertilgte ich die Versuche nicht mehr , wie ich früher getan hatte , sondern bewahrte sie zur Vergleichung auf . Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach , daß sich die Versuche besserten und die Zeichnung leichter und natürlicher wurde . Es war ein gewaltiger Reiz für das Herz , das Unnennbare , was in den Dingen vor mir lag , zu ergreifen , und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte , desto schöner wurde auch dieses Unnennbare vor mir selbst . Ich blieb so lange in dem Gebirge , als es nur möglich war , und als die zunehmende Kälte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar verbat . Im spätesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in das Rosenhaus . Es war zur Zeit , da in dem Gebirge schon mannigfaltige Schneelasten auf den Höhen lagen und das flache Land sich schon jedes Schmuckes entäußert hatte . Der Garten meines Freundes war kahl , die Bienenhütte war in Stroh eingehüllt , in den laublosen Zweigen schrillte nur noch manche vereinzelte Kohlmeise oder ein Wintervogel , und über ihnen zogen in dem grauen Himmel die grauen Dreiecke der Gänse nach dem Süden . Wir saßen in den langen Abenden bei dem Feuer des Kamins , arbeiteten unter Tags an der Einhüllung und Einwinterung der Gegenstände , die es bedurften , oder machten an manchem Nachmittage einen Spaziergang , wenn der regsame Nebel die Hügel und die Täler und die Ebenen umwandelte . Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen Malen , weil ich es gewissermaßen für eine Falschheit gehalten hätte , ihm nichts von der Veränderung zu sagen , die in mir vorgegangen war . Ich scheute mich sehr , die Versuche vorzulegen , ich tat es aber doch , und zwar zu einer Zeit , da auch Eustach zugegen war . Als Einleitung erklärte ich , wie ich nach und nach dazu gekommen wäre , diese Dinge zu machen . » Es geht allen so , welche die Gebirge öfter besuchen , und welche Einbildungskraft und einiges Geschick in den Händen haben , « sagte mein Gastfreund , » Ihr braucht Euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen , es war zu erwarten , daß Ihr nicht bloß bei Eurem Sammeln von Steinen und Versteinerungen bleiben werdet , es ist so in der Natur , und es ist so gut . « Die Entwürfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen , als sie verdienten . Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach jedes Blatt öfter betrachtet hatten , sprachen sie mit mir darüber . Ihr Urteil ging einstimmig darauf hinaus , daß mir das Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als das Künstlerische . Die Steine , die sich in den Vordergründen befänden , die Pflanzen , die um sie herum wüchsen , ein Stück alten Holzes , das da läge , Teile von Gerölle , die gegen vorwärts säßen , selbst die Gewässer , die sich unmittelbar unter dem Blicke befänden , hätte ich mit Treue und mit den ihnen eigentümlichen Merkmalen ausgedrückt . Die Fernen , die großen Flächen der Schatten und der Lichter an ganzen Bergkörpern und das Zurückgehen und Hinausweichen des Himmelsgewölbes seien mir nicht gelungen . Man zeigte mir , daß ich nicht nur in den Farben viel zu bestimmt gewesen wäre , daß ich gemalt hätte , was nur mein Bewußtsein an entfernten Stellen gesagt , nicht mein Auge , sondern daß ich auch die Hintergründe zu groß gezeichnet hätte , sie wären meinen Augen groß erschienen , und das hätte ich durch das Hinaufrücken der Linien angeben wollen . Aber durch beides , durch Deutlichkeit der Malerei und durch die Vergrößerung der Fernen , hätte ich die letzteren näher gerückt und ihnen das Großartige benommen , das sie in der Wirklichkeit besäßen . Eustach riet mir , eine Glastafel mit Kanadabalsam zu überziehen , wodurch sie etwas rauher würde , so daß Farben auf ihr haften , ohne daß sie die Durchsichtigkeit verlöre , und durch diese Tafel Fernen mit den an sie grenzenden näheren Gegenständen mittelst eines Pinsels zu zeichnen , und ich würde sehen , wie klein sich die größten und ausgedehntesten entfernten Berge darstellten , und wie groß das zunächstliegende Kleine würde . Dieses Verfahren aber empfehle er nur , damit man zur Überzeugung der Verhältnisse komme und einen Maßstab gewinne , nicht aber , daß man dadurch künstlerische Aufnahmen von Landschaften mache , weil durch einen solchen Vorgang die künstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren würde , welche in Bezug auf Darstellung das Wesen und das Herz