Reichern und Vornehmern für die leidende Menschheit zu wirken . Man kann es Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen , daß sie sich zurückziehen , denn es könnte da ja der traurige Fall eintreten , daß eine der Rangklasse nach geringere , in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei den lebenden Bildern einen Tag nach der Aufführung es wagen würde , die andere eines freundlichen Grußes zu würdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit schadete bei Vettern , Nichten , Basen und Muhmen , ja bei der ganzen hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft . - Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht enthalten , denn es wird gewiß auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Lieblosigkeit verfahren , einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere , die in ihren Aeußerungen so sehr nachhaltig und verletzend , ja die im Stande sein kann , Zukunft und Lebensglück zu untergraben , die sich nicht in einer einzelnen Mißhandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht , sondern die ein schwaches Gemüth , wie es deren ja viele gibt , durch fortgesetzte Quälereien und Nadelstiche zu Tode martert . Es ist das ein Kapitel , welches in keiner Sklavengeschichte fehlen darf , und das auch in Onkel Tom ' s Hütte vorkommen würde , wenn es dort bürgerliche Rang- und Klassenunterschiede gäbe , und wenn sich in Amerika eine schwarze Kommerzienräthin zieren würde , mit einer Gleichgefärbten am nämlichen Tische ihren Thee zu nehmen , weil sie selbst vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist , während der Vater dieser vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift . - Darin sind die Schwarzen glücklicher , denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben , wenn auch gleiche Leiden , doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden , wogegen bei uns freien Weißen neben der großen Peitsche , die das allgemeine Schicksal über uns schwingt , noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen , deren Schlag , heimtückisch und aus dem Dunkel nach uns geführt , viel schmerzlicher ist als der Schlag der großen Zuchtruthe . Diese Schläge aber , geliebter Leser , sind unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen , und es wäre gar zu komisch , wenn es auf einmal möglich gemacht würde , all ' die kleinen Geißeln zu sehen , die ein Mensch gegen den andern schwingt . Das wäre erstaunlich amusant , wenn du zum Beispiel bemerken könntest , wie jener Mann , der dir so theilnehmend erzählt , man habe von dir ausgesagt , du hättest neulich diese oder jene Schlechtigkeit begangen , aber es sei eine niederträchtige Verleumdung , und er selbst wisse das ganz genau , - wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich recht absichtlich tief in ' s Herz trifft . - Ja , in der That , wir wüßten nicht , was wir um den Anblick geben würden , unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal zu sehen bei Spaziergängen , in Gesellschaften , im Theater , bei freundschaftlichen Mittagessen , Alle in gegenseitiger Prügelbeschäftigung , Alle mit langen und scharfen Geißeln in der Hand . Aber es ist doch besser , wenn sie unsichtbar bleiben , denn es würde der geneigte Leser auch wahrnehmen , wie wir , seine harmlosen und ganz unterthänigsten Erzähler , zuweilen eine tüchtige Schnur an unsere Feder binden , um rechts und links um uns zu hauen , zur Belustigung der Unparteiischen , aber auch zur Strafe unserer Weißen Sklavenbesitzer . Neunundzwanzigstes Kapitel . Eine Probe lebender Bilder . Der Kommerzienrath Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die nothwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der Residenz freundlichst gebeten , sich zu einer ersten vorbereitenden Probe lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu wollen . Das Gerücht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen keine kleine Aufregung hervorgebracht . Manche Dame , die wohl erwarten konnte , zur Aufführung eingeladen zu werden , hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der Klingel zusammen , ob der ersehnte Bediente nicht erscheine . Manch ' schüchterne Frage an das Schicksal , das heißt in diesen Fällen an die Mutter und den Spiegel , wurde gethan , ob es denn wohl möglich sei , da ausgeschlossen zu werden , wo die Erwählten sich in schönen Stellungen und noch schöneren Costümen vor der ganzen Gesellschaft zeigen werden . Der Kommerzienrath war der Erste , der seit langen Jahren wieder die Tableaux in Aufnahme zu bringen versuchte , und man bemerkte deutlich an so Vielem , daß diese Idee eine zeitgemäße sei . Man hofirte dem alten Herrn , noch mehr aber der finsteren Räthin auf die auffallendste Art von der Welt ; es kamen Besuche über Besuche und deßhalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha , der Bediente nicht von der Hausthüre hinweg . Im Theater schmachtete man im ganzen zweiten Range nach der Loge des Banquiers , wie es der gesammte Adel im ersten Range bei festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestät zu machen pflegt . Der Kommerzienrath war in diesem Augenblicke nicht blos der König der Börse , er war auch der König seiner Gesellschaft , und wenn er in seine Loge trat , so zuckte es rechts und links von den Stühlen empor ; mancher lange Hals von der Weiße eines Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gans that das Uebermögliche , um sich um einen neidischen Pfeiler herum biegen zu können . Unternehmende Beamtentöchter der Kommerzienräthin gegenüber bemühten sich auf ' s Auffallendste , ihre körperlichen Reize in ' s beste Licht zu setzen ; sanfte Blondinen stützten sich schüchtern und melancholisch auf den Arm und schlugen in unnachahmlicher Weichheit zuweilen die Augen auf , um ihre Qualifikation zu irgend einer Heiligen oder gar zur Himmelskönigin darzuthun . Andere mit blitzenden Augen und vollen schwarzen Haaren sahen verwegen über die linke Schulter