die Hinrichtung meines unglücklichen Freundes , und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewußt nur dadurch erzeugt , daß die Seele beschimpfende Verbrechen und öffentliche Hinrichtung immer verbunden denken will . Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen , und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten , wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt , alle Dämme , die Sitte , Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben , brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt ? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet , setzte er mit Wehmuth hinzu , und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen , ohne den eignen Werth zu verlieren ? Blieb nicht in ihrer Seele , neben ihrem Kummer , Raum für jede edle Empfindung , und bin ich klein genug , diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen ? Und ist es denn nicht möglich , daß noch Alles besser wird ? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen , an meiner Brust wird ihr lange gepreßtes Herz nun freier schlagen , ich kann kräftiger , als sie es vermochte , die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen , dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist , der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschönern kann . Nein , ich bin nicht unglücklich , schloß der Graf sein langes Selbstgespräch , und neuen Muth und neue Hoffnung drückten seine edeln Züge aus , und mild leuchteten die noch von Schmerzensthränen feuchten Augen . Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt , es äußerlich ruhig zu erwarten , ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde , nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn . Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen , leidenschaftlichen Gebet die Hände , sie krampfhaft fest in einander schließend , und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens , wenn sich das Herz des Grafen , durch ihr langes Schweigen beleidigt , von ihr abwenden sollte . Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt , und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie , im Vorzimmer des Grafen zu erkunden , ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei , aber ihn auf keinen Fall zu rufen . Emilie berichtete , der Graf sei in seinem Kabinet und kein Laut vernehmbar . Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück . Der Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender ; Fiebergluth und Leichenblässe wechselten auf ihrem Gesichte , und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers . Als Emilie zum fünften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde , nahm sie sich vor , den Grafen auf jeden Fall zu sprechen , um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen , und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Thüre , als er sein Kabinet öffnete . Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit : Was macht meine Gemahlin ? Sie lebt , erwiederte die weinende Emilie , aber ihr Zustand - - Er hörte nichts mehr ; das eine Wort hatte ihm genug gesagt , um ihn mit höchster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen . Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück , und die flehenden Augen der Gräfin , ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der schmerzlichsten Wehmuth . Mein theures , mein geliebtes Weib ! rief er aus , indem er sie in seine Arme schloß . So hast Du mir vergeben ? sagte die Gräfin mit kaum hörbarer Stimme . Es war das erste Mal , daß sie ihren Gemahl mit Du anredete , und diese einzige Sylbe , die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu vernehmen , rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf ' s Innigste . Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken , die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende Gespräche zu vermeiden . Die leidenschaftlichsten Ergüsse des Herzens , die zärtlichste Selbstanklage , die großmüthigste Vergebung wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab , und der Arzt würde befürchtet haben , daß der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreißen müßte . Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen , aber der Balsam des Trostes senkte sich mild in ihre Brust . Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes , der die Bilder eines glücklichen , genußreichen Lebens vor ihr entfaltete , aber selbst in dieser Aufregung des Gemüths Besonnenheit genug behielt , keine Hoffnung erregen zu wollen , daß der verlorne Sohn noch gefunden werden könnte ; denn ob er sich gleich vornahm , die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen , so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken , die er vielleicht niemals erfüllen könnte . Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen , und die Ruhe , die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat , die das Herz der Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte , wirkte höchst vortheilhaft auf ihre Gesundheit ; sie versprach dem Grafen , sich zu schonen und , um sich für ihn , zu dessen Glück sie nothwendig sei , zu erhalten , den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten . Getröstet , indem er Trost ertheilte , verließ der Graf , mit sich zufrieden , das Gemach seiner Gemahlin , nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte . Im Vorzimmer traf er Dübois , der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort über den Zustand der Kranken vernehmen wollte . Dem Grafen flogen schnell , wie er den alten Mann erblickte , alle Bilder dessen , was er gethan und