beneiden muß . Das zerknillte Blättchen habe ich sogleich aufgezogen , mit einem braunen Rahmen umstrichen , und so steht es vor mir , indem ich dies schreibe , sende ja bald bessere Abdrücke . Albrecht Dürer wäre ganz glücklich angekommen , wenn man nicht die unselige Vorsicht gehabt hätte , feines Papier obenauf zu packen , das denn im Kleide an einigen Stellen gerieben hat , die jetzt restauriert werden . Die Kopie verdient alle Achtung , sie ist mit großem Fleiß und mit einer ernsten , redlichen Absicht verfertigt , das Original möglichst wiederzugeben . Sage dem Künstler meinen Dank , Dir sag ich ihn täglich , wenn ich das Bild erblicke ; ich möchte von diesem Pinsel wohl einmal ein Porträt nach der Natur sehen . Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe , so fühle ich mich gedrungen Dir zu sagen : daß Du doch Dein Naturevangelium , das Du den Künstlern predigst , in etwas bedingen möchtest ; denn wer ließe sich nicht von so einer holden Pythonisse gern in jeden Irrtum führen . Schreibe mir , ob Dir der Geist sagt , was ich meine . Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand , daß ich verschweige , was ich zu sagen keinen Vorwand habe . Ich bitte Dich nur noch durch Übersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in meinem Hause zu spuken . In diesen Tagen ließ sich eine Freundin melden , ich wollt ihr zuvorkommen und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen , da ich die zweite Treppe im Elefanten erstieg , aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze , doch ist mir ' s seitdem angetan , daß ich mich oft nach der Tür wende , in der Meinung , Du kommst , meinen Irrtum zu berichtigen ; durch eine baldige ersehnte Überraschung würde ich mich auch noch der in meiner Familie altherkömmlichen prophetischen Gabe versichert halten , und man würde sich mit Zuversicht auf ein so erfreuliches Ereignis vorbereiten , wenn der böse Dämon nicht grade eingeübt wär , zuvörderst dem Herzen seine tückischsten Streiche zu spielen ; und wie die zartesten Blüten oft noch mit Schnee gedeckt werden , so auch die lieblichste Neigung in Kälte zu verwandeln , auf so was muß man denn immer gefaßt sein , und es ist mir zum warnenden Merkzeichen , daß ich dem launigen April , obschon im Scheiden begriffen , Deine erste Erscheinung verdanke . Goethe An Goethe München , den 9. November Ach , es ist so schauerlich mit sich allein sein , in mancher Stunde ! Ach , so mancher Gedanke bedarf des Trostes , den man doch niemand sagen kann , so manche Stimmung , die geradezu ins Ungeheure , Gestaltlose hinzieht , will verwunden sein . Hinaus ins Kalte , Freie , auf die höchsten Schneealpen mitten in der Nacht , wo der Sturmwind einem anbliese , wo man dem einzigen einengenden Gefühl der Furcht hart und keck entgegenträte , da könnte einem wohl werden , bilde ich mir ein . Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen , blauen Himmel hinträgt und sie endlich von den breiten , mächtigen Schwingen niederschmettern läßt in die volle Blüte der Rosenzeit , das erregt nicht allgemeines Mitleid ; mancher genießt den Zauber der Verwirrung , mancher löst sein eignes Begehren drin auf , ein dritter ( mit diesem ich ) senkt sich neben die Rose hin , so wie sie vom Sturm gebrochen ist , und erblaßt mit ihr und stirbt mit ihr , und wenn er dann wieder auflebt , so ist er neu geboren in schönerer Jugend - durch Deinen Genius , Goethe . Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs : die Wahlverwandtschaften . Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht , um Dein Buch zu lesen , das mir erst vor wenig Tagen in die Hände kam . Du kannst Dir denken , daß in dieser Nacht eine ganze Welt sich durch meine Seele drängte . Ich fühle , daß man nur bei Dir Balsam für die Wunde holen kann , die Du schlägst ; denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Güte , da wußte ich ja , daß Du lebst , und auch für mich ; ich fühlte , daß mir der Sinn mehr geläutert war , mich Deiner Liebe zu würdigen . Dies Buch ist ein sturmerregtes Meer , da die Wellen drohend an mein Herz schlagen , mich zu zermalmen . Dein Brief ist das liebliche Ufer , wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe , ja sogar mit Wohlbehagen übersehe . Du bist in sie verliebt , Goethe , es hat mir schon lange geahnt , jene Venus ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen , und nachdem sie eine Saat von Tränenperlen ausgesäet , da verschwindet sie wieder in überirdischem Glanz . Du bist gewaltig , Du willst , die ganze Welt soll mit Dir trauern , und sie gehorcht weinend Deinem Wink . Aber ich , Goethe , hab auch ein Gelübde getan ; Du scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruß , » lauf hin « , sagst Du zu mir , » und such dir Blumen « , und dann verschließt Du Dich in die innerste Wehmut Deiner Empfindung , ja , das will ich , Goethe ! - Das ist mein Gelübde , ich will Blumen suchen , heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmücken und wenn Dein Fuß strauchelt , so sind es Kränze , die ich Dir auf die Schwelle gelegt , und wenn Du träumst , so ist es der Balsam magischer Blüten , der Dich betäubt ; Blumen einer fernen fremden Welt , wo ich nicht fremd bin , wie hier in dem Buch , wo ein gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt ; ich verstehe es nicht , dieses grausame Rätsel , ich begreife nicht , warum sie alle sich unglücklich machen , warum sie