dieser wo möglich die über dem Glück ihres Lebens schwebende Gefahr gänzlich zu verbergen , bestimmte Gabrielen , sich an Frau von Willnangen zu wenden , um durch diese Adelberts schleunige Zurückberufung zu bewirken . Denn so sehr sie auch den freundlichen Greis , Adelberts Oheim , liebte und ehrte , so wußte sie dennoch nicht , in wie weit man in einer , für Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf dessen Leitung sich verlassen könne , und durfte demnach es nicht wagen , das Muttergefühl der geliebten Freundin zu schonen . Mildernd , begütigend , aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als möglich bekannt . Die Markise zeigte sie ihr , so wie sie ihr selbst erschien , als ein für den ersten Augenblick höchst einnehmendes blendendes Geschöpf , reich an allem was reizt , gefällt und verführt , aber eigentlich doch arm an innerem Werthe , mit keiner einzigen der Eigenschaften begabt , die einst Augusten das Herz ihres Gatten gewannen . Auguste wird ihn wieder gewinnen , setzte Gabriele dieser Beschreibung hinzu . Sie muß ihn wieder gewinnen , um auf ewig ihn zu halten , sobald es uns nur gelingt , ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrücken , deren Nähe ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt . Um nicht zu ängstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen , versuchte es weiterhin Gabriele , der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild ihres jetzigen Lebens und des glänzenden Horizonts zu geben , an welchem sie selbst ein Stern erster Größe war . » Sie sehen , « schrieb sie ferner , » aus ihrer sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind geworden ; doch fürchten Sie nicht zu viel für meinen häuslichen Sinn . Ach liebe liebe Mutter ! ich sehne mich oft so , daß mir die Thränen in die Augen treten , nach einer einzigen Stunde , wie ich deren so unzählig viele bei Ihnen , mit Ihnen , mit Augusten , mit Ernesto verlebt habe . Wissen Sie noch den Abend , wo wir sangen : Dolce dell ' anima , speme del mio cor ? Wie laut , wie thörigt flatterte damals dieß Herz , das jetzt so leise sich regt ! Alles ist anders wie in jenen Tagen und doch im Grunde dasselbe . Was je mir theuer war , ist noch das Leben meines Lebens ; jede Freude , jedes Gelingen , jeden guten Vorsatz knüpfe ich an ein liebes Bild ; aber dieß Bild glänzt weit , weit von mir in meinem Jugendlande . Ich träume davon , wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen , aus einer fernen , goldnen , himmlischen Heimath , und wenn ich erwache , lächelt der Abglanz des Morgenrothes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein . Wirklich , ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt , recht matronenhaft vor , und ich glaube , ich erscheine auch Andern so ; meinem Zöglinge wenigstens gewiß , denn ich muß es nur bekennen , ich gebe mich jetzt mit der Erziehung ab , und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde , das ich dem Untergange entreißen will . Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt , aber erschrecken Sie nicht darüber , mein Zögling geberdet sich gewöhnlich , als zähle er deren kaum sieben ; er ist unbändig , ungehorsam und wieder lenksam , folgsam und gut wie es kommt . Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder glänzenden Eigenschaft der reifern Jugend . Denken Sie sich ihn hoch , schlank , schön wie Achill ; schmiegsam , biegsam , fast kindliche Grazie in jeder Bewegung , mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen , wie Mignon . So wunderlich wie in seinem Aeussern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern . Er ist stolz , auch wohl hochmüthig verachtend , eitel , argwöhnisch , suffisant-ausgelassen und oft recht von Herzen betrübt . Alles das theils durch das Leben , welches er bis jetzt lebte und durch die Leute , mit denen er in Verbindung gerieth , mehr aber noch , wie er mir nicht vertraute , aber errathen ließ , durch früh erlittenen Verrath , Mißhandlung und Betrug von Seiten derer , welchen es Pflicht war , ihn zu lieben . Von Natur ist er mild , bescheiden , heiter , vertrauend , jeder Aufopferung fähig , aber diese edleren Eigenschaften treten nur zuweilen hervor , und werden oft verdüstert . Er ist sehr unterrichtet , sogar gelehrt wie es mich dünkt . Er weiß von Kunst zu reden , bläst die Flöte , zeichnet , skizzenhaft aber geistreich . Doch alles dieß ist ihm nur ein Erlerntes , er weiß es nicht zu brauchen , er weiß nur damit zu glänzen . Er geht umher wie ein Nachtwandler in eines Königs Pallast , man muß ihn bei Namen rufen , damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgiebt , aber man muß ihn dabei auch recht sorglich festhalten , um ihn vor dem Falle zu schützen und auf rechte Bahn zu bringen . Dieß zu versuchen , habe ich mir nun vorgenommen . Ich fand ihn am Scheidewege , oder vielmehr , daß ich es nur gestehe , ich fand ihn schon eine ziemliche Strecke über die Gränze hinaus verlockt . Ein wunderliches Begegnen brachte ihn mir nahe ; zuerst war er ungezogen , ich schalt wie billig , er schämte sich etwas ungeschickt , vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem Anlasse , und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes , ja selbst Edles hervor , daß er mein innigstes Bedauern erregte , und ich den Wunsch fühlen mußte , ihm wieder zurecht zu helfen . Die Frauen mögen an seinem Verderben nicht wenig Schuld seyn . Nun es sey gewagt . Vielleicht gelingt es mir , wieder zu