lag die Gegend im hellsten Mondlichte . „ Ich habe das Fenster geöffnet , “ sagte Gabriele . „ Es war so dumpf im Zimmer , und der Abend ist so schön . “ „ Ja , sehr schön ! “ wiederholte der Freiherr , in Gedanken verloren hinausblickend , dann wandte er sich plötzlich wieder zu seiner jungen Gefährtin . „ Du hast Recht , man fühlt sich heute so beengt und gedrückt in den geschlossenen Räumen . Es drängt mich förmlich , einmal draußen im Freien aufzuathmen . Wollen wir hinunter in den Schloßgarten ? “ Gabriele willigte sofort ein . Der Freiherr nahm ihren Reiseshawl , der noch auf dem Sopha lag , und hüllte ihn sorgfältig um die schlanke Gestalt ; dann verließen sie beide das Zimmer . Im Schloßgarten herrschte , wie gewöhnlich , Einsamkeit und Stille , aber seine Sommerpracht war längst dahingeschwunden . Das dichte Blätterdach , das ihn sonst in tiefen Schatten hüllte , hatte sich gelichtet ; die mächtigen Linden standen halb entlaubt , und das Mondlicht lag voll und klar auf den Rasenflächen . Noch rauschte der Nixenbrunnen und warf unermüdlich die weißen Wasserschleier empor , und die Beiden , denen sein Rauschen so verhängnißvoll geworden war , standen jetzt wieder an seinem Rande , umsprüht von dem fallenden Tropferegen . Raven blickte mit einem seltsamen Gemisch von Zärtlichkeit und Düsterheit auf seine Begleiterin nieder . „ Die ‚ Nixenrache ‘ hat mich doch erreicht , “ sagte er halblaut . „ Warum wagte ich es auch , der Nixen und ihres Zaubers zu spotten ! Ich habe den Ort seit jenem Tage nicht wieder betreten , heute aber zog es mich unwiderstehlich hierher . Einmal noch mußte ich den Quell sehen . “ Gabriele schreckte bei den letzten Worten empor . „ Einmal noch ? Was heißt das , Arno ? Was willst Du damit sagen ? “ Es lag eine ahnungsvolle Angst in der Frage . Arno lächelte und strich beruhigend mit der Hand über das blonde Haar des jungen Mädchens . „ Sei doch nicht so schreckhaft ! Es heißt nur , daß ich das Schloß und die Stadt in den nächsten Tagen verlassen werde . Der Schlag , von dem Du meintest , daß er nur drohte , ist bereits gefallen – seit heute Morgen habe ich aufgehört , Gouverneur der Provinz zu sein . “ „ Also haben sie Dich doch bis zum Aeußersten getrieben , “ sagte Gabriele leise . „ Du hast Deine Entlassung genommen ? “ „ Nein – erhalten ! “ Die Lippen des Freiherrn zuckten , aber er vermochte es doch jetzt , das Wort auszusprechen , das eine so grenzenlose Demüthigung für ihn einschloß . „ Erhalten ? “ wiederholte Gabriele . „ Ohne daß Du darum nachsuchtest ? Das ist ja – “ „ Beleidigung ! “ vollendete Raven , als sie inne hielt . „ Oder Verurtheilung , wie Du es nehmen willst . Man läßt dem Gestürzten sonst wenigstens der Welt gegenüber den Ausweg , seinen Abschied selbst zu verlangen . Mir ist auch das versagt worden . “ „ Und was wirst Du nun thun ? “ fragte Gabriele nach einer Pause . „ Nichts ! “ entgegnete der Freiherr kalt . „ Meine öffentliche Laufbahn ist zu Ende . Ich werde auf meine Güter gehen und dort – weiter leben . “ „ Wirst Du es können , Arno ? Du selbst sagtest mir einst , daß Wirken und Herrschen Lebensbedingungen für Dich seien , daß Du ein zweckloses Dasein in dem ruhigen , immer gleichen Kreise des Alltagslebens nicht ertragen würdest . “ „ Vielleicht lerne ich es . Es lernt sich ja so Manches im Leben . Ich muß es wenigstens versuchen . “ „ Und ich gehe ja mit Dir , “ flüsterte Gabriele mit vollster Innigkeit . „ Ich bleibe an Deiner Seite , für immer . “ „ Ja wohl – für immer ! “ Raven lächelte , wie vorhin , aber er vermied es , Gabrielens Blicken zu begegnen . Er umfaßte sie sanft und zog sie nach der Bank in der Nähe der Fontaine . Dort warf die größte der Linden , die noch zur Hälfte ihren Blätterschmuck trug , ihren Schatten , und dort verrieth das helle Mondlicht nicht jede Bewegung der Züge . Der Freiherr konnte den besorgten , beobachtenden Augen nicht länger Stand halten . Sie waren gefährlich , diese Augen , die mit dem Instincte der Liebe durch alle Schleier hindurchsahen und denen doch etwas verschleiert werden mußte . Arno saß eine Zeitlang schweigend an Gabrielens Seite . Er empfand den ganzen Frieden dieser Umgebung nach all den Stürmen der letzten Wochen und Monden . Auch in seinem Inneren hatte es ausgestürmt . So lange es noch etwas zu bekämpfen und zu vertheidigen gab , hatte er auf dem Kampfplatze gestanden , äußerlich unbewegt . Wie es in seiner Seele aussah , in dieser furchtbaren Zeit , wo die beiden vorherrschenden Leidenschaften seines Lebens , Stolz und Ehrgeiz , Tag für Tag verwundet , gemartert und durch tausende von Demüthigungen und Quälereien endlich bis zu Tode getroffen wurden – das wußte nur er allein . Jetzt waren Kampf und Qual zu Ende , und die Ruhe eines letzten unabänderlichen Entschlusses nahm auch der Erinnerung ihren schärfste Stachel . „ Gabriele , Du hast noch nicht einmal gefragt , was mich stürzte , “ begann der Freiherr endlich wieder , „ und doch kennst Du die Anklage . Glaubst Du daran ? “ „ Wozu sollte ich erst fragen ? Ich wußte ja , daß es nur Lüge und Verleumdung war . “ [ 562 ] „ Also Du wenigstens glaubst noch an mich ! “ sagte Raven mit einem tiefen Athemzuge . „ Ich habe nie auch nur einen Augenblick an Dir gezweifelt . Aber weshalb schweigst Du zu jener Anklage ? Weshalb trittst Du ihr nicht mit voller Macht entgegen ? Schon